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Tragikomödie "Milla Meets Moses" Romeo und Julia mit Feuerwerksraketen

Die Schülerin Milla hat Krebs und verliebt sich in den Drogenfreak Moses. In "Milla Meets Moses" schildert die Nöte der 15-Jährigen und ihrer angeblich lockeren Eltern. Und das ganz hinreißend.
aus DER SPIEGEL 41/2020
Die 15-jährige Milla (Eliza Scanlen) hat Krebs und verliebt sich in den Herumtreiber Moses

Die 15-jährige Milla (Eliza Scanlen) hat Krebs und verliebt sich in den Herumtreiber Moses

Foto: X Verleih

Die Familie ist in diesem Film mal nicht die Keimzelle, sondern die Gummizelle der Gesellschaft. Der Vater arbeitet als Psychiater und ist vom Rumgejammer seiner Patienten so genervt, dass er sich zwischendurch aus dem Behandlungszimmer ins Haus nebenan schleicht, wo er mit der hochschwangeren Nachbarsfrau knutscht. Die Mutter ist eine ausgemusterte Wunderpianistin und manisch aufgekratzt dank vieler bunter Antidepressionspillen. Die jugendliche Hauptfigur selbst, die 15-jährige Milla (Eliza Scanlen), treibt die Fürsorge der Eltern derart zur Raserei, dass sie einmal während der Morgendämmerung in die Baumkronen des heimischen Gartens hinaufblickt und voller Neid verkündet: "Ihr Vögel seid perfekt!"

"Milla Meets Moses", das Kinodebüt der australischen Regisseurin Shannon Murphy, zeichnet sich durch poetischen Eigensinn aus. Der Film beginnt mit der Begegnung der beiden Titelhelden, die offensichtlich aus gegensätzlichen Welten stammen. Auf dem Bahnsteig einer Vorortsiedlung der Großstadt Sydney rempelt ein wild tätowierter und zerzauster, aber hübscher Drogenfreak (Toby Wallace) das brav in eine Schuluniform verpackte Mädchen Milla an.

Spießige Alte oder heitere Exzentriker?

Das Blut, das aus Millas Nase rinnt, versucht der Fremde mit seinem schmutzigen T-Shirt wegzutupfen und spielt den Retter. Kaum ist die Wunde versorgt, lädt die Schülerin ihren neuen Bekannten, der schon 23 ist und den Namen Moses trägt, zu einem Essen in den Bungalow ihrer Eltern ein – offensichtlich will sie die in ihren Augen gruselig spießigen Alten schockieren.

In kurzen, jeweils mit einer eingeblendeten Kapitelüberschrift eröffneten Szenen gewährt die Regisseurin Murphy Einblicke in eine komische, keineswegs unsympathische, aber eben schwer geprüfte Kleinfamilie. Millas Eltern, die von den aus Hollywoodproduktionen bekannten australischen Schauspielern Essie Davis und Ben Mendelsohn gespielt werden, zelebrieren grandios öde Sexrituale miteinander und suchen erotische Bestätigung auch außerhalb ihrer Ehe. Vor ihrer Tochter gebärden sie sich als heitere Exzentriker – in der Hoffnung, damit zu verschleiern, wie sehr sie sich um sie sorgen.

Denn Milla hat Krebs, und weil ihr wegen der Chemotherapie bald die Haare ausfallen, trägt sie verschiedene Perücken. Zum Entsetzen der Eltern begeistert sich das Mädchen mehr und mehr für den Herumtreiber Moses. Der wurde von seiner eigenen Mittelklassesippschaft auf die Straße gesetzt, drückt sich oft zugedröhnt mit ein paar Kumpels auf einem Basketballplatz herum und erweist sich auch gegenüber seiner neuen Freundin schnell als Mistkerl.

"Milla Meets Moses" erzählt von Verrat, von Tod und Liebe und von einer Zivilisation, in der sowohl die Erwachsenen als auch die Jungen daran gewöhnt sind, jeden Schmerz mit legalen oder illegalen Drogen zu bekämpfen. Überraschenderweise ist der Film über weite Strecken trotzdem eine höchst unterhaltsame Liebeskomödie. Man sieht der schüchternen Annäherung dieser zwei extrem ungleichen jungen Menschen hingerissen zu, ebenso den Idiotien der Eltern, die zu wissen scheinen, wie peinlich sie ihre Zuneigung artikulieren.

Großstadtneurotikerporträt

Im vergangenen Jahr war Murphys Werk ein von vielen Kritikerinnen und Kritikern gelobter Erfolg bei den Filmfestspielen in Venedig. Die Themen, die der Film verhandelt, mögen vielen Zuschauern aus Kinodramen wie "American Beauty" oder "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" bekannt vorkommen; sie werden so ähnlich auch in der Serie "Sex Education" oder in Büchern wie Jonathan Franzens Roman "Die Korrekturen" verarbeitet. Aber das Tempo, der Witz und die Eleganz, mit denen hier die Psychodynamik einer spätbürgerlichen Kleinfamilie und eine Romeo-und-Julia-Geschichte der Gegenwart vorgeführt werden, machen dieses Großstadtneurotikerporträt zu einem wirklich herausragenden Kinofilm.

Die Regisseurin Murphy hat zuvor vor allem TV-Serien und Kurzfilme gedreht. Sie trumpft hier mit einer Bereitschaft zum elliptischen Erzählen auf, die deutlich an der Schnappschusskommunikation von Kanälen wie Instagram und TikTok geschult ist; und sie verblüfft mit manchmal tollkühnen Stimmungswechseln. Gerade noch waren Milla und Moses gemeinsam auf der Flucht durch den Glitzer des Nachtlebens, da lässt der Junge seine Gefährtin allein – und sie schwebt sehr verloren in einem Klub über die Tanzfläche. Dabei beamt ein Filmprojektor die Bilder eines prächtigen Feuerwerks auf ihr Gesicht.

Im Grunde handelt der Film von der Sehnsucht seiner Helden, aus der Realität abzuheben, eben so wie Feuerwerksraketen. Oder loszufliegen wie die Vögel aus den Baumwipfeln im Vorortgarten. Er ist eine Aufforderung, das eigene Dasein mit maximaler Intensität zu feiern – und die Absage an ein ernsthaftes, geordnetes Erwachsenenleben.

Es sei grundsätzlich der Fehler im System einer von Zwängen bestimmten Gesellschaft, dass man sich entscheiden müsse, was man arbeiten wolle und wo man im Leben hingehöre, doziert Moses einmal am Abendbrottisch seiner neuen, schrecklich netten Gastfamilie. "Denn dann geht es nur noch ums Funktionieren und nicht mehr um die Schönheit." Könnte es sein, dass er recht hat?

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