Iranischer Regisseur unter Druck "Sie finden dich und zwingen dich mitzumachen"

Irans Regierung hat Regisseur Mohammad Rasoulof angeklagt und hält ihn im Land fest. Jetzt kommt in Deutschland sein Film "A Man of Integrity" ins Kino, der Iran als Land voller Korruption und Lügen darstellt.

Cosmopol Film

Von Katharina Schipkowski


Als Mohammad Rasoulof 2017 zum letzten Mal in seinem Heimatland am Flughafen Teheran landete, nahm das Sicherheitspersonal ihm seinen Pass ab. Der iranische Regisseur war gerade aus Cannes zurückgekehrt, wo sein Film "A Man of Integrity" (Originaltitel: Lerd) den Hauptpreis der Kategorie "Un Certain Regard" gewonnen hatte. Bis heute darf er das Land nicht verlassen. Nun kommt "A Man of Integrity - Kampf um die Würde" in Deutschland in die Kinos.

Im Fokus steht der Protagonist Reza und die Frage, wie man es schafft, in einer korrupten Gesellschaft, in der nur Geld und Kontakte zählen, integer zu bleiben. Im Gespräch mit dem SPIEGEL per Telefon sagt Rasoulof: "Die einzige Möglichkeit ist, sich im wörtlichen Sinne von allem fernzuhalten." Doch auch das geht auf Dauer nicht gut - so zeigt es jedenfalls der Film.

Reza (Reza Akhlaghirad) und seine Frau Hadis (Soudabeh Beizaee) betreiben eine Fischzucht im ländlichen Nordiran. Sie führen ein zurückgezogenes Leben, bis die Großgrundbesitzer, "das Unternehmen" aus der Nachbarschaft, an ihr Grundstück wollen. Bei einem Streit landet Reza im Gefängnis und soll obendrein eine Entschädigung zahlen, weil der einflussreiche Nachbar Polizisten und Richter bestochen hat. Als Reza sich wehren will, helfen ihm weder Anwälte noch Freunde - stattdessen raten sie ihm, sich selbst "Freunde" zu kaufen und sich nicht mit dem "Unternehmen" anzulegen.

Regisseur Rasoulof 2017 in Cannes
Stephane Mahe/ REUTERS

Regisseur Rasoulof 2017 in Cannes

In Iran, sagt Rasoulof, seien es die Menschen gewohnt, zu lügen und einer Doppelmoral nachzugehen. Das Regime der islamischen Republik zwinge ihre Staatsbürger, religiös zu leben - oder zumindest so zu tun. Auf diese Weise seien die Menschen oft genötigt, gegen ihr Gefühl zu handeln, was sie massiv frustriere. "Wenn man auf die Straße geht, sieht man überall Wut und Aggression", sagt Rasoulof. Diese Wut spiegelt sich auch in den Gesichtern der Darsteller von "A Man of Integrity".

Rasoulof, der mit seinen gesellschaftskritischen Filmen "Twilight", "Goodbye" und "Manuscripts Don't Burn" internationale Erfolge feierte, weiß, was es heißt, das Regime gegen sich zu haben. 2010 wurde er während gemeinsamer Dreharbeiten mit dem befreundeten Regisseur Jafar Panahi verhaftet. Sie hatten an einer Dokumentation über die Proteste nach der iranischen Präsidentschaftswahl 2009 gearbeitet. Die Regierung warf ihnen Anti-Regime-Propaganda vor und verurteilte sie zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufs- und Reiseverbot.

Filme werden zu Schmuggelware

In einem Revisionsverfahren wurde die Strafe für Rasoulof auf ein Jahr reduziert, er kam auf Kaution frei, auch das Ausreiseverbot wurde aufgehoben. 2013 wechselte die iranische Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinedschad zu dem liberaleren Hassan Rohani, und das Land öffnete sich ein wenig. Dem veränderten Klima hat es Rasoulof zu verdanken, überhaupt eine Drehgenehmigung für "A Man of Integrity" bekommen zu haben.

"Manuscripts Don't Burn" hatte er noch komplett im Geheimen drehen und den Film außer Landes schmuggeln müssen. Von Panahi ist bekannt, dass dieser einen USB-Stick in einen Kuchen einbuk, um die Dateien aus Iran zu schaffen. Wie Rasoulof es gemacht hat, will er nicht genau sagen. Nur so viel: "In digitalen Zeiten braucht man nicht unbedingt einen Kuchen."

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"A Man of Integrity": Rachedurst ersetzt Rechtschaffenheit

Das Resultat seines genehmigten Drehs gefiel der Zensurbehörde jedoch ebenso wenig wie die verbotenen Filme. Noch weniger gefiel ihr, dass er ihre Änderungswünsche nicht umsetzte und den Film, so wie er war, in Cannes aufführen ließ. Das Bild, das Rasoulof von der islamischen Republik zeichne, sei zu negativ, argumentiert die Behörde. "Das Bild, das die Behörde gern hätte, hat mit der Realität nichts zu tun", sagt Rasoulof.

Zu sehen sein wird "A Man of Integrity" in Iran nicht. Rasoulof ärgert das sehr. Das iranische Kino sei voll von dummen und schlechten Filmen, sagt er. Das sei vom Regime so gewünscht - die Leute sollten ihren Alltag vergessen und keine kritischen Gedanken entwickeln. Auch deshalb wolle er sich nicht einschüchtern lassen und unbedingt weitermachen. Er denke nicht daran, ins Ausland zu fliehen. "Wenn jemand das Land verlassen muss" sagt er, "dann die korrupte Regierung."

In vielerlei Hinsicht ähnelt der Regisseur dem Protagonisten von "A Man of Integrity". Auch der schweigsame und sture Reza will sich nicht den Spielregeln fügen, auch er legt sich mit den Mächtigen an und kämpft für Gerechtigkeit. Am Ende scheitert Reza. "Du kannst dem System nicht entkommen", sagt Rasoulof. "Egal, wo du bist - sie finden dich und zwingen dich mitzumachen."

Der Kampf gegen das Regime macht einsam

Der Regisseur betont, dass Rezas Geschichte nicht seine eigene ist. Die Wut, vielleicht. Der Kampf gegen den repressiven Staat und die Korruption offensichtlich auch. Für wie integer hält Rasoulof sich selbst? "Bislang für ziemlich integer", sagt er. Aber das Resultat sehe man ja: Er lebt getrennt von seiner Familie, die in Hamburg wohnt, und darf das Land nicht verlassen. Es ist eine weitere Parallele zu seinem Protagonisten: Der Kampf gegen das Regime macht einsam.

Aktuell wartet Rasoulof auf seinen Prozess. Die Revolutionsgarden, die paramilitärischen Milizen des Staates, werfen ihm "Gefährdung der nationalen Sicherheit" und "Propaganda gegen die islamische Regierung" vor. Auf den ersten Vorwurf stehen fünf Jahre Haft, auf den zweiten ein Jahr. Die Revolutionsgarden agieren teilweise geheimdienstlich gegen Feinde im Inneren. "Wenn man diese Leute gegen sich hat", sagt Rasoulof, "ist letztlich egal, was man gemacht hat. Dann gilt kein Gesetz."

Im Video: Der Trailer zu "A Man of Integrity"

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Es ist schwer nachvollziehbar, dass Rasoulof so fest entschlossen ist, dem enormen Druck standzuhalten. Ihm helfe es, nicht zu viel über seine eigene Situation nachzudenken, sagt er. Stattdessen: Weitermachen, weiter schreiben, weiter Filme drehen. Wann er jemals wieder ein freier Mensch sein wird, ob seine Filme je in Iran gezeigt werden können - für all das gibt es derzeit keine Indizien. Aber eines ist ihm klar: "Wer etwas ändern will, muss einen Preis bezahlen."


"A Man of Integrity - Kampf um die Würde" (Cosmopol Verleih) startet am 2. Mai in den deutschen Kinos.



insgesamt 2 Beiträge
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seamanslife 02.05.2019
1. Faschismus in Reinkultur nennt man so etwas
vielen meinen Faschismus hat nur etwas mit Deutschland zu tun, das ist falsch. Faschismus ist ein internationales Problem (eine Geisteshaltung egal welcher Religion) und wie wir sehen keimt er in Ländern Osteuropas die unter dem deutschen Faschismus so entsetzlich gelitten haben wieder auf.
mr.zoui 03.05.2019
2.
Man kann Werk und Regisseur aber auch kritischer sehen. Auch der sechste Spielfilm von Mohammad Rasoulof zeugt von dessen unbändigem Zorn auf das iranische Regime, wobei der Regisseur wieder polemisch über das Ziel hinausschiesst und dem Widerstand damit keinen Dienst erweist. https://www.nzz.ch/feuilleton/a-man-of-integrity-ein-verzerrtes-bild-irans-ld.1375923
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