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Nachwuchsstar Xavier Dolan: Auf dem Weg nach ganz oben

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Shootingstar Xavier Dolan "Ich wollte meine Mutter bestrafen"

Mit dem Mutter-Sohn-Film "Mommy" ist Xavier Dolan einer der Überraschungserfolge des Jahres gelungen. Milde stimmt ihn das nicht: Hier zieht er über Elendspornos und Kollegen her, die das Kino für Schwanzvergleiche missbrauchen.
Zur Person

Xavier Dolan, geboren 1989 in Montréal, war in seiner Heimat Kanada bereits ein gefragter Schauspieler, bevor er mit 20 Jahren seinen Debütfilm "I Killed My Mother" drehte. Sein fünfter Film "Mommy" feierte 2014 im Wettbewerb von Cannes Weltpremiere und wurde dort mit dem Jury-Preis ausgezeichnet. Der Film, bei dem Dolan erneut für Buch, Regie, Schnitt und Produktion verantwortlich ist, ist Kanadas Beitrag für den Auslands-Oscar. In Frankreich steht "Mommy" kurz davor, eine Million Zuschauer zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dolan, Sie haben über Ihren neuen Film "Mommy" gesagt, dass Sie damit die Darstellung der Mutter aus Ihrem semi-autobiografischen Debütfilm "I Killed My Mother" korrigieren wollten. Was gab es da gutzumachen?

Dolan: Ich hatte das Gefühl, "I Killed My Mother" geschrieben zu haben, um meine Mutter zu bestrafen. "Mommy" sollte eine Art Versöhnungsgeste sein - aber nicht speziell für meine Mutter, sondern für Mütter im Allgemeinen. "Mommy" hat nichts mit meinem Leben, meiner Mutter oder dem Kind zu tun, dass ich einmal war - oder tief im Herzen noch bin. Die Geschichte ist komplett erfunden.

SPIEGEL ONLINE: In beiden Filmen spielt Anne Dorval die Mutter, nur muss sie sich diesmal in Glitzerjeans quetschen und viel Dekolleté zeigen. Wie haben Sie sie von der Rolle überzeugt?

Dolan: Ich musste sie überhaupt nicht überzeugen: Anne und ich sind Freunde und Verbündete, künstlerisch wie emotional. Bei "Mommy" ging es um die Freude daran, das komplette Gegenteil von ihrer Rolle in "I Killed My Mother" zu spielen. In meinem ersten Film hat sie eine Vorstadtmutti gespielt, die kitschigen Nippes sammelt und überhaupt nicht sexuell ist. In "Mommy" strotzt Anne dagegen vor Energie, sie ist eine "Milf", trägt blonde Strähnchen, Tattoos, hat keine Ausbildung und zieht sich an wie eine 14-Jährige. Trotzdem ist sie stark und kämpft wie eine Löwin. Eine Gewinnerin.

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SPIEGEL ONLINE: In "Mommy" sind die drei Hauptfiguren ein gewalttätiger Teenager, eine stotternde Lehrerin und eben die aufgebrezelte Mutter. Reicht es, wenn Sie die Figuren mögen, oder achten Sie darauf, dass sie auch zugänglich fürs Publikum sind?

Dolan: Warum sollte man einen Film drehen, wenn einem egal ist, ob das Publikum was mit den Figuren anfangen kann? Ob sie sich mit den Figuren identifizieren, von ihnen fasziniert sind oder sich als ihre Komplizen empfinden? Wenn das Publikum nichts davon empfindet, ist der Film verschwendet.

SPIEGEL ONLINE: Was, glauben Sie, transportieren denn die Figuren in "Mommy"?

Dolan: Für mich sind sie alle sehr mutig, aber sie suhlen sich nicht in billigen Sentimentalitäten oder Elend. Wir wollten um jeden Preis vermeiden, einen Elendsporno zu drehen. Ich wollte einen Film mit Gewinnertypen, nicht mit Verlierern. Wobei ich nicht glaube, dass es Verlierer per se gibt. Manchmal hat man einfach Pech, und das Leben ist hart. In meinem Film ist das Leben sicherlich hart für die Figuren, aber sie reden nie darüber. Sie wissen nicht, dass sie kein Glück haben. Sie kämpfen - und haben Spaß dabei. Sie singen, sind vulgär, aber auch schlau und überaus empfindsam. Ich bewundere sie.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das Gefühl, dass das zeitgenössische Kino Menschen zu sehr in Gewinner- und Verlierertypen aufteilt?

Dolan: Absolut. Eigentlich dreht sich alles um Verlierer - Gewinner gibt es nicht, nur Superhelden. Ich kenne mich nicht gut mit der Filmgeschichte aus, ich habe keinen Film von Tarkowsky, Fassbinder oder Eisenstein gesehen. Aber ich gehe jetzt viel ins Kino und da sehe ich, wie viele Regisseure aus dem Indie-Bereich versuchen, eine bestimmte Schicht, zum Beispiel Arbeiter, darzustellen. Vieles davon finde ich unglaublich herablassend. Da werden Figuren wie Anziehpuppen auf arm verkleidet. Statt sich Gedanken um das Innenleben ihrer Figuren zu machen, denken viele Regisseure nur darüber nach, was für einen lustigen Hut sie ihnen aufsetzen können und was für eine Tapete man im Hintergrund sieht. Deshalb haben wir übrigens "Mommy" im quadratischen 1:1-Format gedreht.

SPIEGEL ONLINE: Was hat das Format denn damit zu tun?

Dolan: Man konzentriert sich so auf die Figuren und lässt die Details, die Accessoires außen vor. Hätten wir der Ausstattung viel Raum gegeben, wären wir Gefahr gelaufen, uns über die Figuren lustig zu machen. Man bedient eine Verlierer-Ästhetik, wenn man auf die "lustigen Kostüme" abstellt. Es gibt eine Generation älterer Regisseure, die üppige Elendspornos drehen, die die Codes von Armut benutzen, um dann doch ihren Stil in den Vordergrund zu schieben. Dir werden Zeichencodes in den Rachen gestopft, ohne dass du eigene Gefühle entwickeln kannst. Das ist verkopft und selbstbezogen - diese Regisseure verteidigen ihre Figuren nicht, sie benutzen sie nur.

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SPIEGEL ONLINE: Wer von den älteren Regisseuren findet denn Ihre Gnade? Ken Loach?

Dolan: Loach würde seine Figuren nie verraten. Man muss sich nur "Sweet Sixteen" anschauen: Du merkst, wie intelligent seine Figuren sind, was für gute Absichten sie haben. Loach behandelt seine Figuren nie wie Anziehpuppen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe bei "Mommy" die Garderobe gemacht und mich sehr dabei amüsiert. Aber ich habe mich bei jedem Kleidungsstück für die Mutterfigur gefragt: Hat sie Spaß daran, das zu tragen? Nur wenn wir uns sicher waren, dass der Figur die Kleidung gefällt, haben wir sie auch genommen.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich allein mit Ihrer Art des Filmemachens?

Dolan: Nein, nein, es gibt jede Menge Regisseure, deren Filme ich liebe und die mich inspirieren. Ich hasse nur einen bestimmten boys' club an Filmemachern aus den USA, der zurzeit sehr erfolgreich ist. Schön, dass es gut für sie läuft, aber ich kann mit ihren Geschichten nichts anfangen - weil sie gar keine Geschichten erzählen wollen. Die wollen nur zeigen, was für einen großen Schwanz sie haben. Ich glaube, dass es ein Mandat beim Fimemachen gibt: Man muss die Leute im Herzen berühren, sie zum Nachdenken bringen, zum Weinen und zum Lachen. Oder auch nur gut unterhalten. "Guardians of the Galaxy" fand ich zum Beispiel köstlich. Der war witzig und sah auch noch toll aus. Ich habe echt die Schnauze voll von Filmen, die über jede Menge Geld verfügen, aber scheiße aussehen. Das kann ich einfach nicht verstehen.