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15. November 2014, 17:40 Uhr

Kinosensation "Mommy"

Ich lebe für sie

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In "Mommy" versuchen ein gewalttätiger Teenager und seine überforderte Mutter, sich als Kleinfamilie neu zu erfinden. Xavier Dolan liefert ein Kinoerlebnis voll umwerfender Pop-Momente - einer der Filme des Jahres.

Drei, vier, fünf Sekunden dauert Steves Kuss auf den Mund seiner Mutter. Zu lang und zu intensiv, als dass er dem 15-Jährigen als unbedacht übermütiger Akt verziehen werden könnte. Und doch ist etwas an diesem Kuss, das die Mutter genießen kann und dem sie hinterhertrauert, als er schließlich vorbei ist.

Wie dieser Kuss ist auch Xavier Dolans fünfter Film "Mommy": Zu lang, zu intensiv, halb Übergriff, halb Zärtlichkeit - und genau deshalb ein Triumph, an dessen Ende man sich fragt, warum man sich im Kino eigentlich so häufig mit weniger zufriedengibt.

Nach dem Tod seines Vaters ist der mit ADHS diagnostizierte Steve (Antoine-Olivier Pilon) fast drei Jahre lang von Jugendheim zu Jugendheim verschoben worden. Als er in einer Cafeteria zündelt und einen anderen Jungen lebensgefährlich verletzt, ist das nächste Jugendheim keine Option mehr, nun steht psychiatrische Verwahrung an. Doch das will ihm seine Mutter Die (Anne Dorval) nicht zumuten. Obwohl sie kaum genug Geld für sich selbst aufbringen kann, nimmt sie den Jungen wieder bei sich auf.

Was folgt, ist ein dreifacher Kampf ums Glück: Sie kämpft darum, dass ihr Leben trotz des Verlusts ihres geliebten Mannes auch romantisch weitergeht. Er kämpft darum, dass sein Leben befreit von den Zwängen staatlicher Erziehungsinstitutionen endlich anfängt. Und gemeinsam kämpfen sie darum, dass sie den geplatzten Traum von der glücklichen Kleinfamilie in etwas Neues überführen können.

Dass ihnen dabei ausgerechnet ihre stotternde, weil traumatisierte Nachbarin Kyla (Suzanne Clément) zu Hilfe kommt, macht bereits klar, wie frei Dolan in seinem Denken und Erzählen ist. Nicht Mann und Liebe, sondern Frau und Freundschaft geben Die und Steve den Halt, den sie brauchen. Mit umwerfender Zärtlichkeit und Empathie zeigt Dolan, wie sich die drei gemeinsam in ein Leben jenseits des Verlustes vortasten. Und als würde da einem nicht schon das Herz genug aufgehen, lässt Dolan Steve im Moment des größten Glücks die Bildränder ergreifen und vom quadratischen 1:1-Format auf die ganze Leinwandbreite dehnen. Allein für diesen Moment purer Kinoeuphorie lohnt sich der Film.

Céline Dion trifft Oasis

Wer mit dem Oeuvre des frankokanadischen Regisseurs Dolan vertraut ist, das trotz seiner 25 Jahre schon fünf auf den wichtigsten Festivals der Welt gefeierte Filme umfasst, wird in diesen Beschreibungen Versatzstücke aus seinen bisherigen Arbeiten erkennen: Schon in seinem vorherigem Film, dem Psychothriller "Sag nicht, wer du bist!" (2013), hat Dolan mit dem Bildausschnitt experimentiert, Suzanne Clément war die Hauptdarstellerin seines Transgender-Dramas "Laurence Anyways" (2012), und Anne Dorval hat bereits in seinem Debütfilm "I Killed My Mother" (2009) die titelgebende Mutterfigur gespielt, an der sich ein pubertierender Sohn abarbeitet.

Dass sich diese Versatzstücke in "Mommy" zu einem neuen Ganzen zusammenfügen, dürfte vor allem an der Distanz liegen, die Dolan zu seinem Stoff gewonnen hat. Während er in seinem Erstlingsfilm noch selbst den Teenager spielte, der gegen seine Mutter aufbegehrt, hat er diesen Part in "Mommy" an den furiosen Antoine-Olivier Pilon abgetreten, der sich für die Kamera schier verausgabt. Gleichzeitig hat Dolan seinen Fokus auf die Mutter verschoben, der er mit neuem Verständnis für ihre Nöte und Bedürfnisse begegnet.

Um jeden Gelegenheitsjob muss die ungelernte Die kämpfen, damit es für Essen, Miete und Schulbücher für Steve reicht. Ihren Stolz verliert sie bei allen Widrigkeiten nie. Wenn ihr die Einkaufstüten mitten auf der Straße reißen, bleibt sie lieber mit dramatisch ausgebreiteten Armen einige Momente lang auf der Straße stehen, als sich sofort nach den Lebensmitteln zu bücken. Kein Wunder, dass Steve seiner Mutter beim Karaoke ein besonderes Lied widmet: Andrea Bocellis Hymne "Vivo per lei", übersetzt: Ich lebe für sie.

Wie der Großteil der Songs auf dem Soundtrack entstammt auch "Vivo per lei" einem fiktiven Mixtape mit Lieblingsliedern, das Steves Vater hinterlassen hat. Über den Film verteilt klingen die Lieder immer wieder auf und sorgen nicht nur für eine subtile Präsenz des Verstorbenen, sondern auch für verblüffende Hörerfahrungen: Dolan setzt vermeintlich abgeschmackte Stücke wie "On ne change pas" von Céline Dion und speziell "Wonderwall" von Oasis so gegen die Erwartung ein, dass einen Dions schmetternder Gesang und Oasis' sägende Gitarre völlig neu berühren.

Eine Fülle solch großartiger Pop-Momente hat man schon lang nicht mehr im Kino gesehen - wobei sie sich nicht reibungslos zu einem stetigen Erzählfluss zusammenfinden. "Mommy" dehnt sich mitunter zu stark, zwei, drei Szenen beharren auf bereits Erzähltem. Doch bei einem Film, bei dem man den letzten Song nicht verraten darf, weil er einen so majestätischen Schlusspunkt setzt, macht das nur wenig aus. "Mommy" ist das perfekt unperfekte Kinoereignis des Jahres.

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