"Mona Lisas Lächeln" Ein Bild von einem Star

Prächtige Oberfläche: In der Rolle einer provokanten Kunstlehrerin überstrahlt Julia Roberts mit Glamour, Schönheit und dem teuersten Lächeln Hollywoods das leicht matte Emanzipationsmärchen "Mona Lisas Lächeln" von Mike Newell.

Von Daniel Haas


Hollywood-Star Roberts in "Mona Lisas Lächeln": Fortschreibung eines Images
Columbia TriStar

Hollywood-Star Roberts in "Mona Lisas Lächeln": Fortschreibung eines Images

Gilbert Adair, dessen Roman "Die Träumer" ab dieser Woche in Bertoluccis Filmversion auf die Leinwand kommt, hat in einem Essay mit augenzwinkernder Eleganz die Mona Lisa und Andy Warhols Suppendose verglichen. Beide seien raffinierte Bluffs, die, millionenfach reproduziert, die Unterscheidung von Original und Abbild, künstlerischer Innovation und industrieller Fließbandarbeit hinfällig machten. Auch "Mona Lisas Lächeln" ist so ein Bluff, ein filmischer Trick aus Hollywood, der suggeriert, eine Emanzipationsgeschichte zu erzählen, und dabei letztlich nur das kreative Potenzial zur Gestaltung prächtiger Oberflächen in Szene setzt.

Die schönste Oberfläche ist natürlich Julia Roberts Gesicht. Es verweist auf nichts, es ist kein Zeichen für etwas - Emotionen oder Gedanken -, es ist eine Chiffre, die sich nur auf sich selbst bezieht. Die bestbezahlte Darstellerin der Welt spielt keine Rollen mehr, sie schreibt ein Image fort, das mit ihr selbst von Film zu Film immer ähnlicher wird. Natürlich gibt es eine Geschichte, einen Plot, aber der psychologische Realismus, der Figuren eine bestimmte, irgendwie plausible Entwicklungslogik vorgibt, ist hier nur noch hauchdünne Folie, einem opulenten Panorama an Kostümen, Interieurs und Drehorten unterlegt - und eigentlich überflüssig.

Schülerin Giselle (Maggie Gyllenhaal): Vamp der Klasse
Columbia TriStar

Schülerin Giselle (Maggie Gyllenhaal): Vamp der Klasse

Das ist eigentlich auch gut so. Denn die Story von den repressiven fünfziger Jahren, in denen Frauen zu besseren Hausmägden versklavt wurden, geht so auch gar nicht auf. Die von Roberts gespielte Katherine Watson kommt als Kunstlehrerin ins neuenglische Elite-College Wellesley (in den Sechzigern studierte hier unter anderen Hillary Clinton). Die Top-Uni drillt eine weibliche Elite zu hoch gebildeten und dabei überaus gesellschaftskonformen Vorzeigefrauen. Neben den üblichen Unterrichtsfächern stehen gutes Benehmen, Körperpflege und Tischdekoration auf dem Lehrplan. Mit viel Verve will Watson hier eine Schule des Sehens einrichten; statt eines bildungsbürgerlichen Kanons präsentiert sie ihren Eleven Soutines Fleischbilder und das Neueste von Jackson Pollock. Solch unkonventionelle Lehrmethoden werden der Schulleitung schnell suspekt und mobilisieren den Widerstand der Schülerinnen.

Vor allem Betty (Kirsten Dunst), eine stockkonservative Musterschülerin, macht mit scharfen Schmähreden in der Schülerzeitung gegen die neue Lehrerin mobil. Joan (Julia Stiles), ihre beste Freundin, ist da schon ambivalenter: heiraten, wie es die gängige Moral vorschreibt, oder doch lieber nach Yale zum Jurastudium lautet die Gretchenfrage. Ergänzt wird die streitbare Mädchentruppe von Connie (Ginnifer Goodwin), von ihren Mitschülerinnen beständig als Dicke diffamiert, und Giselle (Maggie Gyllenhaal), dem Vamp der Klasse. Dass ausgerechnet sie, nur weil sie Spaß an ihrer Sexualität hat, als schwieriges Girl mit Hang zur Selbstzerstörung präsentiert wird, gehört zu den konzeptuellen Schwächen dieses Films, der sein feministisches Anliegen mit schlecht verhohlener Biederkeit streckenweise selbst boykottiert. Auch dass man die unglücklich verliebte Connie ständig als Pummelchen beleidigt, ist einer tendenziösen, historisch darüber hinaus ungenauen Perspektive zuzuschreiben: Sie entspricht dem Bild sexueller Attraktivität der Fünfziger viel mehr als ihre modelschlanken Freundinnen.

Lehrerin Watson (J. Roberts, M.) mit Schülerinnen: Artige Streberinnen
Columbia TriStar

Lehrerin Watson (J. Roberts, M.) mit Schülerinnen: Artige Streberinnen

Aber um Gesellschafts- und Kulturkritik, um Zeitdiagnostik und Arbeit am feministischen Projekt geht es nicht; dafür sehen die artigen Streberinnen in ihren Strickjäckchen und flachen Schuhen viel zu schick und elegant aus. Und schließlich ist es gar keine ideologisch böse Welt, gegen die Watson/Roberts hier zu Felde zieht. Diese fünfziger Jahre mit ihren prächtigen Autos und herrlichen Kleidern und jetzt in angesagten Designerläden wieder ausgestellten Qualitätsmöbeln, sie sind jene Zeit, die man selbstgefällig überwunden zu haben scheint, um sich heimlich nach ihnen zurückzusehnen.

Manieren, Anstand, Sicherheit - wem heute der kalte Wind der Postmoderne mit ihren Flexibilitätsgeboten und Pluralitätsanforderungen ins Gesicht weht, der weiß solche Tugenden zu schätzen. Wie sonst lässt sich die Konjunktur von Stilfibeln und Knigges und darüber hinaus die ganze hybride Servicekultur der Medien erklären, wo für jede Lebenslage - ob Liebeskummer, Jobwechsel oder Sexproblem - die maßgeschneiderte Lösung serviert wird?

Im Film mahnt Watson ihre Schülerinnen, dass es nicht genüge, wie die Mona Lisa rätselhaft zu lächeln. Man müsse Farbe bekennen, sagen, was Sache ist. Julia Roberts selber jedoch ist wie da Vincis berühmtes Bild zur Ikone geworden, dessen Lächeln, so offen, herzig und schön es auch sei, ein Geheimnis bleiben wird. Es gehört zum Repertoire der Bluffs, mit denen große Stars uns Wahrhaftigkeit und Nähe vorgaukeln und die sie gleichzeitig noch entrückter, noch anbetungswürdiger und unweltlicher machen. Welch herrliche Art, sich austricksen zu lassen.


Mona Lisas Lächeln (Mona Lisa Smile)


USA 2003. Regie: Mike Newell. Buch: Lawrence Konner, Mark Rosenthal, Gilbert Adair (Roman). Darsteller: Julia Roberts, Kirsten Dunst, Julia Stiles, Maggie Gyllenhaal, Ginnifer Goodwin, Dominic West, Marcia Gay Harden. Produktion: Columbia Pictures, Revolution Studios, Red Om Films. Verleih: Columbia TriStar. Länge: 117 Minuten. Start: 22. Januar 2004



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