"Monday" Ein Mann sieht blau

In einer brillant-bizarren Mischung aus Drama, Satire, Action- und Horrorelementen zeigt der japanische Regisseur Sabu den Amoklauf eines alkoholisierten Spießers als Plädoyer gegen Gewalt und die Unterdrückung des Individuum.

Von Oliver Hüttmann


Ein Mann sieht blau: Filmszene aus "Monday"
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Ein Mann sieht blau: Filmszene aus "Monday"

Apokalypse Now. Ein Mann schreckt verschwitzt aus dem Schlaf hoch und starrt mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera. Reglos verharrt er mit aufgerichtetem Oberkörper im Bett, sieht sich dann irritiert um. Ein Digitalwecker zeigt an, dass Montagmorgen ist. Wie viele brave Angestellte sollte Takagi (Shinichi Tsutsumi) jetzt auf dem Weg zur Arbeit sein. Statt dessen liegt er aber angezogen in einem abgedunkelten Hotelzimmer ­ und kann sich nicht daran erinnern, wie und warum er hierhergekommen ist.

Der Zuschauer wird nie mehr wissen als Takagi. Denn sein Charakter sowie die Dramaturgie, Ereignisse und Aussage von "Monday" erschließen sich parallel zu seinen Erinnerungen, die nach dem stillen, befremdlichen Auftakt sukzessive zurückkehren. Bis zur Auflösung reiht der japanische Regisseur Sabu irrwitzige Episoden aneinander zu einem bizarren Gewalttrip, der Takagi wie ein Alptraum erscheint, sich aber als ganz reale Odyssee in die Unterwelt und zu seinen inneren Dämonen entpuppt. Und erst am Ende wird eindeutig, dass diese Höllenfahrt als extrovertierter Höhepunkt im Leben eines Spießers eine kluge Gesellschaftssatire ist.

Reale Odyssee zu den inneren Dämonen
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Reale Odyssee zu den inneren Dämonen

Zunächst findet Takagi in der Tasche seines Jackets ein Päckchen mit Reinigungssalz, wie es in Japan bei einer traditionellen Totenwache benutzt wird, um böse Geister zu vertreiben. So dämmert ihm, dass er am Freitag auf einer Begräbnisfeier war. Dabei ist ­ grotesk inszeniert wie eine Bombenentschärfung ­ der Herzschrittmacher der Leiche explodiert. Nach einem Treffen mit seiner Freundin flüchtete er vor dem plappernden Mädchen in eine Bar. Dort hat ihn dann ein gelangweilter Yakuza-Boss als Opfer für sadistische Späße auserkoren, in einen Nachtclub geschleppt, mit Schnaps abgefüllt und mit einem Flittchen tanzen lassen.

Was danach geschah, kann Takagi erst glauben, als er in der anderen Jackettasche auch noch Patronen findet. Verwirrt schaltet er den Fernseher ein, wo unscharfe Nachtaufnahmen einer Überwachungskamera einen Mann zeigen, der an einer Straßenkreuzung mit einer Pumpgun herumballert. Der Täter sei in ein Hotel geflüchtet, erklärt die Nachrichtensprecherin, und das Gebäude werde gerade von der Polizei umstellt.

Bis dahin muten die Rückblenden mit stilisierten Farben und minimalen Dialogen wie hipper Zynismus an. In Takagis finaler Gegenwart wechselt die Atmosphäre aber zu Action- und Horrormotiven, bei denen ihm der Teufel sprichwörtlich über die Schulter grinst. Takagi schreibt sein Testament, fängt wieder an zu trinken, lädt das Gewehr durch. No way out.

Bizarrer Gewalttrip, der wie ein Alptraum erscheint
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Bizarrer Gewalttrip, der wie ein Alptraum erscheint

Doch selbst beim Showdown verblüfft "Monday" noch mit Wendungen, die zu einer ganz ernsten Moral führen. Von schwer armierten Spezialeinheiten und sensationslüsternen TV-Teams umringt, hält Takagi mit überspitztem Pathos plötzlich eine Ansprache über Frieden, Versöhnung und Brüderlichkeit. Ergriffen werfen die Polizisten ihre Waffen weg, reißen sich die Gasmasken herunter, fallen auf die Knie und bejubeln ihn unter Tränen wie einen Erlöser.

Die Erlösung des devoten Normalbürgers im Amoklauf, der nicht rot sieht, sondern blau ist, funktioniert als letztlich trauriges Plädoyer für das Individuum und sarkastische Klage gegen Unterdrückung, Staatsgewalt und die Höflichkeitsrituale gerade in der starren japanischen Gesellschaft. Wie ein kleiner Junge gluckst Takagi über sein enthemmtes Selbstbewusstsein und die Leichtigkeit, mit der sich Respekt verschaffen lässt, wenn man eine Waffe hat.

Stilisierte Farben, minimale Dialoge
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Stilisierte Farben, minimale Dialoge

Gleichzeitig reflektiert Sabu, der eigentlich Hiroyuki Tanaka heißt und den Namen eines Yakuzas als Pseudonym benutzt, die Coolness der Brutalität im Kino und seine alltägliche Affirmation. Takagi trägt einen schwarzen Anzug wie John Travolta und Samuel L. Jackson als Killer in "Pulp Fiction" und dazu eine Kassenbrille wie Michael Douglas als durchgeknallter Biedermann in "Falling Down". Aber Takagi ist ein armes Schwein, ein Opfer. Er will niemanden beeindrucken und nichts durchsetzen. Er würde die letzten drei Tage am liebsten ungeschehen machen, um wieder an einem ganz normalen Montagmorgen zu erwachen. "Monday" ist grelle Tristesse. Eine Tragödie.

"Monday" ("Takagi"), Japan 1999; Regie + Drehbuch: Sabu (Hiroyuki Tanaka); Darsteller: Shinichi Tsutsumi, Yasuko Matsuyuki, Noami Nishida, Akira Yamamoto, Hikedi Noda; Länge: 100 Minuten; Verleih: Rapid Eye Movies; Start: 7. Juni 2001.



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