"Monsieur Claude und seine Töchter 2" Rette deine Vorurteile, Teil 2

Vor mehr als vier Jahren wurde "Monsieur Claude und seine Töchter" zum Überraschungshit - trotz der unerträglichen rassistischen Klischees. Die Filmemacher haben das zwar verstanden. Das macht Teil zwei aber nicht besser.

Neue Visionen

"Wenn es Humor wäre, hätten wir gelacht", sagt eine der vier Töchter von Claude Verneuil (Christian Clavier) bei einem Essen im Familienkreis. Die Erklärung bezieht sich auf einen Witz, den der Herr Papa zu reißen gedachte - sie lässt sich aber durchaus als Kommentar auf "Monsieur Claude und seine Töchter 2" lesen. Und mehr noch: als Ausdruck der Ratlosigkeit des Films, wie sich das Muster des erfolgreichen Vorgängers von 2014 plausibel (lesen hierSie die Kritik im SPIEGEL) fortsetzen lassen könnte.

"Monsieur Claude und seine Töchter" (im französischen Original: "Qu'est-ce qu'on a fait au Bon Dieu?", also etwa: Was haben wir dem lieben Gott nur getan?) war vor vier Jahren nicht nur in Frankreich ein Hit (12 Millionen Zuschauerinnen), sondern entpuppte sich hierzulande als Kino-Überraschung des Jahres - mit fast vier Millionen Besuchern spielte die erzählerisch ziemlich hölzerne Komödie in der Liga, in der Superhelden-Blockbuster miteinander konkurrieren.

Der Reiz des Films resultierte aus seiner Bräsigkeit, die diversifizierte Gegenwart aus Sicht der urfranzösischen Wohlstandsplauze von Papa Claude zu erzählen. Der muss nämlich mit anschauen, wie seine bildhübschen Töchter Minderheiten-Stellvertreter ehelichen: einen Juden, einen Muslim, einen Chinesen und - als den "Schlamassel" eskalierende Pointe - einen Schwarzen.

Verzweifelte Suche nach einer Geschichte

Wenn man es gut meinte mit "Monsieur Claude", dann ließ sich der Film als Versuch bezeichnen, den besagten Urfranzosen überhaupt mit so was wie Differenz zu behelligen. Den schalen Beigeschmack bekam die Geschichte trotzdem nicht runtergespült, weil es immer auch darum ging, die eigenen Vorurteile bis ins Endgame zu retten.

Ich weiß, dass mir die Aficionadas des vermeintlich unschuldigen Vergnügens diese Sicht als besserwisserische Humorlosigkeit auslegen werden. Aber das Vergnügen am Film setzt leider voraus, dass man die Nebelkerze "politisch korrekt" für den tapferen Lichtschein von Wahrheit hält. Vor diesem Hintergrund ist "Monsieur Claude und seine Töchter 2" tatsächlich interessanter als der Vorgängerfilm, obwohl ich wetten würde (Kasten Bier, halbes Schwein), dass die Fans vom Original ein wenig enttäuscht die Kinos verlassen werden. War schon gut, aber Teil eins hat irgendwie mehr gefetzt.

Fotostrecke

8  Bilder
"Monsieur Claude und seine Töchter 2": Multikulti auf Urfranzösisch

Dass das Sequel fast ein wenig verzweifelt nach seiner Geschichte sucht, hat auch damit zu tun, dass die Realität eine andere ist, in der nun der Film erscheint - wo die globale Verwicklung unseres reichen Kontinents durch Migrationsdruck seit 2015 hier sichtbarer ist, wenn Europa als Idee von nationalen Ängsten torpediert wird. Es scheint beinahe, als würde der Film realisieren, wie sehr die billig zu habende Pose "Inkorrektheit" an Attraktivität verliert in dem Moment, wo klar wird, welchem Hass und welcher Gewalt sie Vorschub geleistet hat.

Also probiert "Monsieur Claude und seine Töchter 2" (Regie: Philippe de Chauveron, Buch: Chauveron gemeinsam mit Guy Laurent) umständlich an einer langatmigen Exposition herum: Er lässt die vier Schwiegersöhne in einem scheiternden Start-up zusammenkommen und schickt Monsieur Claude samt Gattin Marie (Chantal Lauby) durch die Welt - zu den Schwiegereltern der Töchter.

Gerade dieser verzagte Einfall versinnbildlicht die Krise des Films, wenn gleich nach den Bildern, die das Ehepaar Verneuil beim Start im Flugzeug zeigen, das Flugzeug schon wieder landet - und zwar entgegen der Zuschauererwartung in Paris. Die für Sequels nicht ungewöhnliche Externalisierung der Geschichte ("Monsieur Claude in Afrika") kassiert der Film durch einen abrupten Schnitt (was natürlich auch Budget spart).

Die Behauptung der Reise dient letztlich eh nur dazu, Dialogmaterial zu sammeln für "Witze", die versuchen, das Spiel mit "Ihr seid so"-Klischees aus Teil eins noch mal aufzuführen, bei dem jeder der Schwiegersöhne als Kollektivsingular seiner Abweichung auftreten muss (der jüdische etwa ist, und sei es über die Negation, immer mit Geld assoziiert). Dass der Film darüber selbst müde wird, zeigt die eingangs zitierte Bemerkung einer Tochter.

Genretypische Familienzusammenführung

Und so macht "Monsieur Claude und seine Töchter 2" schließlich seinen Frieden, in dem sich die Geschichte fast ein wenig staatstragend dafür entscheidet, Diversität als Chance für die Wiederaufforstung französischen Stolzes zu erzählen. Als eigentlich dramatischer Kern des Films entpuppt sich der Umstand, dass die Kindergeneration im krisenhaften Frankreich weniger Zukunft sieht als in den jeweiligen Herkunftsländern der Schwiegersöhne - beziehungsweise in Indien, wohin es die jüngste Tochter (Élodie Fontan) mit ihrem Mann (Noom Diawara) zieht.

Daraufhin investiert Monsieur Claude einen Großteil seines Vermögens (was auch eine Metapher auf die Fettleber der gebildeten westeuropäischen Nachkriegsgeneration ist), um Standortwerbung als Theater für seinen demographisch schrumpfenden Provinzort zu inszenieren.

Im Video: Der Trailer zu "Monsieur Claude und seine Töchter"

Neue Visionen

Das Ziel ist die genretypische Familienzusammenführung. Dass die sich in "Monsieur Claude und seine Töchter 2" unbeholfen-kleinlauter ereignet als in Teil eins, erhöht die Spannung auf die unvermeidliche Fortsetzung.



insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
cloeon 02.04.2019
1. Ääh – und was war das jetzt, bitte?
Sollte das jetzt eine Filmrezension sein? Oder eine Analyse zum Zustand des europäischen oder deutschen Humors? Oder ein Essay des Autors zu ... ja -- zu was, eigentlich? Ich nehme mit: Wer den ersten Film mochte ist doof. Wer den zweiten mag ist etwas weniger doof. Letzteres Klientel ist aber offenbar nicht deckungsgleich mit ersterem, weswegen wer gar nicht doof sein will, sich besser gar keinen der beiden Teile ansehen sollte! Gehört aber zu einer Filmkritik nicht auch der eine oder andere Satz zur Qualität des Drehbuchs insgesamt, zur Regie, zum Schnitt, zur Kamera, zu den -- hoppla, die gibt's ja auch! -- Darstellern? Und warum muss ein Film eigentlich prinzipiell politisch korrekt sein? Ist "Der Pate" auch doof, weil er die gesamte italo-amerikanische Gesellschaft ganz schwarz/weiss in "kriminell" und "von Kriminellen unterdrückt" einteilt? Wie auch immer: Dieser Rezension kann ich weder entnehmen, worum der Film sich eigentlich dreht, noch, ob oder ob nicht er irgendwie sehenswert ist, Was also, wollte der Autor mir eigentlich sagen? Ziemlich doof, eigentlich.
ArnoNyhm1984 02.04.2019
2. "Spaßbremsen" bei SPON?
Okay: Wenn es "Teil 2" eines Kinofilms gibt, dann besagt das in der Tat erst mal nichts über die Qualität dieses Streifens. Aber es besagt immerhin, dass "Teil 1" erfolgreich war. Und "erfolgreich" heißt bei einer Komödie nun mal, dass die Leute gelacht haben. Wenn der SPON-Redakteur das ob seiner gepflegten politschen Korrektheit anders sieht und nicht lustig fand, dann ist das sein gutes Recht. Aber dann ist er halt an der Stelle in der Minderheit. Merke: "Humor ist, wenn man trotzdem lacht!" -C'est la vie!
messan@hbs 02.04.2019
3. Zuschauer?
Also in Frankreich waren es 12 Millionen Zuschauerinnen, damit ausschließlich Frauen, und in Deutschland 4 Millionen Besucher also gemischt geschlechtlich? Das ist irgendwie das einzige was mir an dieser wirren Rezension im Gedächtnis haften blieb.
mildman 02.04.2019
4.
Wer in „Monsieur Claude und seine Töchter“ eine Ballung filmischen Rassismus sieht, hat offensichtlich, ganz dem Zeitgeist entsprechend, einen überzogenen Begriff von „Rassismus“, dafür aber umso weniger Humor. Das schreibe ich übrigens als „Mitbürger mit Migrationshintergrund“, wie es ja heute so schön heißt.
mainzer2 02.04.2019
5. Danke
Für alle vorlaufenden Kommentare zur Filmrezension! Wenn wir vor lauter PC so verbissen werden...allein der Kommentar zum ‚Paten‘ ist schon eine schöne Wahrheit! Lieber SPON, bitte ab und zu nicht vor lauter PC das Wesentliche vergessen! 12 Mio. Zuschauer in Frankreich, bestimmt alles Le Pen Wähler...oh je! Lacht doch mal wieder!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.