Monsterfilm "Cloverfield" Der Horror mit dem Hype

"Blair Witch" reloaded: "Lost"-Schöpfer J.J. Abrams will mit seinem Monster-Film "Cloverfield" die große Leinwand erobern. Er zeigt die Zerstörung New Yorks durch die subjektive Handkamera. Der Film löst aber nur teilweise ein, was die virale Marketing-Kampagne im Internet versprochen hatte.

"Die Leute wollen das sehen": Dieses zentrale Zitat aus "Cloverfield" könnte auch als beschwörendes Mantra über dem Film und seiner Multimediakampagne stehen, die in den vergangenen Wochen und Monaten ebenso hohe wie widersprüchliche Erwartungen geschürt hat.

Szene aus "Cloverfield": Mittendrin statt nur dabei

Szene aus "Cloverfield": Mittendrin statt nur dabei

Foto: Paramount Pictures

Am Anfang stand ein unbetitelter Kinotrailer mit scheinbar verunfallten Heimvideoaufnahmen, wie sie millionenfach im Internet kursieren. Darin weichen die wackeligen Impressionen einer ausgelassenen Partygesellschaft in New York unvermittelt Bildern plötzlicher Panik, und das nur bruchstückhaft erfasste Chaos kulminiert in einer Aufnahme vom Kopf der Freiheitsstatue, welcher gleich einer entglittenen Bowlingkugel in Manhattan aufschlägt. Das war die entscheidende Einstellung, der quasi-pornografische "money shot" eines Spektakels in spe, mit dem Produzent J. J. Abrams sein potentielles Publikum anfixte.

Sofort wucherten die Mutmaßungen über das Gesehene im Cyberspace, zusätzlich befeuert durch strategisch gelegte Fährten der Verantwortlichen. So ließen sich etwa auf der Website www.1-18-08.com – benannt nach dem US-Startermin des damals noch namenlosen Films – obskure Schnappschüsse zusammenpuzzeln, womit zwar keine einzige Frage beantwortet, aber immerhin der investigative Entdeckungsdrang befriedigt wurde. Vom simplen Hyperlink zum ausgewachsenen Hype braucht es eben nur ein paar Klicks, und fabulierfreudige Internetschamanen finden überall Zeichen und Wunder. Gerne auch an gänzlich falscher Stelle, weshalb sich einige vermeintliche Hinweise auf den Inhalt von "Cloverfield" im Nachhinein als virtuelle Enten entpuppten, die rein gar nichts mit der klandestinen Werbemaschinerie zu tun hatten.

Hollywoods bester Hütchenspieler

Aber Hollywoods derzeit bestem Hütchenspieler spielen derartige Irrläufer ebenso gut in die Hände, schließlich hat J. J. Abrams bereits für seine TV-Serienerfolge "Alias" und "Lost" die Möglichkeiten des viralen Marketings ausgelotet: Wilde Spekulationen sind hier nicht nur erlaubt, sondern erwünscht, solange sie der Popularisierung und Promotion des Produkts dienen. Bereitwillig übernehmen Blogger, Podcaster und neugierige User die Arbeit von PR-Agenturen, entfalten dabei beachtliche schöpferische Kraft und folgen am Ende doch lediglich sorgsam ausgestreuten Bedeutungskrümeln, die geradewegs in den Kinosaal führen.

Dort enthüllen Abrams und sein Regisseur Matt Reeves nun ihr "Cloverfield", was de facto Kleefeld heißt, irgendwie nach introspektiver britischer Popband klingt und suggestiv-rätselhafter Codename für das ganz große Ding in Sachen Untergangsszenario sein will. Den Zuschauern bleibt allerdings keine Zeit, ihre aufgetürmten Erwartungen zu ordnen, denn das von langer Hand lancierte Event dauert nur knappe 85 Minuten. Die verbringen sie mit dem jungen Rob (Michael Stahl-David), der vor seiner anstehenden Abreise nach Japan eine Abschiedsparty in New York feiert. Sein Freund Hud (T. J. Miller) dokumentiert den Abend mit der Handkamera, die nach und nach die weiteren Protagonisten einfängt: Robs Bruder Jason (Mike Vogel), dessen Freundin Lily (Jessica Lucas), die schüchterne Marlena (Lizzy Caplan) sowie Beth (Odette Yustman), mit der Rob einige Wochen zuvor eine traurig versandete Affäre hatte.

Kaum kennt man die Gesichter, sind sie auch schon angstverzerrt, denn begleitet von allerhand Explosionen und Getöse poltert das bereits erwähnte Haupt von Lady Liberty vor die Haustür. Binnen Sekunden schlägt etwas Ungeheuerliches eine Schneise der Zerstörung durch die Stadt und treibt die hilflosen Menschen vor sich her. Die fatalen Auswirkungen der Katastrophe sowie sich selbst stets im Sucher ihrer Kamera, suchen Rob und die anderen nach einem Fluchtweg aus dem Desaster.

Ohne Frage beeindruckt die Souveränität, mit der hier millionenschwere Spezialeffekte ganz beiläufig ins limitierte Blickfeld der Amateurfilmer gefeuert werden. Virtuos wie konsequent hält die subjektive Kamera an ihrer Froschperspektive fest und rast in der Manier eines brutalen Brettspiels von einem Ereignisfeld zum nächsten. Mittendrin statt nur dabei ist das Versprechen dieses Films, der mit zerbröckelnden Wolkenkratzern und Brücken, klaustrophoben Hetzjagden durch U-Bahnschächte, Hubschrauberabstürzen und Kriegsgewitter so ziemlich alle potenten 9/11-Schrecken für die sicher im Kinosessel geparkte YouTube-Generation simuliert, um sich dann doch reichlich simpel aus der Debatte über das ultranaturalistische Grauen und seine realen Vorbilder zu stehlen.

Geschüttelt, nicht gerührt

Denn, das dürfte nun wahrlich kein Geheimnis mehr sein, es bleibt leider nicht bei der diffusen Bedrohung. Ein mausgrauer, haushoher Monsterbrocken, komplett mit Riesenmaul, Godzillaschwanz und beißwütigen Parasiten im Gepäck muss als Sündenbock herhalten. Dass sich in der kunstvoll gedrechselten Marketing-Matrojschka nur ein klug entworfenes, aber keineswegs die Genregrenzen sprengendes Creature Movie verbirgt, passt indes zum kalkulierenden Formalismus von J. J. Abrams. Wie das aufgeplusterte Agentenmärchen "Alias" und die pompöse Insel-Schnitzeljagd "Lost", so ist auch "Cloverfield" eine technokratische Chimäre, die das effektvolle Abhaken möglichst verstiegener Plotpoints als innovatives Erzählkonzept verkauft.

Und auch wenn dies den zahlreichen Fans des Prinzips "Lost" herzlich egal sein dürfte und dieser Text unweigerlich Teil der alles absorbierenden Kampagne wird, so bleibt doch festzuhalten, dass "Cloverfield" bei aller Cleverness nie auch nur ansatzweise einen Zugang zu seinen menschlichen Figuren findet. So bietet Abrams' filmgewordene Achterbahn reichlich inszenatorische Höhenflüge, aber keine emotionale Fallhöhe: Das Publikum wird geschüttelt, nicht gerührt.

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