Kinderfilm "Mullewapp" Hyperaktiv bis zur Erschöpfung

Helme Heines Kinderbücher über drei Freunde auf einem Bauernhof sind Klassiker. Die erste computeranimierte Verfilmung wird ihnen leider nicht gerecht. Und das liegt nicht nur an den glatten Bildern.

Studiocanal

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Erst sieht man nur eine Staubwolke, dann kommen Waldemar, Johnny und Franz auch schon angerast. Nanu, ein Schwein, eine Maus und ein Hahn auf einem Fahrrad? Und das in solch einer Geschwindigkeit? Wie geht das denn? Ganz einfach: Franz von Hahn lenkt, während Johnny Mauser und der dicke Waldemar auf den Pedalen balancieren. Klar, die drei müssen sich ganz schön aufeinander verlassen können, damit sie dabei nicht das Gleichgewicht verlieren. Aber sie sind ja nicht umsonst beste Freunde.

"Freunde". So einfach lautet der Titel von Helme Heines erstem Bildband um Waldemar, Johnny und Franz aus dem Jahr 1982. Knapp 30 Seiten; reduzierter und doch farbsatter, weicher Zeichenstil; wenig Handlung in wenigen Sätzen. Eine kleine Fabel - und doch eine große Geschichte über die Freundschaft dreier sehr unterschiedlicher Figuren. Weise, witzig und auf herzwarme Weise idyllisierend. "Freunde" duftet nach Sommer, Bauernhof und gemeinsam erlebtem Abenteuer.

Über die Jahre entstanden mehrere Bildbände um Waldemar, Johnny und Franz, die alle Heines reduziertem Stil treu blieben. Inzwischen haben die drei auch eine Zeichentrickserie bekommen und 2009 einen ebenfalls handgezeichneten Kinofilm. Mit "Mullewapp - Eine schöne Schweinerei" folgt jetzt der erste computeranimierte Spielfilm. Leider bestätigt sich die Befürchtung, dass der 3D-Version Tiefe fehlt und die einfache Magie des Heineschen Universums verloren geht. Und das liegt nur zum Teil an den allzu glatten Bildern aus dem Rechner.

Auch die Geschichte kommt ausnehmend aufgeregt daher. Dabei ist der dicke Waldemar ja ein ganz gemütlicher Typ. Aber es gibt etwas, das ihn total aus der Ruhe bringt: cremige, sahnige, süße, erdbeerigschokoladige, am besten mindestens dreistöckige Torte! Jetzt, so kurz vor seinem Geburtstag, träumt er sogar nachts davon. Tatsächlich haben ihm seine Freunde auch dieses Jahr wieder eine gebacken.

Aber jemand macht Waldemar das geliebte Zuckerwerk doch tatsächlich streitig: Wildschwein Horst von Borst und seine Bande entern den Bauernhof Mullewapp und schicken Waldemar, Johnny und Franz in die Verbannung. Die drei Freunde müssen eine weite Reise zurücklegen, bis sie gestärkt zurückkehren und sich den schrecklichen Horst vorknöpfen.

Deutsche Kinderbuchverfilmungen neigen zur Hyperaktivität

Natürlich ist es unfair, die komplett in Deutschland entstanden Animationen von "Mullewapp" mit den Produktionen von Pixar und anderen Hollywood-Schwergewichten zu vergleichen. Hierzulande fehlen sowohl Mega-Budgets als auch Traditionen, an die Filmemacher anknüpfen könnten. Gleichwohl hat jeder Zuschauer die Animations-Kunstwerke der Amerikaner im Kopf - und gegen sie wirken die Bilder in "Mullewapp" oft steif und leblos.

Das liegt allerdings nicht nur an einer mangelhaften technischen Umsetzung, sondern auch in der Natur der Bilder. Bei Helme Heine leben sie von den sichtbaren Pinselstrichen, die ihnen Textur und Tiefe verleihen. Der aufgedonnerte Film sieht dagegen glatt und künstlich aus, vor allem die drei Hauptfiguren. Sein handgezeichneter Vorgänger war ihm da ein gutes Stück voraus.

Viel glatter noch als die Bilder ist aber die lärmende Dramaturgie von "Mullewapp" - und darin lässt sich ein generelles Problem deutscher Kinderfilme erkennen. Das Genre besteht hierzulande zum größten Teil aus Verfilmungen bekannter Vorlagen, und sehr oft gehen bei der Übersetzung Zwischentöne, Stimmungen und ein genauer Blick auf Milieus verloren. Deutsche Kinderbuchverfilmungen neigen zur Hyperaktivität, so als hätten sie Angst, ihre jungen Zuschauer sofort zu verlieren, wenn sie kurz einmal innehielten.

Die Botschaft verkommt zum Spektakel

Bei "Mullewapp" ist dieses Problem besonders stark zu beobachten. Der Film bombardiert Kinder und erwachsene Begleiter mit einer Serie von unmotivierten Slapstick-Einlagen, bis sich im Publikum völlige Erschöpfung einstellt. Bei all dem Stolpern, Fliegen, Wasserfall-Hinunterstürzen, Ins-Gewitter-Geraten und - natürlich - Pupsen haben die Figuren nie auch nur den Hauch einer Chance, sich zu entwickeln.

An die Stelle der stillen, lyrischen Passagen, die Heines Bücher gerade ausmachen, setzen die Macher von "Mullewapp" eine einfallslose Action-Sequenz nach der anderen. Die Botschaft, dass Freundschaft alle Schwierigkeiten überwinden kann, verkommt hier zum Spektakel, bei dem die drei Freunde sich den Bösewichtern als geradezu quasi-militärisch überlegen beweisen müssen.

Dass Animationsfilme große Kunst sein können, beweist Pixar eben nicht allein mit technischer Brillanz, sondern durch die komplexen Geschichten, die sie sich zu erzählen trauen. Darin, dass man in Deutschland Kindern noch immer nicht zutraut, solchen Geschichten aufmerksam zu folgen, liegt das eigentliche Problem von "Mullewapp".

Im Video: Der Trailer zu "Mullewapp"

"Mullewapp - Eine schöne Schweinerei"

    DE, LUX 2016

    Regie: Theresa Strozyk

    Drehbuch: Jesper Møller, Armin Völckers

    Mit den Stimmen von: Christian Ulmen, Axel Prahl, Ralf Schmitz, Michael Kessler

    Verleih: StudioCanal Deutschland

    Länge: 72 Minuten

    FSK: ab 0 freigegeben

    Start: 14. Juli 2016

  • Offizielle Website zum Film
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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
A.Hello 13.07.2016
1. So ein Quatsch!
Ich war zufällig bei der Premiere und die Reaktion der vielen Kinder war sehr positiv. Sie habe gelacht wenn es lustig wurde und gingen begeistert mit wenn es spannend wurde. Es wurde auch nicht zu spannend - kein Kind musste raus gehen, will man ja auch nicht als Eltern. Was will man mehr - die Zielgruppe ist zufrieden.
andireg 13.07.2016
2. Mullewapp Film? Gibts doch schon.
Mullewapp Film? Gibts doch schon. Gut gemacht, hübsch gezeichnet, kindertauglich, nicht hyperaktiv, 2009 glaub ich erschienen, Regisseur Theresa Strozyk.
boeseHelene 13.07.2016
3.
Eine absolut billige Animation, Studio Ghibli zeigt wie es besser geht.
Rosendoktor 13.07.2016
4.
Zitat von A.HelloIch war zufällig bei der Premiere und die Reaktion der vielen Kinder war sehr positiv. Sie habe gelacht wenn es lustig wurde und gingen begeistert mit wenn es spannend wurde. Es wurde auch nicht zu spannend - kein Kind musste raus gehen, will man ja auch nicht als Eltern. Was will man mehr - die Zielgruppe ist zufrieden.
Das mag sein, ich habe den Film nicht gesehen und kann ihn nicht beurteilen. Im Vergleich mit den oft wirklich brillanten Animationsfilmen amerikanischer Produktion ist dies aber leider nur ein sehr schwaches Urteil. Diese schaffen es nämlich oft, nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene prima zu unterhalten und mitzunehmen, indem sie mehrere Erzählebenen in eine Geschichte packen. Die obere, leicht zu verstehende, unterhält und begeistert Kinder, die tiefere begeistert durch erzählerische Kraft, Komplexität, Anspielungen, Zitate und Ironie die erwachsenen Begleiter. Leider fehlt dies auch meiner Erfahrung nach den europäischen Produktionen weitaus häufiger als den amerikanischen. Aber auch letzteren gelingt es nicht immer. Der neue Ice Age 5 Film ist so ein Fall (auch wenn die früheren Ice Age Filme jetzt nie wirklich Tiefgang hatten), der ruhige Erzählfluss mit den liebenswerten Charakteren der ersten drei Filme mutiert hier zum oberflächlichen, hektischen Bildergewitter. Schade, war aber nach dem bereits in dieselbe Richtung gehenden Ice Age 4 schon abzusehen.
Kajaal 14.07.2016
5.
Hyperaktivität und Stimmungslosigkeit zeichnen nicht nur deutsche Kinderfilme aus. Sie zeichnen fast alle Zeichentrick-, Anime- , Hollywood- und andere Kinofilme sowie Fernsehfilme aus. Das ist seit Jahrzehnten Trend. Höhle Nicht-Geschichten ohne Sinn und Tiefgang, plumpen Humor. Keine Einstellung länger als 2 Sekunden, Millionen überflüssiger Worte, donnernde Musik, Gewalt, Slapstick, dummes Zeug ohne Ende! Aus hyperaktiven Filmchen kommt man hyperaktiv und verblödet heraus. Passt in eine rein auf Masse, Lautstärke und Außenwirkung ausgerichtete Welt.
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