Multikulti-Satire "Salami Aleikum" Ossis und Orient

Was für ein Clash der Kulturen: In Ali Samadi Ahadis Kinokomödie "Salami Aleikum" prallen der Okzident und Orient in ostdeutscher Trümmerlandschaft aufeinander. Eine zärtliche Groteske über Frikadellenfresser, vegetarische Schlachter und andere Hanswürste.

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Parallelgesellschaft nennt man das wohl: Mitten in Deutschland gibt es eine Gruppe von Menschen, die sich standhaft unseren westlichen Werten verweigert. Man spricht eine eigene Sprache, isst für unsere Verhältnisse ungenießbares Zeugs und will ein Gesellschaftssystem wiedererrichten, das von der Geschichte doch schon längst ad acta gelegt wurde.

Die Rede ist vom ostdeutschen Kaff Oberniederwalde, dessen Bevölkerung sich zurücksehnt nach jenen Zeiten, da die ortseigene VEB-Hemdenfabrik sämtliche damaligen Brüderstaaten belieferte. So richtig angekommen in der Bundesrepublik ist man hier in den letzten 20 Jahren nicht; für jeden Integrationsbeauftragten muss diese Insel einer fremden archaischen Kultur eine Horrorvision darstellen. Einen Einbürgerungstest, so viel steht fest, würden die Ex-VEBler aus Oberniederwalde nicht bestehen.

Der aufgeklärte muslimische Migrant aus dem bundesrepublikanischen Westen meidet diese Gegend jedenfalls wie ein teutonisches Jagdfest samt Wildschweinbraten. Muss er sich aber doch mal in diese uneinladende Region aufmachen, packt er sich für eventuelle Übergriffe der Steinzeitossis einen Baseballschläger in den Kofferraum - so wie das iranischstämmige Ehepaar Taheri aus Köln, bei dem sich "7000 Jahre persische Hochkultur" (Zitat Herr Taheri) mit 25 Jahren rheinischem Pragmatismus verbindet. Als sie in Oberniederwalde anrollen und ostdeutsche Ureinwohner Unverständliches schreiend zu ihrem Auto springen, verriegeln sie vorsorglich die Türen. "Sind wir hier schon in Polen?" fragt erschrocken der Ehemann.

Doch es hilft nichts. Die Taheris müssen sich im fernen und fremden Osten durchschlagen. Ist hier doch ihr Sohn Mohsen (Navid Akhavan) mit dem Auto liegengeblieben, als er in Polen eine Dutzend unterernährter Schafe fürs heimische Fleischgeschäft einkaufen wollte. Abgeschleppt von der Zwei-Meter-Frau Ana (Anna Böger), die hier eine Werkstatt betreibt, verguckt sich der feinfühlige und zu allem Überfluss auch noch extrem tierliebe Schlachtersohn irgendwie in die ruppige Gegend.

Erleichtert wird ihm die neue Liebe von dem Umstand, dass man ihn aufgrund einer Verwechslung für einen reichen Investor aus dem Morgenland hält, der sein Geld in die marode Textilfabrik stecken will. Bald kochen die Frikadellenfresser aus Oberniederwalde ihm zu Ehren orientalische Spezialitäten.

Alter Westen und neue Bundesländer, naher Osten und mittlerer Orient: Eine schöne böse Völkerverständigungskomödie ist dem Deutsch-Iraner Ali Samadi Ahadi mit "Salami Aleikum" gelungen. So wie der kleinwüchsige Mohsen und die Ossi-Brechstange Ana hier in einer alle Körpermaße überwindenden Liebe zusammenfinden, kommen sich die Alten bei aller Sprachlosigkeit über ihre langgehegten Verklärungsversuche und Familienlügen näher.

Großartig, wie sich Anas Vater (Wolfgang Stumph) und Mohsens Vater (Michael Niavarani) hier bei einem Besäufnis ihre alten lamettabehangenen Uniformen vorführen. Der eine gibt den stolzen Volksarmisten, der andere paradiert als Schah-Soldat: Es salutieren sich hier die Hanswürste zweier untergegangener Armeen.

Ahadi, der zuvor mit der bundesfilmpreisgekrönten Dokumentation "Lost Children" eine extrem schmerzhafte Studie über Kindersoldaten vorgelegt hat, präsentiert seine Sottisen in der mit bunten Trick- und Musicaleinlagen beschleunigten Komödie mit einer solchen Geschwindigkeit, dass man zuweilen ihre Bissigkeit übersieht.

Hier bekommt wirklich jeder sein Fett weg, der persische Schlachter, der seinen Sohn nachts die Fleischabfälle kostengünstig in dem Mülltonnen einer Vorortsiedlung entsorgen lässt, ebenso wie der Ex-VEBler, der dem vermeintlichen ausländischen Investor die Standortvorteile der ostdeutschen Krisenregion mit der Weltläufigkeit eines "Bild"-Zeitungslesers erläutert.

Deutschland ist ja nicht gerade gesegnet mit wirklich funktionierenden Multikulti-Satiren. Oft hindert falsche Political Correctness die Macher vor wirklich guten Pointen, und ebenso oft werden lasche Witzchen nur dazu missbraucht, alte Ressentiments zu befeuern. Mit "Salami Aleikum" verhält es sich nun aber zum Glück wie mit der vielfach preisgekrönten Fernsehserie "Türkisch für Anfänger", dem einzigen wirklich geglückten deutschen Entwurf in Sachen Ethno-Comedy: Nach Art des "Türkisch für Anfänger"-Schöpfers Bora Dagtekin bläst auch Regisseur und Autor Ahadi die kulturellen Stereotypen auf wie bunte Seifenblasen - und lässt sie schließlich lustvoll platzen.

Welche anrührenden Geschichten da zuweilen hinter den hochbeschleunigten trivialanthropologischen Exkursionen hervortreten. Zum Beispiel, wenn in einem kaum einminütigen Flashback die traurige Jugend der Zwei-Meter-Frau Ana beschrieben wird - und damit auch ein Kapitel ostdeutscher Sport- und Kulturgeschichte. Einst wurde sie zur gefeierten Kugelstoßerin gedopt, heute weiß sie kaum, wohin mit ihrer Kraft. In einer Szene ballert sie vor Wut ein paar Eisenkugeln durch die Scheunenwand, die den zarten Mohsen nur noch stärker in seiner Liebe entflammen lassen.

So finden Ostdeutschland und mittlerer Osten in "Salami Aleikum" auf brutale und brutal ehrliche Weise zusammen. Für den alten VEB-Vorarbeiter Bergheim ist mit dieser Vereinigung immerhin die schlimmste aller vorstellbaren multikulturellen Zumutungen abgewendet worden. Erleichtert seufzt er zu seiner Frau: "Wenigstens ist er kein Wessi!"



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