"Music Of The Heart" Vergeigtes Drama

Wes Craven bescherte uns mit "A Nightmare On Elm Street" den perfekten Kino-Alptraum. Mit der "Scream"-Serie erschuf er das Genre des ironischen Horrorfilms. Nun würde der Kult-Regisseur gerne ins dramatische Fach wechseln, doch sein erster Versuch geriet zum Grauen erregenden Multikulti-Kitsch.

Von Oliver Hüttmann


Ob nun das Leben das Kino imitiert oder das Kino das Leben, ist im Medienzeitalter längst keine Frage mehr. Unterschiede sind schon aus Vermarktungsgründen nur noch marginal erwünscht. Das Kino berichtet dennoch gerne vom Leben, denn nichts rührt Menschen so sehr wie die Moral eines angeblich authentischen Schicksals und sei es noch so unwahrscheinlich.

Obligatorische Oscar-Nominierung in Aussicht: Streep
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Obligatorische Oscar-Nominierung in Aussicht: Streep

Deshalb erzählt die Bibel die größte Geschichte der Menschheit und produziert Hollywood den größten Kitsch der Welt. Und so wirken meist jene Filme, die sich auf "a true story" berufen, als hätte sich ein Drehbuchautor den Plot bei einer Schachtel Pralinen und einer Kiste Bier in einer Nacht ausgedacht. "Music Of The Heart" drängt sich schon im Titel derart sentimental auf, dass einem die wahre Geschichte der Geigenlehrerin Roberta Guaspari nicht ans Herz geht. Ihren Traum von einer Karriere als Violinistin hat sie für ihren Ehemann aufgegeben, ihm zwei Knaben geboren, und nun hat er sie verlassen, wegen einer anderen, vermutlich jüngeren und schöneren Frau als Meryl Streep, die hier Roberta darstellt. Klassisch halt, und bitter, gewiss.

Ein Job muss nun her. Mit ihren herausgeputzten Söhnen ­ sie selbst trägt eine Perlenkette zum geblümten Kleid mit Rüschen ­ gibt sie der Rektorin (Angela Bassett) einer Grundschule im New Yorker Schwarzen-Ghetto East Harlem als Bewerbung ein Geigenständchen. So eine feine, vernünftige Musik, insistiert Roberta, könnten die anderen Kinder ­ also die farbigen und sozial benachteiligten ­ auch bald spielen. Die haben natürlich keinen Bock auf Geige.

"Violins are for wimps", meckert ein kecker Bursche, und eine schwarze Mutter verbietet ihrem kleinen Wuschelkopf Robertas Kursus, weil er nicht auch noch von "white man's music" domestiziert werden soll. Roberta begreift nicht, sie meine es ja nur gut und die Musik sei doch so schön und überhaupt. In der Tat gilt die Violine als schwieriges Instrument, das nur mit Disziplin zu meistern ist ­ und in "Music Of The Heart" als pädagogische wie psychologische Metapher nervt: Wer Violine spielt, braucht keine Drogen, der hat es kapiert und eine Zukunft.

Bald drängeln sich die Kids um die wenigen Unterrichtsplätze. Und auch Roberta findet vom Selbstmitleid zu neuem Selbstbewusstsein. Sie redet Tacheles mit schlampigen Handwerkern und erzieht ihren unsteten Jugendfreund (Aidan Quinn) zum Ersatzvater für ihre Jungen. Als ihr Lebenswerk nach zehn Jahren wegen Einsparungen bedroht ist, organisiert sie in der Carnegie Hall ein Benefizkonzert, bei dem ihre Schüler mit Violinenvirtuosen wie Isaac Stern und Itzhak Perlman auftreten. Um dabei nicht ganz blöde auszusehen, hat Meryl Streep fleißig Geige geübt. Das mag für ihre obligatorische Oscar-Nominierung gereicht haben, denn ansonsten gibt sie routiniert die Heulsuse. Und so einfach, wie Roberta mit einem Saitenstrich alle Vorurteile und Ängste zu beseitigen scheint, ist der gesamte Film arrangiert. Ist Roberta traurig, erklingen halt sanfte Pianoklänge.

Als sie mit dem Taxi erstmals durch Harlem fährt, ertönen aggressive Rap-Rhythmen. Gewalt im gefährlichsten Viertel der USA von 1980 aber ist hier nicht zu bemerken, auch sind die Kids nicht renitenter und unwilliger als andere Pennäler. Wäre es Regisseur Wes Craven mit dem Wechsel ins dramatische Fach nicht so ernst, könnte man diese Multikulti-Idylle für seinen bösesten Streich halten. 1972 hatte er die perverse Phantasie "Last House On The Left" erdacht, in der ein Junkie-Trio zwei Mädchen missbraucht. Für "A Nightmare On Elm Street" erfand er 1984 die Psychopathenfratze Freddy Krueger, der Menschen im Schlaf heimsucht und sie mit Sicheln an den Händen in ihren Träumen killt. Zuletzt hat er mit "Scream" den ironischen Horrorfilm etabliert, der die Genreregeln auch als Gesetzmäßigkeit im Alltag verhandelt.

Craven ist gut darin, an der Grenze zwischen Schattenreich und einer möglichen Realität zu wandeln. Das wahre Leben kann er nicht inszenieren. Die Pointe sei gestattet: Man kann einen Film auch sprichwörtlich vergeigen.

"Music Of The Heart". USA 1999. Regie: Wes Craven; Buch: Pamela Grey; Darsteller: Meryl Streep, Angela Bassett, Aidan Quinn, Gloria Estefan. Verleih: Arthaus; Länge: 124 Minuten.



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