Musiker The Edge "Der E-Gitarre steht ein goldenes Zeitalter bevor"

Sein Sound prägte U2 und damit die moderne Rockmusik. Der Kinofilm "It Might Get Loud" macht The Edge nun endgültig zur Legende. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview verrät der irische Gitarrist, was er Kraftwerk verdankt - und wie er den Weltenretter Bono erträgt.

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SPIEGEL ONLINE: Im Film "It Might Get Loud" treffen Sie Ihre Kollegen Jimmy Page von Led Zeppelin und Jack White von den White Stripes und sprechen mit ihnen über die elektrische Gitarre. Was macht dieses Instrument so besonders? Warum steht es am Anfang der Rockmusik?

The Edge: Ein Klavier klingt immer nach einem Klavier. Die Gitarre hat sich in etwas Neues verwandelt, als sie elektrifiziert wurde - das untersuchen wir immer noch. Wobei nur die Gitarre dafür nicht gereicht hätte. Die Elektrifizierung ermöglichte, dass man all die Effektgeräte anschließen konnte, die den Klang verändert haben. Das Wah-Wah-Pedal entstand, die Fuzzbox. Strom hat sich in Sound verwandelt. Das war es. Ein Saxofon ist ein Saxofon. Aber eine elektrische Gitarre schließt man an, und auf einmal hat man unendliche Möglichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Jimmy Page im Film über sein Instrument redet, hat das einen immer eine sexuelle Note. Eine Gitarre müsse man behandeln wie eine Frau, sagt er einmal. Kaum hat er eine Gitarre in der Hand, bewegt er schon den Unterleib. Bei ihnen ist das Verhältnis wesentlich nüchterner, hat man den Eindruck.

The Edge: Meine Beziehung zur Gitarre hat sich stark verändert über die Jahre. Ich hatte ein sehr kämpferisches Verhältnis zum Instrument am Anfang, das war keine glückliche Ehe. Mittlerweile ist das aber viel entspannter. Ich weiß, was ich von ihr erwarten kann, es ist eine sehr viel intimere Beziehung als früher.

SPIEGEL ONLINE: Der Film begleitet sie auf dem Weg zurück in die Schule, in der die Karriere von U2 begann. In 30 Jahren haben sie sich von einer Schulband zu Global Playern entwickelt. Ein mächtiger Aufstieg, ganz ähnlich wie ihre Heimat Irland, die sich im gleichen Zeitraum vom Armenhaus Europas zum Keltischen Tiger wandelte. Gibt es Parallelen?

The Edge: Nun ja (lacht). Der Erfolg eines Projekts hängt von den Absichten ab, die man verfolgt. Schon ganz am Anfang, als wir noch nichts konnten, waren unsere Absichten wahr und richtig. Das gab uns eine Macht, die größer war, als das, was wir tatsächlich konnten. Ob das für Irland auch gilt, wage ich nicht zu beantworten.

SPIEGEL ONLINE: Ist es eigentlich ein Problem für die Band, dass Bono mittlerweile so ein prominenter Weltretter ist?

The Edge: Wir haben uns dran gewöhnt, dass er nicht da ist. Dann machen wir eben was anderes in der Band, konzentrieren uns auf die musikalische Seite der Dinge. Und wenn er dann da ist, haben wir etwas, das ihn inspiriert. Er umgekehrt hat eine bestimmte Objektivität, die uns gut tut.

SPIEGEL ONLINE: Und zwischendurch ruft er dann Putin an, um zu fragen, was los ist, wenn gerade mal wieder ein Bürgerrechtler ermordet wurde? Oder wie muss man sich Bonos Engagement vorstellen?

The Edge: Das kommt vor. So war er schon immer. Er ist einfach sehr impulsiv.

SPIEGEL ONLINE: Jimmy Page und Jack White sind sehr vom Blues beeinflusst. Sie gar nicht. Was treibt sie an?

The Edge: White und Page würden sicher sagen, dass der Blues sie überhaupt erst auf die Gitarre gebracht hat. Sie sehen sich in einer Reihe mit den alten Bluesmen von damals. Das ist bei mir ganz anders. Ich interessiere mich für die neue Idee. Das, was jetzt stattfindet. Ganz am Anfang war das Punk. Dann kam deutsche Musik, Krautrock, Can, Neu!, Kraftwerk. Das war eine Musik, die in die Zukunft schauen wollte und mit den Klischees des weißen Blues nichts zu tun haben wollte. Das waren unsere Anfänge. Später haben wir natürlich auch die amerikanische Rootsmusik angehört, Blues, Country. Aber wir sind als Band wie ein Schwamm. Es gibt da kein Ziel.

SPIEGEL ONLINE: Steht die Gitarre heute noch im Fokus der Popmusik?

The Edge: Mich interessiert, wo etwas Neues entsteht. Das war in den vergangenen Jahren im HipHop und im R&B der Fall, in der elektronischen Musik. Rock war zuletzt ein Ghetto, ein Genre ohne Ideen. Dementsprechend unwichtig war die Gitarre. Das ändert sich gerade wieder. Es sind ein paar neue Bands aufgetaucht, die tolle Sachen machen. Das Handwerk beeindruckt mich nicht sehr. Was mich interessiert, ist der emotionale Ausdruck. Ich glaube, dass der E-Gitarre ein goldenes Zeitalter bevorsteht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon einmal eine Gitarre kaputtgehauen?

The Edge: Nein. Was für ein schreckliches Klischee! Das kann man heute wirklich nicht mehr bringen.

Das Interview führten Tobias Rapp und Martin Wolf


"It Might Get Loud" (Regie: Davis Guggenheim) läuft ab Donnerstag im Kino



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