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"Crazy Heart": Bad Blake und seine Ballade

Foto: 20th Century Fox

Musikerdrama "Crazy Heart" Hits im Halbkoma

Geschichten von ausgebrannten Musikern werden im Kino gern erzählt und rühren immer wieder: In Scott Coopers Regie-Debüt "Crazy Heart" spielt Jeff Bridges einen versoffenen Countrystar auf der Kippe - und könnte damit endlich den Oscar gewinnen.

Der Mann ist am Ende, aber ein Auftritt ist ein Auftritt und die Show muss weitergehen: "The Spare Room", das überschüssige Zimmer, heißt die zur Bühne umfunktionierte Ecke einer Bowlingbahn irgendwo im Südwesten der USA. Dort soll der alternde Countrystar Bad Blake seine alten Gassenhauer noch einmal zum Besten geben. Man freut sich auf ihn, aber sein Ruf, nicht nur ein brillanter Sänger und Songwriter, sondern inzwischen auch ein notorischer Säufer zu sein, eilt ihm voraus: Sorry, keine Drinks aufs Haus! Wäre ja eigentlich kein Problem, aber Blake, der mit seiner Gitarre und einem alten Verstärker von Kaff zu Kaff tingelt, ist nicht nur dreckig und unrasiert, er ist vor allem blank.

Zum Glück - oder Unglück - ist der Besitzer des örtlichen Gemischtwarenhandels ein alter Fan - und schenkt Blake eine Flasche seines favorisierten Whiskys. Dafür könne er ja am Abend das Lieblingslied seiner Frau spielen, meint der Geschäftsmann.

Nun könnte man erwarten, dass Bad Blake schon zu weit unten, schon viel zu bad ist, um die Großzügigkeit des Mannes zu belohnen. Andere Filme würden aus dieser Szene ein Exempel für das Heruntergekommene des Protagonisten machen. Doch das ist das Schöne an "Crazy Heart", dem Regie-Debüt des Schauspielers und Musikers Scott Cooper: Das Musikerdrama erzählt eine Geschichte, die schon oft erzählt wurde - vermeidet aber viele Klischees.

Bad Blake war mal einer der besten Songschreiber der Countryszene, doch sein Strom genialer Tunes ist schon länger versiegt. Jüngere, besser aussehende Stars wie sein einstiger Ziehsohn Tommy Sweet haben das Countrygenre auf Boygroup-Glamour getrimmt. Bärtige, bierbäuchige Typen mit fettigem Haar wie Blake haben in den Arenen voller kreischender Teenies nichts mehr zu suchen. Sie müssen mit dem "Spare Room" auf der Bowlingbahn vorlieb nehmen. Natürlich säuft sich Blake bis zum Auftritt die Hucke voll. Natürlich tritt er trotzdem ans Mikro wie ein braver Countrysoldat. Natürlich ist er so routiniert, dass er auch im Halbkoma noch seine alten Hits raushaut.

Doch dann lässt er seine junge, zwischen Respekt und Ekel schwankende Backup-Band tatsächlich den Wunschsong der Kleinkrämergattin spielen. Dass Blake kurz darauf von der Bühne torkelt, um sich draußen zu übergeben - und sichtlich derangiert erst für die letzten zwei Takte des Songs zurückkehrt, ist eine der vielen kleinen Pointen des Films. Worauf es ankommt: Er hat sich erinnert. Und Loyalität gegenüber der treuen Fan-Basis ist das kostbarste Gut. Ein schon etwas ältliches Groupie springt am Ende des Abends auch noch mit dem alten Recken in die Koje des billigen Motels. Was will man mehr?

Aussicht auf Redemption

Liebe natürlich. Als Blake die junge Journalistin Jean Craddock (Maggie Gyllenhaal) trifft und sich mit ihrem kleinen Sohn anfreundet, eröffnet sich ihm plötzlich eine Chance, sein dem Abgrund zustrebendes Leben doch noch einmal in sichere Bahnen zu lenken. Natürlich ist das alles nicht so einfach. Aber wie in jedem guten Countrysong gibt es am Ende die Aussicht auf Redemption, auf Erlösung.

Ursprünglich wollte Regisseur Scott Cooper die bewegte Lebensgeschichte des Countryveteranen Merle Haggard verfilmen, doch als ihm Thomas Cobbs Roman "Crazy Heart" in die Hände fiel, entschied er sich, eine fiktive Geschichte zu erzählen, die dennoch viel mit den realen Schicksalen vieler Countrymusiker zu tun hat. Es geht um einsame Helden, Cowboys mit Gitarren. Und es geht darum, Würde, Stolz und Anstand zu bewahren, auch wenn Glanz und Ruhm vergangener Tage verschwunden sind - und das Leben nur noch aus kleinen und großen Demütigungen besteht. Rip Torn spielte so einen strauchelnden Star 1973 in "Payday", weitaus weniger zynisch porträtierte Robert Duvall 1983 in Bruce Beresfords Barden-Ballade "Tender Mercies" einen alternden Countryhelden, der versucht, sein verpfuschtes Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Kein Zufall also, dass Duvall nicht nur als Co-Produzent an "Crazy Heart" beteiligt ist, sondern auch noch eine Nebenrolle als Blakes bester Freund übernahm. Die Patenschaft von Beresfords Film ist offensichtlich, dennoch schafft es Cooper, seinem gänzlich unaufgeregt erzählten Film mit vielen rührenden Details und genauen Beobachtungen eine eigene Note zu verleihen.

Größter Trumpf und tragender Pfeiler von "Crazy Heart" ist natürlich Hauptdarsteller Jeff Bridges. In Hollywood gehört es zum guten Ton, den inzwischen 60-Jährigen als einen der besten Schauspieler seiner Generation zu loben. Leider blieb ihm der ganz große Ruhm in den fast 40 Jahren seiner Karriere versagt. Mit seinem Kette rauchenden, versoffenen Bad Blake, der bei aller Abgefucktheit immer so liebenswert und charmant wie ein Southern Gentleman der alten Schule bleibt, könnte er nun nach fünf erfolglosen Nominierungen erstmals einen Oscar gewinnen.

Viel Raum für das Schauspieler-Schwergewicht

Es gehört einiges dazu, dem wandelnden Klischee eines heruntergekommenen Musikers Glaubwürdigkeit und Grazie zu verleihen. Bridges gelingt dieses Kunststück vor allem durch das Weglassen übertriebener Gesten. Die Trauer über den Verlust alter Größe, die Scham über die eigene Schwäche, der tägliche Kampf gegen den inneren Schweinehund auf der nächsten kleinen Bar-Bühne im Nirgendwo, das Saufen, Rauchen und der körperliche Verfall - für all das braucht Jeff Bridges kein übertriebenes Method Acting, es reicht ein Blick in seine müden, blassblauen Augen, ein Blick auf seine manchmal schief heruntergezogenen Mundwinkel, seine schlaffe Unterlippe; ein Blick auf seine trotz aller Hünenhaftigkeit zusammengesunkene Statur. Selbst beim Singen und Spielen der von T-Bone Burnett für ihn ausgesuchten und produzierten Countrysongs wirkt Bridges so echt und authentisch, als hätte eine Karriere als Musiker schon immer in ihm geschlummert.

Cooper weiß, was er an einem Schauspieler-Schwergewicht wie Bridges hat und gibt ihm viel Raum, um diesen kleinen Film zu etwas Großem zu machen. Aber auch Maggie Gyllenhaal ist bezaubernd als zarte, alleinerziehende Mutter, die den guten Kern, den gütigen Vater und den sanften Liebhaber in Blake sieht. Und in einem grandiosen Cameo-Auftritt spielt ausgerechnet der Ire Colin Farrell den slicken Tommy Sweet, der an seinem Mentor vorbei zum Superstar des kommerziellen Plastikcountrys geworden ist - aber deswegen noch lange kein Bösewicht. Auch diese Geschichte der Rivalität zwischen Tradition und Moderne erzählt "Crazy Heart", wenn auch vielleicht ein bisschen zu versöhnlich. Bad Blake, der Wiedergänger knorriger Old-School-Stars wie Hank Williams, Lefty Frizzell oder Kris Kristofferson, schreibt dem jungen Schönling mit dem modischen Pferdeschwanz am Ende doch wieder die besten Songs - das Neue geht nicht ohne das Alte. Und besonders in diesem alten Knacker steckt noch eine ganze Menge Musik.

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