"My Sweet Home" Das letzte Stück Sinn des Lebens

Frischfleisch auf der Berlinale: Mit "My Sweet Home" von Filippos Tsitos und "Mein langsames Leben" von Angela Schanelec haben auch zwei Hochschulabsolventen ihre Streifen auf die Berlinale-Leinwand gebracht.

Von Cristina Moles Kaupp


Berliner Großstadtpflanzen in ihrem Biotop: "My Sweet Home"
Internationale Filmfestspiele Berlin

Berliner Großstadtpflanzen in ihrem Biotop: "My Sweet Home"

Kurz vor Schluss - noch einmal Berlin. Weil es so schön ist. Und weil "My Sweet Home" mitten hinein taucht und trotzdem von draußen auf dieses Häusermeer guckt, das immer bunter und größer wird - und vielleicht auch bald Weltstadt.

Wer hier strandet, hat immer ein Schicksal. Und so fügt der junge Autor und Regisseur Filippos Tsitos viele kleine Geschichten zu einem tragischkomischen Reigen. So federleicht und überhaupt nicht kitschig, dass "My Sweet Home", als Abschluss seines Studiums gedacht, auf Anhieb der Sprung aus dem Vorführraum der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) in den Berlinale-Palast glückte. Applaus.

Eine heruntergekommene Kneipe namens "Globus" wird zum Schnitt- und Fluchtpunkt für Menschen aus Ost und West - halb Babylon hat sich hier versammelt. Doch die meisten stecken fest im fremd gewordenen Leben und wissen nicht weiter. Allen voran Bruce aus Kalifornien, ein hagerer Weltenbummler. Panisch kramt er nach einem letzten Stück Sinn in seinem Leben und überrascht seine Anke mit einem Heiratsantrag. Nur widerstrebend gibt die Berlinerin nach. Schließlich kennt sie Bruce erst seit vier Wochen. Doch dann gibt sie ihrem Herzen einen Ruck und schlittert in ihren improvisierten Polterabend - mittenmang ins wild zusammengewürfelte "Globus"-Multikulti. Keiner, der hier nicht mit seinen Brüchen und Sehnsüchten hadert - sympathisch, dass alle voller Lust ein lautes "Trotzdem!" tanzen.

Brüche und Sehnsüchte gehören zur Welt von "My Sweet Home"
Internationale Filmfestspiele Berlin

Brüche und Sehnsüchte gehören zur Welt von "My Sweet Home"

Nach zehn Jahren kennt Tsitos Berlin genau. Ihm fiel auf, wie viele sich wegträumen an einen sonnigen Ort, in ein anderes Zuhause. Doch gibt es das überhaupt oder nur die Sehnsucht danach? Auf der Suche nach einer Antwort taumelt der beschwingte Film durch Lebenslügen und kleine Fluchten. Er zeigt die Hierarchien unter Immigranten, Liebe unter Brüdern, Scheinehen und rückt eine erstaunliche Mutprobe in den Vordergrund. Wer wagt den Anruf bei den Eltern und ringt sich das längst fällige Geständnis ab: Hallo, ich bin ein Versager? Herrlich.

"Mein langsames Leben" - still, packend, schön

Noch eine zeigt, wie in Berlin die Tage verticken können: Angela Schanelecs "Mein langsames Leben" ist ebenfalls ein dffb-Abschlussfilm und lief im Forum für junge Autoren. Die Regisseurin und Schauspielerin konzentriert sich einen Sommer lang auf Menschen Ende Dreißig und diese typischen endlosen Zwischenstadien: schwimmend im Irgendwo zwischen Ehe, Scheidung oder Neuanfang, zwischen Uni-Abschluss und Job-Beginn. Schanelecs Bilder sind ruhig, nackt und gnadenlos ehrlich. Eine mietet sich ein Zimmer, die andere fährt nach Rom. Dann stirbt ein Vater, ein Kind wird gezeugt und eine Ehe zerbricht. Schanelec klammert sich jedoch an keine stringente Handlung, sondern fixiert die Reaktionen der Protagonisten. Ihre unverstellten Blicke und alltäglichen Dialoge, die von Lebensentwürfen und Liebeskummer handeln. Viel Schweigen dazwischen - ein stiller Film, packend und schön.



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