Nachruf auf Hardy Krüger Meistens der »Kraut«, aber kein Bösewicht

Er zeigte der Welt den »guten Deutschen«, später den Deutschen die Welt. Als Mensch war Hardy Krüger nicht unkompliziert – wählerisch und selbstkritisch.
Hollywoodstar Hardy Krüger 2013

Hollywoodstar Hardy Krüger 2013

Foto: Felix Kästle / picture alliance / dpa

Für einen guten Film, zitierte Hardy Krüger 2003 in einem Interview mit dem SPIEGEL einmal einen französischen Regisseur, brauche man dreierlei: »Ein gutes Drehbuch, ein gutes Drehbuch und ein gutes Drehbuch«.

Das Drehbuch seines eigenen Lebens hätte abenteuerlicher – und besser – kaum sein können. Schon die Auswahl der Arbeiten, die seinen weltweiten Ruf als Schauspieler begründeten, spricht für sich. Aus einer ganzen Reihe von Filmen, in denen Hardy Krüger glänzte, wie nur Hardy Krüger glänzen konnte, kann man wahllos »Der Flug des Phönix« herausgreifen.

In diesem Actiondrama von 1965 fiel Krüger an der Seite von Stars wie James Stewart, Richard Attenborough, Peter Finch, Ernest Borgnine oder George Kennedy eine Haupt- und Schlüsselrolle zu. Ein Transportflugzeug mit internationaler Besatzung ist in der Sahara bruchgelandet, und der einzige deutsche Passagier, Heinrich Dorfmann, hat die Idee, aus dem Wrack ein neues Flugzeug zu bauen. Krüger spielt diesen Ingenieur mit seiner runden Brille als ruhigen und leicht kapriziösen Nerd, der sich mit dem Flugkapitän anlegt: »Mister Towns, sie benehmen sich, als wäre Dummheit eine Tugend. Warum ist das so?«.

Die übrigen Gestrandeten nennen Dorfmann einen »Kraut«, der Krieg ist noch nicht lange her. Aber obwohl sich herausstellt, dass der Deutsche bisher nur mit der Konstruktion von Modellflugzeugen vertraut war, gelingt den Männern der Flug und damit die Flucht vor dem sicheren Tod.

In diesem Heinrich Dorfmann kulminierte, was Hardy Krüger dem internationalen Kino vor allem der Sechzigerjahre geben konnte: einen Deutschen, der vielleicht kompliziert und nicht ganz dicht ist, aber ganz sicher kein Bösewicht.

Deutsche Filme waren ihm zu seicht

Gedeckt war dieses Image auch durch Krügers eigene Biografie. Geboren 1928 in Berlin, schickten seine vom Regime begeisterten Eltern ihn auf eine Adolf-Hitler-Schule nach Sonthofen. Er sollte und wollte Ingenieur werden, wurde aber – seiner blonden Haare und blauen Augen wegen – für eine Nebenrolle in einem Propagandafilm (»Junge Adler«) besetzt. Bei den Dreharbeiten in Babelsberg machte der Fünfzehnjährige die Bekanntschaft zweier älterer Schauspieler, die ihm die Augen für die Gräuel der NS-Führung öffneten.

In den letzten Kriegsmonaten wurde er zu einer Division der Waffen-SS eingezogen, desertierte aber so bald sich eine Gelegenheit bot. Nach dem Krieg arbeitete er zunächst als Statist am Hamburger Schauspielhaus und als Sprecher für den NWDR, den Vorläufer von NDR und WDR, bevor er als Schauspieler im deutschen Nachkriegskino erste Rollen bekam.

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Hollywoodstar der Nachkriegszeit – Zum Tod von Hardy Krüger

Foto: Daniel Reinhardt / picture alliance / dpa

Weil er die Drehbücher als zu seicht empfand, ging er zunächst, angezogen von der Nouvelle Vague, nach Paris und später nach London. Seine Rolle des deutschen Jagdfliegers in »Einer kam durch« machte ihn 1957 einem englischsprachigen Publikum bekannt. Unterdessen hatten sich zwar auch die deutschen Produktionen verbessert, aber seine internationale Karriere hatte bereits ihren Lauf genommen.

Über drei Jahrzehnte spielte Krüger nicht nur an der Seite der Größten, er war selbst ein Großer. Zu seinen Filmpartnerinnen und -partnern zählten Orson Welles, Sean Connery, Charles Aznavour oder Claudia Cardinale, vor allem in Abenteuer- oder Actionfilmen wie »Hatari!« (mit John Wayne), »Die Wildgänse kommen« (mit Richard Burton) oder »Taxi nach Tobruk« (mit Lino Ventura).

Im Gespräch mit dem SPIEGEL sagte Krüger, er habe »mindestens 20 oder 30« ihm angebotene »Deutsche in internationalen Filmen nicht gespielt«, und doch waren unter seinen Rollen auch Wehrmachtoffiziere (»Die Brücke von Arnheim«). In Deutschland war er 1971 in dem Straßenfeger »Das Messer« zu sehen, 1975 in der grotesken Western-Kuriosität »Potato Fritz« mit dem Fußballspieler Paul Breitner – und ab den Achtzigerjahren in einer neuen Rolle als »Weltenbummler«.

Zuvor hatte er bereits in Tansania im Schatten des Mount Meru gelebt, nach seiner Rückkehr aus Afrika blieb er ein Reisender. Nach »Harrys Bordbuch« für Radio Bremen war er der »Weltenbummler« für die ARD. Die Reportagen wurden von 1987 bis 1995 produziert und lieferten auch die Grundlage für seine Karriere als Reiseschriftsteller und Romancier.

Drei Ehen, kein Familienmensch

Nachdem er der Welt zuvor den »guten Deutschen« gezeigt hatte, zeigte er den Deutschen nun die Welt – und blieb bis zuletzt bemüht um das Gute. Er unterstützte verschiedene Initiativen gegen Rechtsextremismus und setzte sich auch kritisch mit seinen eigenen Rollen auseinander.

Ein Familienmensch war er, dreimal verheiratet, laut eigener Aussage nicht. Zu sehr habe ihn seine Karriere in Anspruch genommen. Auch zu einem gemeinsamen Film mit seinem Sohn, Hardy Krüger jr., ist es nicht gekommen. Wann immer es eine Anfrage gegeben habe, Vater und Sohn gemeinsam zu besetzen, sei seine Antwort gewesen: »Um was zu tun?«.

Am 19. Januar ist Hardy Krüger in Palm Springs, Kalifornien, gestorben. Er wurde 93 Jahre alt.