SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

02. April 2013, 17:37 Uhr

Zum Tode Jess Francos

Der Schmuddelgott

Von

Er war ein manischer Filmemacher, Werke wie "Vampyros Lesbos" oder "Perverse Emmanuelle" machten ihn zum König des Exploitation-Kinos: Bei Jess Franco wimmelte es nur so von Kannibalinnen, Vampirinnen und Zombie-Amazonen. Nun ist der spanische B-Movie-Gott mit 82 Jahren gestorben.

Nein, ein Mann für die große Leinwand war er nicht. Er hat keine Filmpreise gewonnen, ist nie für eine Palme oder einen Oscar nominiert worden. Seine Filme liefen in Bahnhofskinos und verschwanden in den Videotheken schnell in der Erwachsenenabteilung. Die Filmverleihe gaben ihnen kreischige Titel wie "Eine Jungfrau in den Krallen von Vampiren" oder "Perverse Emmanuelle". Und dennoch: Kaum ein Filmemacher der sechziger und siebziger Jahre konnte eine so eingeschworene Fangemeinde aufweisen wie der Spanier Jesús Franco.

Spätestens seit den Neunzigern, als man B-Filmer wie Georg A. Romero oder Herschell Gordon Lewis neu zu entdecken begann, kam auch Jess Franco, wie er sich seit den Sechzigern nannte, zu späten Ehren: Als König des sleaze, als Meister der mit schwülen Psychedelic-Soundtracks unterlegten Nackedei-Streifen. Schmuddel von gestern, den man unter ironischen Vorzeichen nunmehr kultig finden durfte.

In der Tat war der am 12. Mai 1930 in Madrid geborene Franco eine Art Fassbinder des B-Films. Ein Besessener, der Film an Film reihte. Über 200 soll er gedreht haben - allein im Jahr 1970, in dem er seinen bekanntesten Film "Vampyros Lesbos" drehte, vollendete er acht Spielfilme.

Der Schauspieler Michel Lemoine, der in den Siebzigern mit Franco drehte, erinnerte sich einmal im Interview daran, wie er für zwei parallel gedrehte Filme vor der Kamera stand und irgendwann feststellte, dass Franco mit ihm an Szenen arbeitete, die weder im einen noch im anderen Drehbuch standen. "Er hat einfach noch einen dritten Film dazugedreht", so Lemoine. Ähnlich erging es Christopher Lee, dem Hauptdarsteller von "Der Todeskuss des Dr. Fu Man Chu" (1968), der sich über die Nacktszenen in Francos Filmreihe wunderte - als die gedreht wurden, war Lee nie dabei.

"Phantastische und unübliche Heldinnen"

Franco erzählte oft krude zusammengeleimte Storys, inspiriert von Horrorklassikern wie Dracula, Frankenstein oder frühen Zombie-Filmen. Doch im Unterschied zu den Vorbildern sind es im Oeuvre Francos meist amazonenhafte Frauen, die die Transformation zum Monströsen vollführen.

Zum Beispiel sein Frühwerk "Miss Muerte" von 1966, das Franco mitten im faschistischen Spanien drehte. Hier bringt die Tochter eines genretypisch verrückten Wissenschaftlers eine Striptease-Tänzerin unter ihre mentale Kontrolle. Auf diese Weise lockt sie die Wissenschaftlerkollegen ihres Vaters an und tötet sie bestialisch, weil sie sie für seinen Tod verantwortlich macht. "Während das spanische Regime Frauen forderte, die ergeben, milde und dienstbar waren", resümiert die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Pavlovic, "schuf Jess Franco phantastische und unübliche Heldinnen: Frauendetektive, weibliche Vampire, lesbische Wärterinnen und weibliche Killer."

Mitte der Sechziger lernte er den jüdisch-deutschen Produzenten Karl Heinz Mannchen kennen, der sich auf der Flucht vor den Nazis spanischen Partisanen angeschlossen hatte. Mannchen half dem spanischen B-Filmer dabei, das faschistische Spanien hinter sich zu lassen - er wurde zu Jess Francos Hausproduzent.

Ein Hochstapler des voyeuristischen Kinos

1972 lernte Franco dann die 18-jährige Lina Romay kennen, die in den folgenden Jahren die meisten Hauptrollen in seinen Filmen spielte. Romay und Franco, die einige Jahre später auch heirateten, sollten zum Traumpaar des Exploitation-Kinos werden. Sie spielte die barbusige, geheimnisvolle, traumschöne Zombie- oder Vampir-Lady - er gab in Nebenrollen den ziegenbärtigen, verwirrt-überforderten männlichen Voyeur, der ihr nicht gewachsen ist.

Franco machte bis ins hohe Alter Filme, sein letzter Film "Paula Paula" über einen Mord im Striptease-Milieu datiert von 2010. Tatsächlich funktioniert die Filmästhetik des Jess Franco aber nur wirklich im Rahmen der Sechziger und Siebziger - in einer Zeit also, in der nackte Haut und lüsterne Filmtitel noch die Geschäftsgrundlage für Bahnhofskinos abgeben konnten.

Das oft bizarre, echo- und hallgetränkte Sounddesign seiner Filme, die jazz- und beatlastigen Soundtracks, die handlungsarme Bilderflut, die waghalsige Kameraführung: Franco war ein Maniac, Cineast und Jazzfan, der, wenn man so will, das Erotikbusiness dafür ausnutzte, den Zuschauern eine gehörige Portion Psychedelik und Lust an formalen Filmexperimenten zu verabreichten. Ein Hochstapler des voyeuristischen Kinos - aus Liebe zum Film.

Seine Muse Lina Romay überlebte er nur um einige Monate: Sie erlag im Februar 2012 einem Krebsleiden, Jess Franco starb am Dienstag in einem Krankenhaus in Málaga in Folge eines Schlaganfalls.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung