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"Nacht und Nebel": Analytischer und empathischer Blick

Foto: absolut Medien/ Arte

Holocaust-Film erstmals auf DVD Ein Farbwechsel, dann in Grau das Grauen

1956 wütete die Bundesrepublik beim Festival in Cannes gegen den Dokumentarfilm. Der Protest ist Geschichte, doch der Holocaust-Bilderstrom von Alain Resnais beeindruckt noch heute. Erst jetzt erscheint "Nacht und Nebel" in Deutschland auf DVD.

Es beginnt mit Aufnahmen einer idyllischen Landschaft, in die sich, vom unteren Rand des Bildes her, Stacheldraht schiebt. Die Kamera fährt an Zäunen entlang, die Erzählerstimme informiert über den Sachverhalt: "Auch eine Straße für Fuhrwerke, Bauern und Liebespaare, auch ein kleiner Ferienort mit Jahrmarkt und Kirchturm kann zu einem Konzentrationslager hinführen."

Als der französische Regisseur Alain Resnais in den Fünfzigern mit "Nacht und Nebel" den ersten maßgeblichen Dokumentarfilm über den Holocaust drehte, interessierte sich in Deutschland kaum jemand für die früheren Konzentrationslager.

Die Landschaft vor Auschwitz und Majdanek, die Resnais zeigt, ist menschenleer: "Die Drähte sind nicht mehr elektrisch geladen. Kein Schritt mehr, nur der unsere." Dann wird das Bild schwarz-weiß. "In der Erinnerung denkt man ein wenig in Grau oder jedenfalls in einer weniger klaren Farbe", hat Resnais später in einem Interview erklärt.

Der Farbwechsel führt aus der verschwiegenen Gegenwart des Jahres 1955 in die verdrängte Vergangenheit dieser Orte. Alain Resnais und sein Regieassistent Chris Marker bekamen als erste Filmemacher umfassenden Zugang zu Archiven in Frankreich, Belgien, Holland, Polen und Deutschland.

Sie verdichteten das Material zu einem Bilderstrom, der bis heute unsere Vorstellung des Holocaust prägt: Aufmärsche aus Leni Riefenstahls Reichsparteitagsfilm "Triumph des Willens", der Junge aus dem Warschauer Ghetto, der mit erhobenen Händen abgeführt wird, das Bild einer neunjährigen Roma, kurz vor der Deportation aus dem Lager Westerbork nach Auschwitz.

"Nacht und Nebel" schont sein Publikum nicht und zeigt im letzten Drittel Aufnahmen der Experimente mit den Lagerinsassen und Leichenberge, die von einem Bulldozer zusammengeschoben werden.

Ein analytischer und zugleich empathischer Blick

Auch eines der wenigen Fotos aus dem Zentrum der Vernichtung hat Resnais verwendet: Mitglieder der Sonderkommandos, die zwischen Dutzenden nackten Leichen stehen, über denen der Rauch aufsteigt. Aufgenommen wurde das in einer Zahnpastatube aus dem Lager geschmuggelte Bild vermutlich aus dem Inneren einer Gaskammer.

Die letzte große Debatte um die Darstellbarkeit der Shoah und die Frage, welche Bilder der Vernichtung man zeigen darf und welche nicht, wurde vor gut zehn Jahren aus Anlass der Ausstellung "Memoires des Camps" in Paris geführt, auf der genau dieses Bild zu sehen war.

Von Resnais wurden die Quellen noch nicht kenntlich gemacht, das Bild ist nur eines von vielen, mit denen hier versucht wird, die Wirklichkeit der Vernichtung zur Anschauung zu bringen. Dieser Versuch findet seinen Ausdruck im Rhythmus des Films. Die einzelnen Einstellungen sind zu kurz, als dass man das Grauen voyeuristisch begaffen könnte, und zu lang, um als schlichte Schockeffekte zu wirken.

Der poetische Text des französischen Schriftstellers Jean Cayrol, einem Holocaust-Überlebenden, wird im ruhigen Duktus vorgetragen (Paul Celan, der Autor der "Todesfuge", hat ihn für die deutsche Fassung des Films übersetzt). Und die niemals manipulative Musik Hanns Eislers konterkariert die Bilder, anstatt ihren Schrecken halb gar zu verdoppeln und dadurch zu banalisieren.

1956 - Skandal beim Cannes-Festival

Es geht "Nacht und Nebel" bei aller schwer aushaltbaren Drastik der Bilder also nicht darum, den Zuschauer niederzuknüppeln. Es geht darum, seine Wahrnehmungskanäle zu öffnen und eine Wirklichkeit zu zeigen, die ansonsten von Abwehrreflexen ferngehalten wird.

Für das deutsche Publikum der Fünfzigerjahre hätte der gerade einmal 30 Minuten lange Film eine Möglichkeit sein können, die kollektive Wahrnehmungsverweigerung der Nachkriegszeit zu durchbrechen. Dass genau das nicht sein durfte, machte die Bundesregierung kurz nach der Premiere deutlich und legte 1956 gegen die geplante Aufführung bei den Filmfestspielen von Cannes offiziell Protest ein : "Nacht und Nebel" würde die nationalen Gefühle des deutschen Volkes verletzen und das friedliche Zusammenleben der Völker beeinträchtigen.

Aus der damaligen deutschen Perspektive ist das nicht überraschend: Bilder und Text machen deutlich, dass ungleich mehr Menschen für den Massenmord verantwortlich waren als nur die abgeurteilte Führungsclique.

Weniger nachvollziehbar bleibt, dass das Auswahlkomitee von Cannes dem Druck nachgab, "Nacht und Nebel" aus dem offiziellen Programm verbannte und nur in einer Sondervorstellung abseits des Festivals zeigte; anstatt dem deutschen Botschafter freundlich, aber bestimmt den Mittelfinger oder zumindest den Vogel zu zeigen.

Der Skandal von Cannes ist Geschichte, "Nacht und Nebel" wurde später auch in deutschen Schulen im Geschichtsunterricht gezeigt, und es ist erstaunlich, dass er hierzulande erst jetzt, 60 Jahre später, auf DVD erscheint.

Vollkommen zeitgemäß hingegen und im deutschen Kino nach wie vor kaum zu finden, ist der konzentrierte analytische und zugleich empathische Blick, der "Nacht und Nebel" bestimmt und der das Entsetzen angesichts der Bilder, die er vorfindet, nicht verbirgt.

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Nacht und Nebel

Frankreich, 1956; Alain Resnais (Regie); DVD, 31 Minuten; absolut Medien; 9,90 Euro.

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