Packendes Spielfilmdebüt "Nackte Tiere" Die Rohen und die Zärtlichen

Die Berlinale-Überraschung "Nackte Tiere" kommt ins Kino: Das Spielfilmdebüt der jungen deutschen Regisseurin Melanie Waelde erzählt mit schroffer, intensiver Körperlichkeit vom Erwachsenwerden.
Von Esther Buss
Szene aus "Nackte Tiere" mit Marie Tragousti und Sammy Scheuritzel: Letzter Winter vor dem Abitur

Szene aus "Nackte Tiere" mit Marie Tragousti und Sammy Scheuritzel: Letzter Winter vor dem Abitur

Foto:

déjà-vu Film

Katja haut Sascha ins Gesicht. Sascha knallt Katja so fest gegen den Schulspind, dass ihre Stirn aufplatzt. Benni schüttet Katja Wasser in den Kragen. Katja stößt Benni vom Fensterbrett ins Freie, woraufhin er mit blutender Nase wieder reinklettert. Laila hat eine geschwollene Unterlippe. Katja würgt Sascha, bis er das Bewusstsein verliert. "Aber nicht schlagen oder so", sagt Schöller, bevor Katja ihn auf die Wange küsst.

Bei so heftigen Kollisionen zwischen jungen Erwachsenen, bei so vielen blauen und blutigen Flecken und ineinander verkeilten Körpern, findet man sich im Kino üblicherweise in einem Sozialdrama wieder. Es geht dann um jugendliche Gewalt und schwierige häusliche Milieus, um Verwahrlosung und Verrohung. So deutet es auch die Ärztin, die Katja im Krankenhaus wieder zusammennäht. "Nein zur Gewalt" steht auf der Broschüre, die sie ihr mit betroffenem Blick zusteckt.

Fotostrecke

"Nackte Tiere" von Melanie Waelde

Foto:

déjà-vu Film

Nicht, dass das Spielfilmdebüt der 28-jährigen DFFB-Absolventin und Autorin Melanie Waelde völlig frei wäre von den für den Themenfilm typischen Problemen. Katja (Marie Tragousti), Sascha (Sammy Scheuritzel), Benni (Michelangelo Fortuzzi), Laila (Luna Schaller) und Schöller (Paul Michael Stiehler) leben im letzten Winter vor dem Abitur weitgehend ohne elterliche Aufsicht. Vor allem Katja und Sascha, die man immer wieder mit Hingabe und Disziplin beim Ju-Jutsu-Training sieht, schonen sich gegenseitig nicht. Doch gleichzeitig scheint die schroffe Körperlichkeit der zusammengeschweißten Teenager eine von außen kaum lesbare Sprache zu sein, die von Abgrenzung und Einsamkeit ebenso spricht wie von Zusammengehörigkeit und Liebe.

Der Raum zwischen Jugend und Erwachsensein wird im Kino üblicherweise als eine Mischung aus Intensitäten, Melancholie und Phlegma erzählt. Dieses auf ein "Erwachen" gerichtete Lebensgefühl weicht in "Nackte Tiere" einer so eruptiven wie empfindsamen Physis, die man so im Kino, zumal im deutschen, nur selten erlebt hat. Waeldes Film, der bei der diesjährigen Berlinale in der Sektion Encounters seine viel beachtete Weltpremiere feierte, bewegt sich auf eigensinnige Weise jenseits konventioneller Dramaturgie und Psychologie.

Nur wenig erfährt man über die fünf jungen Menschen, ihre familiären Verhältnisse scheinen höchstens punktuell auf. Unbestimmt in den fluide wechselnden Konstellationen bleiben auch ihre sexuellen Orientierungen und wer hier mit wem wie zusammen ist. Vieles ist Anspielung und provozierendes Spiel: Willst du auch ein Küsschen haben? Warum lässt du dich nicht mal entjungfern? Bist du eigentlich schwul? Weiß man das? Und du? Die Dialoge sind knapp, hyperdirekt oder auch aneinander vorbei. Nur gequatscht wird nicht.

Im nahezu quadratischen Bildformat des Films - 6:5 - ist wenig Platz für Bewegung. In den engen Kadrierungen des Kameramanns Fion Mutert stoßen die Figuren aneinander, Orientierung schaffende "establishing shots" sucht man im Film vergeblich, bis man zum ersten Mal ein Haus von außen sieht, vergeht einige Zeit. So vermittelt sich das Gefühl für Ort und Geografie entlang der Ränder und Hintergründe: versteppte Felder, Ödnis, ein trister Wohnblock, innen abgeblätterte Tapeten aus einer anderen Zeit, man fährt mit dem Bus über Land. "Nackte Tiere" spielt in der brandenburgischen Provinz.

Eine provisorisch eingerichtete Plattenbauwohnung mit Möbeln vom Sperrmüll und auf dem Boden ausgelegten Schlafsäcken wird für die Jugendlichen zum vorübergehenden Zuhause. Sie betreten und verlassen das Ersatzfamiliennest zu merkwürdigen Zeiten, hängen ab, trinken und kiffen. Manchmal liegen sie eng umschlungen schlafend zusammen, bis morgens der Wecker zur Schule klingelt. Nur einer ist immer da: Benni, ein Junge mit zartem Gesicht und fragiler Psyche. Einmal bricht er auf einem kahlen Acker zusammen, bleibt einfach liegen. Katja wuchtet ihn über die Schulter wie einen Sack Kartoffeln und trägt ihn fort. Die Gruppe kümmert sich um ihn, in Schichten.

Filminfo

"Bohnenstange"
Russland 2019
Regie: Kantemir Balagov
Darstellende: Viktoria Miroshnichenko, Vasilisa Perelygina, Andrey Bykov, Igor Shirokov, Konstantin Balakirev

Verleih: eksystent
Länge: 139 Minuten
Start: 22. Oktober 2020

Katja, als "Unkaputtbare" von Marie Tragousti mit vibrierender Energie verkörpert, ist das energetische Zentrum des Films. Während manch anderer sich im Stillen für das Bleiben entschieden hat, ist ihr Aufbruch schon längst im Gange. Sie will zum Bund, heißt es einmal so nebenbei - und dass sie kein "Mädchen" sei. Sätze wie diese werden in den Raum gestellt und einfach so stehen gelassen.

Bei allen sexuellen Ambivalenzen geht es Waelde nicht darum, die Geschlechterrollen programmatisch aufzulösen - sie tun das ganz von allein. Ohnehin geht es in "Nackte Tiere" um Programmatik eben gerade nicht. Der Film findet seinen unmittelbaren Ausdruck vielmehr in den unverbrauchten Gesichtern seiner Darstellerinnen und Darstellern, ihren Blicken, Gesten und Berührungen. Den rohen wie den zärtlichen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.