Nahost-Komödie "Das Schwein von Gaza" Das Ferkel muss an die Front

Zu schweinisch, um wahr zu sein: Ausgerechnet ein Sperma spendender Eber sorgt in "Das Schwein von Gaza" für Völkerverständigung zwischen Israelis und Palästinensern. Nette Idee. Ein bisschen mehr Frechheit hätte dem Film gut getan, aber Ulrich Tukur als cholerischer Uno-Beamter macht eine Menge wett.
Nahost-Komödie "Das Schwein von Gaza": Das Ferkel muss an die Front

Nahost-Komödie "Das Schwein von Gaza": Das Ferkel muss an die Front

Foto: Alamode Film

Als einen "vom Lachen erstickten Wutschrei" beschreibt Sylvain Estibal seinen Debütfilm. Das klingt anarchisch, wild und lebendig. Wahrhaftige Emotionen haben dem Kino noch nie geschadet. "Der Film drückt den starken Wunsch aus, Dinge zu ändern", fährt der französische Regisseur, der auch als Fotojournalist, Schriftsteller und Drehbuchautor arbeitet, dann fort. Hoppla!

Hat so etwas schon einmal funktioniert? Oder reiht sich die Geschichte von dem armen palästinensischen Fischer Jafaar einfach nur irgendwo ein zwischen Kitsch und Propaganda, zwischen "West Side Story" und Michael Moore?

Nun ja. Es gibt einige sehr schöne, unerwartete Momente in "Das Schwein von Gaza". Nachdem der Moslem Jafaar (Sasson Gabai), der üblicherweise nur winzige Fischlein aus dem Meer zieht und selbst davon viel zu wenige, einmal ein Schwein, jawohl, ein lebendiges Schwein im Netz hat, will er das Tier an die Uno verscherbeln. Doch er hat den deutschen Beamten Schauerland - welch ein Name! - an einem schlechten Tag erwischt. Der Wutausbruch, das Grimassieren und Herumgefuchtel, in das Ulrich Tukur sich steigert und dem am Ende gar die EDV-Geräte des Büros zum Opfer fallen, ist eine Pracht.

Weil diese Szene eigentlich nicht funktionieren dürfte, weil sie ganz ohne Rücksicht auf die starren Regeln der Erzählökonomie dem Geschehen einfach seinen Lauf lässt - gerade deshalb ist sie so komisch in einem Film, der bisweilen ein wenig zu umsichtig zu Werke geht.

Die Utopie des friedlichen Zusammenlebens

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"Das Schwein von Gaza": Samenspenden und Islamisten

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Denn mit einem Plädoyer für die Völkerverständigung, noch dazu angesiedelt in einer derart konfliktträchtigen Region, kann man natürlich gar nichts falsch machen. So überrascht es wenig, dass nach anfänglicher Vorsicht eine freundschaftliche Annäherung stattfindet zwischen Jafaar und der schönen jüdischen Siedlerin Yelena (Myriam Tekaïa). Die beiden verbindet ein schweinisches Geheimnis, denn Yelena und ihre Nachbarn züchten die Tiere, die bei Muslimen wie Juden als unrein gelten.

Sasson Gabai ist ein Israeli mit irakischen Wurzeln. Myriam Tekaïas Familie stammt aus Tunesien, sie selbst wurde in Italien geboren und wuchs in Kanada und Indien auf. Im Kontext des Films sind das sympathische Besetzungsentscheidungen, gerade weil die Biografie der Darsteller in der Handlung vordergründig natürlich keine Rolle spielt. Einerseits. Andererseits kann man es thesenhaft und überdeterminiert finden, dass Estibal sein hehres Anliegen sogar in der Auswahl der Schauspieler erkennen lässt.

Vom Schwein nur den Samen

Die schöne Utopie des friedlichen Zusammenlebens gerät denn auch gerade da beinahe zur Seifenoper, als sie sich über eine Seifenoper realisieren soll: Jafaars Haus dient nebenbei als Wachtposten der israelischen Armee, und eines Tages bemerkt einer der Soldaten, dass Jafaars Frau Fatima dieselbe tägliche Kitschserie im TV mag wie er selbst. Auch wenn die beiden nicht Freunde werden dürfen, auch wenn bald die abstrakte, weit entfernte Politik eingreift und die konkrete, erlebte Menschlichkeit hinwegfegt: Diese weltfremden Telenovela-Plots sollen eine Anleitung sein zur Herzensbildung im echten Leben?

Dabei steht es der Geschichte ausgesprochen gut, wenn sie frech wird. Wenn nicht das Lachen die Wut erstickt, sondern eine kleine Nervosität das unbeschwerte Lachen zunichte macht. Yelena zum Beispiel braucht für ihre Zucht nicht das Schwein, sondern nur dessen Sperma. Und das soll Jafaar ihr herschaffen, ohne jedes Mal das ganze Viech durch den halben Gaza-Streifen zu schleppen. Wie lange das gut geht, kann man sich ausrechnen.

Und als Jafaar irgendwann auffliegt, sind es die eigenen Leute, die ihn in die Bredouille bringen; denn da Jafaar eine so gute Beziehung zu den Siedlern aufgebaut hat, scheint er auch der ideale Kandidat zu sein für eine vaterländische Pflicht der grausamen Art.

Noch einmal Sylvain Estibal: "Niemand wird angegriffen, aber es wird auch niemand verschont", sagt er über seinen Film. Das ist nett. Nett genug, um in diesem Jahr einen César, den französischen Filmpreis, für das beste Debüt zu gewinnen. Aber es ist auch ein wenig schade. Denn am stärksten ist "Das Schwein von Gaza" da, wo es sich traut, sich auch mal richtig im Dreck zu suhlen.

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