Poetische Tundra-Parabel Schwarze Flecken im ewigen Eis

Auch in einem Zelt am Ende der Welt kann das Private politisch werden. In Milko Lazarovs poetischem Film "Nanouk" treten die Protagonisten den drohenden Veränderungen mit einer stillen Kraft entgegen.

Neue Visionen

"Beine sind wie Familie. Sie brauchen einander", sinniert Nanouk (Mikhail Aprosimov), während seine Frau Sedna (Feodosia Ivanova) eine Creme auf seine Waden aufträgt. Eine selbst gemachte Zaubertinktur gegen die beißende Kälte, die sich selbst durch seine dicken Kamiik-Stiefel gefressen hat, als er mit dem Hund unterwegs war.

Der nördlichste Teil Russlands, Jakutien, ist eine Eiswüste, Nanouk und Sedna leben - wie ihre Vorfahren - im und mit dem Schnee. Nanouk bohrt zum Fischen Löcher in den metertief vereisten Boden, sein Schlittenhund zieht ihn mitsamt einiger Eisbrocken für den Trinkwasservorrat meilenweit; Sedna kocht Fischsuppe, schützt die Augen beim Ins-Weiß-Schauen mit den Händen vor der Reflektion, und flickt gemeinsam mit Nanouk die Netze.

Die Rentiere, die Nanouk früher weidete, sind schon lange weg. Genauso wie Nanouks und Sednas erwachsene Tochter Aga, von der Sedna in jüngster Zeit wieder öfter spricht: Aga hat die traditionell lebenden Eltern verlassen, ist in die Stadt gegangen, hinaus aus dem anstrengenden, einsamen Leben, und weg von den sichtbaren Zeichen des Klimawandels, die sich von Anfang an durch Milko Lazarovs poetische Tundra-Parabel ziehen.

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"Nanouk": Lachen, trotz allem

Denn es ändert sich etwas, und auch Nanouk und Sedna werden es bemerken: Kondensstreifen vom stärkeren Flugverkehr durchschneiden den Himmel, der Frühling kommt früher, das Eis wird dünner. Und während Nanouk bei seinen Erkundungen durch gleißendweiße Landschaften immer wieder auf mysteriöse schwarze Flecken stößt - nicht nur Tiere verenden daran, auch Sedna reibt sich einen immer unheilvoller schmerzenden, schwarzen Fleck am Bauch mit einer ihrer Zaubercremes ein -, entdeckt Kaloyan Bozhilovs Kamera Löcher, die wie Wunden in der Natur wirken.

Auch das Loch, das Nanouk anfangs zum Angeln bohrt, und an dessen Wänden man die für die ökologische Erforschung der Permafrostböden so wichtigen Schichten erkennen kann, findet seine Entsprechung am Ende in einer riesenhaften Diamantenmine, in der die Erdschätze abgebaut werden.

Trotz Folklore, trotz dem an den Dokumentarklassiker "Nanuk, der Eskimo" aus dem Jahr 1922 erinnernden Namen, trotz einer fast dokumentarischen Genauigkeit und Klarheit, mit der Lazarov seine Bilder komponiert, ist "Nanouk" alles andere als explorativer Jurtenkitsch. Denn das Drama, das der rumänische Regisseur nach einigen Dokumentationen als zweiten Spielfilm inszeniert hat, behandelt ein universales Thema, und könnte, egal, ob Jurte, Kibbuz oder Skyscraper, überall spielen. Überall da, wo Kinder sich entfremden, wo zwei sich lieben, Eltern altern, und schließlich die große Frage aufgeworfen werden muss: Was tun, wenn einer stirbt? (Und was wird dann aus dem Hund?)


"Nanouk"
Bulgarien, Deutschland, Frankreich 2018
Originaltitel: "Ága"
Buch: Simeon Ventsislavov, Milko Lazarov
Regie: Milko Lazarov
Darsteller: Mikhail Aprosimov, Feodosia Ivanova, Galina Tikhonova, Sergei Egorov, Afanasiy Kylaev
Produktion: Red Carpet, 42film GmbH, Arizona Films, BNT, ZDF, Arte
Verleih: Neue Visionen Filmverleih
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 18. August 2018


Lazarov verlässt sich komplett auf die Kraft seiner vom Kameramann Bozhilov eingefangenen Bilder. Doch er setzt nicht nur auf die visuelle Wucht der Umgebung, sondern auf die Stärke der Gefühle, die Mikhail Aprosimov und Feodosia Ivanova mit minimaler Gestik zu zeigen imstande sind. Und, mit der herausragenden Tonspur, auch auf die Geräusche: Wenn Chena (Sergei Egorov), ein Nachbar in Agas Alter, zu Besuch kommt, und Nanouk beim gemeinsamen Frühstück einen Lachanfall bekommt, weil Chena zugibt, sich in der Stadt "die Zähne hat machen" lassen, dann lässt er Nanouk im Off weiterkichern, lässt ihn noch glucksen, als schon das Windgeräusch von draußen hineinweht. Darüber wird der alte Jakute sich vermutlich noch wochenlang amüsieren. So viel zu Gackern gibt's ja sonst nicht.

Auch die gesamte Szene, in der Sedna ihrem Mann die Beine einreibt, setzt Lazarov ins Off: Nur das Geräusch von Hand auf Haut ist zu hören. Die Kamera hält derweil ruhig auf den dampfenden Kessel, etabliert regungslos die eigenwillige Heimeligkeit des mit Fellen ausgekleideten Zelt-Zuhauses. Statt eines komponierten Soundtracks spielt der Regisseur zudem an emotional wichtigen Stellen die fünfte Mahler-Symphonie ein, die anfangs aus einem Radio in der Jurte kommt; auch ein Stück aus Ryuichi Sakamotos Komposition zu "The Revenant" findet seinen Platz.

Mit dem Meisterwerk "Nanouk", das auf der Longlist für einen Europäischen Filmpreis steht, hat Lazarov gezeigt, dass das Private auch im ewigen Eis politisch werden kann: Die Schicksale von Nanouk, Sedna und Aga sind untrennbar mit dem Schicksal der Welt verbunden.

Und während die Pole schmelzen, näht die kranke Sedna zum zweiten Mal in ihrem Leben eine weiße Fellmütze aus einem Schneehasen, für die leise verzankte Tochter. "Die hat Aga immer so gern getragen", sagt sie, und zeigt auf ein altes Foto. "Ich mache ihr noch mal so eine." Hoffentlich kommt das Friedensangebot nicht zu spät.



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Nachprüfer 20.10.2018
1. Laut IPCC schmelzen die Pole nun doch nicht!
Der Film wurde zu einem Zeitpunkt gedreht, als noch der Alarmismus von seiten des IPCC "galt", dass die Arktis demnächst im Sommer immer eisfrei sein werde, dass die Eisschilde Grönlands und der Antarktis immer schneller abschmelzen und dabei auch den Meeresspiegel drastisch erhöhen werden. Doch damit ist es prognostisch nun vorbei. Im Anfang Oktober publizierten IPCC-report SR15 (Kap. 3) ist nachzulesen, dass die Arktis nur alle 10 bis 100 Jahre im Sommer mal eisfrei werden könnte. Bezüglich der Eisschilde Grönlands und der Antarktis wird sogar ganz offengelassen, ob diese vielleicht weiter abschmelzen oder sogar wieder an Masse zunehmen könnten. Mit einem gänzlichen Abschmelzen könne, wenn überhaupt, nur in tausenden bis zehntausenden Jahren gerechnet werden. Wer's nicht glaubt, der lese es doch bitte im Report selbst nach: Seite 3-8 und Seite 3-140. Interessant ist nur, dass die Presse diese offenkundigen Aufkündigungen zu erwartender extrem wichtiger, weil laufend verkündeter Alarmthemen mit keinem Wort erwähnt hat. Ebenso nicht erwähnt wurde, dass das "Kohlenstoffbudget" gegenüber dem vorhergehenden Bericht AR5 mehr als verdoppelt wurde.
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