Natalie Assoulines "Shahida" "Sie fühlen sich im Gefängnis freier denn je"

Natalie Assouline hat über zwei Jahre Palästinenserinnen begleitet, die nach gescheiterten Selbstmordanschlägen in Israel inhaftiert wurden. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE spricht die Regisseurin über ihren Berlinale-Film "Shahida – Bräute Allahs".


SPIEGEL ONLINE: Frau Assouline, in Ihrem Dokumentarfilm "Shahida" porträtieren Sie palästinensische Frauen, deren Selbstmordattentate scheiterten und die lebenslänglich in Israel einsitzen. Wie entstand die Idee?

Assouline: Mit der zweiten Intifada tauchten vor fünf Jahren plötzlich weibliche Selbstmordattentäter auf. Die israelischen Medien stilisierten die Frauen, mehr noch als männliche Attentäter, zu Monstern. Am Anfang standen bei mir Neugier, Faszination und totales Unverständnis darüber, wie meist verheiratete, junge Frauen Anfang 20 diesen Schritt machen können – sich und andere in den Tod reißen zu wollen. Diese Kluft zwischen Familie einerseits und mörderischer Absicht andererseits.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Erwartungen und Vorurteilen haben Sie Ihre Recherche begonnen?

Assouline: Ich hatte Stereotype im Kopf. In den israelischen Medien werden gescheiterte Attentäterinnen als hässlich, harsch und grausam dargestellt. Im Gefängnis traf ich dagegen auf feminine, sanfte und schöne Frauen – und war völlig schockiert über diese Kluft zwischen ihrem Äußeren und ihrem Inneren.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie dem Zuschauer vermitteln?

Assouline: Von Anfang an war mein Plan, das Publikum meinen Weg im Kontakt mit den Gefangenen mitgehen zu lassen. Sie sollen mit ihren vorgefertigten Ansichten auf die Frauen treffen, und erst nach und nach erkennen, dass die Sache vielschichtig ist. Am Ende der zwei Jahre hatte ich eine Menge zwiespältiger Gefühle, ich bin einigen Frauen sehr nahe gekommen. Bei der Haftentlassung einer Gefangenen habe ich sie an die Grenze begleitet. Ihr Vater hat sie nach dreieinhalb Jahren nicht einmal umarmt, nur schweigend ihre Koffer gepackt. Trotz unserer Nähe hatte sie beim Abschied von mir Distanz im Blick: In Gegenwart ihrer Familie war ich plötzlich wieder die jüdisch-israelische Frau, der ihre Angehörigen voller Hass begegnen. Dank solcher Szenen habe ich viele Antworten auf die Frage bekommen, was die Frauen zu Täterinnen, Rekruteurinnen oder Chauffeurinnen anderer Selbstmordattentäter werden ließ. Ihre Taten aber verstehe ich bis heute nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Selbstverständnis der Frauen: Opfer, Märtyrerinnen, Täterinnen?

Assouline: Sie sehen sich vor allem als Opfer: Opfer der Besatzung palästinensischer Gebiete, Opfer der gesellschaftlichen Zustände in ihren Heimatdörfern, Opfer im Gefängnis. Gleichzeitig, das ist faszinierend, wollen sie kein Mitleid. Es sind starke Frauen, hart, kämpferisch. Selbst hinter Gittern. Mit naiven Seelen: Im Paradies hätten sie, anders als männliche Attentäter, keine 72 Jungfrauen erwartet, sondern sie wären die Herrinnen dieser Jungfrauen geworden.

SPIEGEL ONLINE: Im Film bleibt das israelische Wachpersonal sehr blass, die Atmosphäre im Gefängnis wirkt mitunter ausgelassen. Keine israelisch-palästinensischen Konflikte zwischen Gefängnispersonal und den Täterinnen?

Assouline: Die Gefangenen haben ein ausgeklügeltes System. Die Palästinenserinnen gehören entweder zur Fatah oder zur Hamas. Beide Gruppen wählen eine Sprecherin, die mit den Wärtern über Haftbedingungen verhandelt. Tatsächlich ist das Gefängnis ein fast gastlicher Ort. Zwar sind die Zellen winzig. Aber die Frauen haben sich einen friedlichen Mikrokosmos aufgebaut.

SPIEGEL ONLINE: Sie verzichten in Ihrem Film auf die Aussagen von Angehörigen, Historikern oder Wärtern. Warum diese beschränkte Sichtweise?

Assouline: Erst im Schneideraum habe ich mich dagegen entschieden, auch die israelischen Gefängniswärter zu Wort kommen zu lassen. Der Film dreht sich einzig um die Täterinnen, um ihre Wahrheit, ihre Welt. Er sollte einzig ihre Geschichte erzählen, unkommentiert. Der Zuschauer soll selber entscheiden, ob er Mitleid hat oder denkt: 'Geschieht dir Recht'.

SPIEGEL ONLINE: Im Gefängnisalltag der Frauen gibt es soziales Leben und Koran AGs. Wie steht es um Angebote zur Resozialisierung?

Assouline: Zur Ausstattung gehören eine Sozialarbeiterin und eine Psychologin, doch Reue ist bei den Täterinnen kaum zu entwickeln. Im Gegenteil wird ihre religiöse Überzeugung, richtig gehandelt zu haben, unter ihresgleichen noch stärker. Sie fühlen sich im Gefängnis freier denn je, nicht mehr gesellschaftlich unterdrückt oder mit zu hohen Erwartungen konfrontiert. Manche Frauen haben mir gestanden, absichtlich die Verhaftung provoziert zu haben – nur um ihrem sozialen Umfeld zu entfliehen.

SPIEGEL ONLINE: Aus welchen gesellschaftlichen Schichten kommen die von Ihnen porträtierten Frauen?

Assouline: Sie kommen aus der Unter- und Mittelschicht. In einer Gesellschaft, die hohen Wert auf Anpassung legt und Frauen so gut wie keine Freiräume zugesteht passten die meisten von ihnen nicht in die weibliche Norm. Mit ihren Attentaten verbanden sie die Hoffnung auf größere Akzeptanz. Die bekommen sie nun von ihren weiblichen Mitgefangenen.

Das Interview führte Leonie Wild



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