Superhelden-Drama »Jupiter’s Legacy« Aus großer Comic-Power kann auch großer Serien-Murks folgen

Noch mehr glühende Hitzeblicke und aus dem Handgelenk geschleuderte CGI-Laserblitze: Die Comic-Adaption »Jupiter's Legacy« platzt spät in die Superhelden-Schwemme. Vielleicht zu spät.
Netflix-Werbung für »Jupiter's Legacy«; Generationenkonflikt in der Superhelden-Dynastie

Netflix-Werbung für »Jupiter's Legacy«; Generationenkonflikt in der Superhelden-Dynastie

Foto:

NETFLIX / Netflix © 2020

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Die Kids können es schon lange nicht mehr hören: »Jaja, aus großer Kraft muss auch große Verantwortung folgen«, sagt die kleine Chloe ganz zu Beginn dieser neuen Netflix-Serie genervt zu ihrem schon leicht angegrauten Superhelden-Papi, der seit fast einem Jahrhundert als »The Utopian« die Welt vor Bösewichten beschützt.

Kenner wissen: Diesen Leitsatz gab Marvel-Guru Stan Lee 1962 seinem jungen Spider-Man mit auf seine lange Heldenreise. In »Jupiter's Legacy«, einer Adaption des gleichnamigen Comics von Mark Millar (»Kick-Ass«, »Kingsman«) und Zeichner Frank Quitely wird die Frage aufgeworfen, ob dieses edle Mantra nicht längst eine Bürde ist.

Superhelden-Geschichten haben spätestens seit dem Erfolg der Marvel-Blockbuster im Kino auch im Streaming-Format Konjunktur. Ob »Doom Patrol«, »Umbrella Academy« , »Watchmen« oder »The Boys«: Vor allem die abseits von Marvel und DC veröffentlichten, postmodernen Comic-Vorlagen jüngerer Zeit, in denen die übernatürlich Begabten zumeist gebrochene Antihelden sind, werden gerne in Serien übersetzt.

»Jupiter's Legacy«, die erste von mehreren geplanten Verfilmungen aus der sogenannten Millarworld des britischen Autors, platzt spät in diese Schwemme, vielleicht zu spät. Denn eine gewisse Superhelden-Fatigue hat längst eingesetzt: noch mehr Supermänner und -frauen? Noch mehr glühende Hitzeblicke und aus dem Handgelenk geschleuderte CGI-Laserblitze? Noch mehr Gottkomplexe und dusselige Ganoven?

Szene mit SuperhelBrüdern Sheldon (Josh Duhamel, r.) und Walter Sampson (Ben Daniels): Wie war das gleich noch mit der Verantwortung?

Szene mit SuperhelBrüdern Sheldon (Josh Duhamel, r.) und Walter Sampson (Ben Daniels): Wie war das gleich noch mit der Verantwortung?

Foto: STEVE WILKIE / Netflix © 2020

Leicht wird es also nicht werden für das umfangreiche, mit bunten Kostümen und fantasievollen Namen wie »Tectonic«, »Liberty Girl« oder »Blackstar« ausgestattete Personal dieser Saga, deren erste Staffel mit acht Episoden jetzt startet. Erzählt wird zum einen eine dysfunktionale Familiengeschichte zwischen dem »Utopian« Sheldon Sampson (Josh Duhamel) und den nun erwachsenen Geschwistern Chloe (Elena Kampouris) und Brandon (Andrew Horton).

Während sich die Tochter eine Line Koks nach der anderen durch die Nase zieht, als Glamour-Model Karriere macht und auf das ganze Heldenerbe pfeift, will Sohnemann seinem Superdaddy nacheifern, kann es ihm aber nicht recht machen. Sampson selbst hat sich mit seiner »Union of Justice« viel zu lange um die Weltrettung gekümmert, aber zu wenig um die Kinder, sodass nun mit aller Heftigkeit der Generationenkonflikt eskaliert: Keeping up mit den Überwesen.

Und wie sieht Teenager-Rebellion in diesen elitären Kreisen aus? Man hadert und bricht mit dem Kodex, den der inzwischen Moses-bärtige Utopist seiner Truppe auferlegt hat: »Service, Mitgefühl, Gnade« – und vor allem: Es wird nicht getötet, es wird kein politischer Einfluss genommen, die Verantwortung und so weiter. Die Kids aber sind zynisch, sie sind unzufrieden – und sie sehen gar nicht ein, warum sie sich zügeln und beschränken sollen.

Brandon alias »The Paragon« (Andrew Horton): Will seinem Überdaddy nacheifern – vergeblich

Brandon alias »The Paragon« (Andrew Horton): Will seinem Überdaddy nacheifern – vergeblich

Foto: NETFLIX © 2020

Das sieht auch Sheldons älterer Bruder Walter so, ein Telepath namens »Brainwave« (Ben Daniels), der schon früher, in den späten Zwanzigerjahren, die Geschicke des väterlichen Stahl-Imperiums mit Pragmatismus durch den Börsencrash lenkte. »Wir hätten so viele Menschenleben in Dachau und Auschwitz retten können, die Atombombe hätte nicht fallen müssen, hätten die Superhelden schon im Zweiten Weltkrieg stärker in die Politik eingegriffen«, sagt er.

Die Handlung der Serie springt immer wieder zwischen der Gegenwart und der »Great Depression«-Ära der USA hin oder her, um historische Parallelen zu insinuieren und die aberwitzige Entstehungsgeschichte der »Union« nachzuzeichnen. Walter glaubt, es reiche heute nicht mehr, Bankräuber hinter Gitter zu bringen, die Welt sei nicht mehr so schwarz-weiß wie einst. Sheldon sieht eine totalitäre Helden-Diktatur am Horizont: »Wo endet das«, fragt er seinen machthungrigen Bruder, »und viel wichtiger: Wer soll uns aufhalten?« Das klingt wie ein Echo auf »Who watches the Watchmen?«, noch so eine Sentenz aus der Comic-Historie, die hier aufgegriffen und neu verhandelt wird.

Das alles ist interessant genug und funktioniert auch ziemlich gut in Millars Vorlage, die im Juni mit einer weiteren Heftreihe fortgesetzt wird. Der Serie aber fehlt, zumindest nach vier gesichteten Episoden, die inszenatorische Finesse und visuelle Wucht, um die diversen Plot-, Meta- und Zeitebenen effektvoll miteinander zu verknüpfen. Auch Darsteller und Dialoge lassen viel zu wünschen übrig, vor allem Witz und Charisma. Es ist eher anstrengend als aufregend.

Nicht hilfreich war offensichtlich auch, dass der versierte Showrunner Steven S. DeKnight (»Spartacus«, »Buffy«) noch während der Produktion der ersten Staffel wegen kreativer Differenzen das Handtuch warf. So droht der überfrachteten »Jupiter's Legacy« schon früh ein ähnliches Schicksal wie den nicht minder groß gedachten und spektakulär gescheiterten »American Gods«: Mit großer Comic-Power kann halt auch großer Serien-Murks einhergehen. Aber vielleicht wird’s ja noch besser.

»Jupiter's Legacy«: ab Freitag, 7. Mai 2021 auf Netflix 

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels bezeichneten wir das Comic-Universum von Mark Millar irrtümlich als "Millarverse". Richtig ist "Millarworld". Wir haben den Fehler korrigiert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.