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"Roma" und "A Star is Born": Die Oscar-Favoriten und ihre Macher

Foto: ROBYN BECK/ AFP

Netflix und Live Nation Das Geschäft hinter den Oscars

Wenn am Sonntag die Oscars verliehen werden, geht es auch um die Rolle neuer Unterhaltungsgiganten: Zerstört Netflix mit "Roma" das Kino? Und wie viel kalkulierte Vermarktung steckt hinter "A Star is Born"?

Am Ende der Netflix-Doku "Gaga: Five Foot Two" von 2017 freut sich Lady Gaga unbändig: Bradley Cooper hat sie wegen einer Filmrolle angefragt. Ein Jahr später feiert "A Star is Born" Premiere. Noch vor den Namen von Regisseur und Hauptdarsteller Cooper sowie Hauptdarstellerin Lady Gaga wird der Name eines Unternehmens eingeblendet: Live Nation.

Seit 2015 ist der globale Unterhaltungskonzern, der als Konzertveranstalter gestartet war und dem mittlerweile der Ticketdienst Ticketmaster sowie diverse Festivals in Europa und den USA gehören, auch im Filmgeschäft tätig. Den Einstieg machte Live Nation Productions mit Dokus über Künstler, die in der Musiksparte des Konzerns unter Vertrag stehen, darunter "Justin Timberlake + The Tennessee Kids" - und eben "Gaga: Five Foot Two".

"A Star is Born" ist nun der erste große Spielfilmerfolg von Live Nation Productions. Über 420 Millionen Dollar hat der Film weltweit bislang eingespielt. Bei den Oscars ist er in acht Kategorien nominiert, darunter für den besten Film, den besten Hauptdarsteller und die beste Hauptdarstellerin.

Vom Ticket zur Film-Promo

Ob es am Ende für mehr als einen Preis für den besten Song langt, ist ungewiss. Doch die Verwertungskette, die Live Nation geschaffen hat, ist bereits jetzt beeindruckend - oder auch, je nach Perspektive, beängstigend. Denn nicht nur greifen "Gaga: Five Foot Two" und "A Star is Born" PR-technisch perfekt ineinander. Auch das Glastonbury-Festival, auf dem Cooper und Gaga für den Film "in echt" aufgetreten sind, gehörte zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zu Live Nation.

Wie das "Wall Street Journal" außerdem herausfand, nutzte Live Nation die Datenbank von Ticketmaster, um über die Musikpräferenzen der User potenzielle Fans des Films zu identifizieren. Per Mail wurden sie sodann mit Werbematerial zu "A Star is Born" versorgt. Allein der mit Platinum ausgezeichnete Soundtrack zu "A Star is Born" ist bei einem von Live Nation unabhängigen Label, nämlich Interscope Records, erschienen.

Vielleicht schließt sich diese Vermarktungslücke bei den kommenden Projekten. Als Nächstes ist eine TV-Doku-Serie über die Mütter von Rockmusikern geplant. Basierend auf dem Sachbuch "From Cradle to Stage" von Virginia Hanlon Grohl, der Mutter von Nirvana- und Foo-Fighters-Musiker Dave Grohl, soll die Serie unter anderem Interviews mit den Müttern von Pharrell Williams und Adam Levine ("Maroon 5") beinhalten - alle natürlich Klienten von Live Nation.

20 Millionen für Oscar-PR?

Weil dieses Geschäftsmodell bislang keine Bedrohung für das Kino darstellt, wird Live Nation bei den Oscars kaum ein Thema sein - ganz im Gegensatz zu Netflix. Mit Alfonso Cuaróns "Roma" hat der Streaminganbieter zum ersten Mal einen ernsthaften Oscar-Kandidaten im Rennen. Zehn Mal ist der Schwarzweiß-Film über eine mexikanische Hausangestellte nominiert, mindestens drei Preise - darunter den für die beste Regie, die beste Bildgestaltung und den besten fremdsprachigen Film - dürfte "Roma" erhalten. Vielleicht reicht es sogar für den Hauptpreis: "Best Picture". Als erster nicht englischsprachiger Film in der Geschichte der Academy Awards.

Für den Siegeszug mit Ansage gibt es einen semi-offiziellen Preis: Bis zu 20 Millionen Dollar soll Netflix für seine Oscar-Kampagne ausgegeben haben. Manche Schätzungen gehen wegen der teuren TV-Spots und aufwendigen Live-Events, unter anderem mit Angelina Jolie als Moderatorin, sogar von 25 Millionen aus - so viel ließ Columbia Pictures zuletzt für die PR-Offensive zu "The Social Network" springen.

Eine andere Zahl ist aber noch interessanter, wenn es um Netflix' "Oscar game" geht: Das Budget von "Roma" selbst. Auch hier gibt es nur einen semi-offiziellen Preis. 15 Millionen Dollar soll die Produktion gekostet haben. Das ist für einen Arthouse-Film, dessen Hauptdarstellerin Laie ist und bei dem der Regisseur selbst die Kamera geführt hat, nicht wenig. Zum Vergleich: Pawel Pawlikowskis Liebesdrama "Cold War", ebenfalls in Schwarzweiß gedreht und Cuaróns einzig ernst zunehmende Konkurrenz in den Kategorien beste Kamera und bester fremdsprachiger Film, hat schätzungsweise 4,3 Millionen Euro gekostet.

Spekulation um die Zukunft

Fragt man Filmproduzenten, regen sich jedoch Zweifel, ob "Roma" nicht sogar noch teurer war. Mit rund hundert Drehtagen kommt der Film nämlich auf fast das Dreifache dessen, was an Drehzeiten für einen abendfüllenden Spielfilm üblich ist. Mit 15 Millionen Dollar, so ist von Experten zu hören, ist das nicht zu stemmen.

Aber warum sollte Netflix womöglich falsche Angaben zu den Kosten von "Roma", den es komplett finanziert angekauft hat, machen? Schließlich brüstet sich der Konzern damit, Autorenfilmern wie Cuarón Summen für Produktion oder Vertrieb zu bieten, von denen sie bei regulären Studios und Verleihern nur Bruchteile bekämen - wenn überhaupt.

Letztlich muss man die Ungewissheiten beim Budget von "Roma" wohl als weiteres Indiz dafür werten, dass Netflix jenseits der kompletten Monopolisierung von Inhalten kein nachhaltiges Finanzierungsmodell für seine Filme hat und die Branche deshalb bewusst im Unklaren über seine Zahlen hält. Jeder Oscar für "Roma" wäre somit eine Auszeichnung für ein Modell, dessen Zukunft völlig ungewiss ist. Dagegen wirken die Geschäfte von Live Nation geradezu seriös.

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