Neuer "Hunger Games"-Film Jugend trainiert für Dystopia

Mit "Mockingjay Teil 1" startet der neue "Hunger Games"-Film. Rebellin Katniss Everdeen ist längst nicht mehr allein: Von "Divergent" bis "Maze Runner" lässt das Kino überall Teenager um ihr Leben rennen. Warum eigentlich?
Neuer "Hunger Games"-Film: Jugend trainiert für Dystopia

Neuer "Hunger Games"-Film: Jugend trainiert für Dystopia

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Das Spiel- wird zum Schlachtfeld für Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence), die Lichtgestalt des Lumpenproletariats im Zukunftsstaat Panem. Denn mit "Mockingjay Teil 1" beginnt das auf zwei Filme gedehnte Finale der "Hunger Games"-Trilogie, im dem das telegene "Girl on Fire" aus der futuristischen Zirkusarena in den Krieg zieht.

Wie in den vorherigen Verfilmungen von Suzanne Collins' Romanreihe geht es auch hier um einen ästhetischen Aufstand, wenn die widerständige Katniss mit Intuition sowie geschickter Manipulation dem totalitären Regime um Präsident Snow (Donald Sutherland) seine Herrschaft über die Bilder streitig macht. Doch nun kommen immer mehr Kanonen zu den Kameras, und die von den Massen ebenso bewunderte wie beanspruchte Heldin muss sich in der zwiespältigen Rolle als Gallionsfigur einer Rebellion zurechtfinden.

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Mehr noch als die atemlose Prosa der Buchvorlage zeichneten sich die "Hunger Games"-Adaptionen bislang durch die Überspitzung des Casting-Show-Prinzips, sowie plakativen, aber treffenden Einlassungen zur medialen Verfasstheit der Gesellschaft aus. "Mockingjay Teil 1" muss nun teilweise von der Erfolgsformel abweichen: Der "Hunger Games"-Wettbewerb steht nicht mehr als Erzählgerüst zur Verfügung, da der Film zum ultimativen Duell zwischen Katniss und Präsident Snow im letzten Teil hinführen muss. Dass dieses Duell nicht ohne episches Blutvergießen zu haben sein wird, macht "Mockingjay Teil 1" überdeutlich - und nährt damit Katniss' Zweifel, ob sie wirklich die Anführerin eines blutigen Aufstandes sein will.

Existentialistisches Jump-and-Run-Game

Ihr konfliktreiches Ringen um Selbstbestimmung ist der goldene Maßstab im Wettbewerb der Young Adult Novels, die vom lukrativen Buchmarkt auf die Leinwand drängen. Allein dieses Jahr starteten mit "Divergent" und "The Maze Runner" zwei weitere Kinoreihen, deren jugendliches Personal sich in mehr oder minder originellen Post-Apokalypsen wiederfindet.

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In "Divergent" etwa passt die junge Beatrice "Tris" Prior (Shailene Woodley) nicht in das rigide Kastensystem einer neuen Weltordnung und wird als mehrfach begabte Normabweichlerin - wenig überraschend - zur Bedrohung für den Status Quo. Dass sich auch hier neben Kampf und Krampf eine verbotene Liebesgeschichte entspinnt, macht den im Widerspruch zu seinem Titel sehr generischen Film zum eklatantesten "Hunger Games"-Epigonen.

"The Maze Runner" dagegen kann sich rühmen, dass die Romanvorlage von James Dashner ihre Welt düsterer zeichnet als die der Konkurrenz. In der Verfilmung gelangt der Protagonist Thomas (Dylan O'Brien) ohne Gedächtnis auf eine Lichtung, die von einer Gruppe ebenfalls unter Amnesie leidender Jugendlicher bewohnt wird. Umgeben ist die Teenager-Kommune von einem riesigen Labyrinth. Das will vom begabten Läufer Thomas durchquert werden, und darin warten nicht nur perfide Monstermaschinen auf ihn, sondern auch eine weitere Dystopie samt globalen Katastrophen, Humanexperimenten und Verschwörungen. Davon wird allerdings erst in den allerletzten Minuten des Films erzählt, weshalb "The Maze Runner" bis dahin weniger als finstere Parabel, denn als existentialistisches Jump-and-Run-Game funktioniert.

Dämon Sozialstaat?

Dem kommerziellen Erfolg hat das nicht geschadet, und sowohl "The Maze Runner" als auch "Divergent" werden im Kino fortgesetzt. Wie Katniss dürfen also auch Tris und Thomas weiter für ihr jeweiliges Weltuntergangsszenario trainieren. Und unweigerlich stellt sich die Frage: Woher rührt die aktuelle Beliebtheit der apokalyptisch-romantischen Jugendabenteuer?

Womöglich bieten sie lediglich zeitgemäße Identifikationsfiguren für gar nicht neue Sehnsüchte heranwachsender Zuschauer. Einmal die Smarteste oder der Schnellste, kurz jemand Besonderes sein. Das wäre ein zumindest verständlicher Wunsch, ebenso wie der nach adoleszenter Auflehnung gegen despotische Staatsväter und -mütter.

Das ist die simpelste Lesart, manche sehen die Fabeln über juvenile Selbstoptimierung und -ermächtigung vor Science-Fiction-Kulisse indes weitaus kritischer. In einem Artikel für den "Guardian"  entwickelte der Schriftsteller Ewan Morrison die These, dass populäre Young Adult-Fiktionen wie "Hunger Games ", "Divergent" oder auch "The Giver" den Sozialstaat als unfreies System dämonisieren und dagegen eine neokonservative, radikal-individualistische Agenda verfolgen. Der US-amerikanische Feuilletonist Andrew O'Hehir wiederum machte in einem weniger dogmatischen - dafür unterhaltsamer zu lesenden - Text auf Salon.com  die Geschichten von Katniss und Co. als kapitalistischen Agit-Prop aus.

Alles gut in der Gegenwart

Morrison erinnert an eine vergangene, linke Tradition des dystopischen Romans - vertreten durch Autoren wie H. G. Wells, Philip K. Dick oder Margaret Atwood - und sieht die heutige Jugend unter dem Einfluss einer Literatur, die bewusst oder unbewusst Aufklärung und Erziehung zugunsten eines natürlichen Determinismus diskreditiert.

O'Hehir widerspricht Morrison in entscheidenden Punkten: Für ihn sind "Divergent" und "Hunger Games" weder links noch rechts im parteipolitischen Sinn, sondern Propaganda für das Ethos des Individualismus und damit für die zentrale Ideologie des Konsumkapitalismus. Daher dienten die Geschichten auch nicht einer allegorischen Kritik an bestehenden Verhältnissen. Vielmehr würden ihre vagen Schreckensszenarien dem Publikum vergewissern, dass sie in der kapitalistischen Gesellschaftsform alle Freiheiten genießen. Die Revolution darf also ausfallen.

Beide Artikel liefern lohnende Ansätze für eine Analyse des Phänomens, können aber bei aller Reflexion einen bisweilen paternalistischen Unterton nicht vermeiden. Vielleicht spricht daraus ein leises, kulturkritisches Unbehagen angesichts der immensen Popularität dieser Erzählungen mit ihren Auflagen in zweifacher Millionenhöhe und Rekordumsätzen an der Kinokasse.

Gemeinsames Streben nach Glück

Was fehlt, ist ein Zutrauen in die interpretatorische Leistung des jugendlichen Publikums. Und das Zugeständnis, dass weder Text oder Bild dieser Popkultur-Produktionen so manifest sind, dass sich Bedeutungen für ihr Publikum nicht ändern könnten.

Zudem ist es natürlich legitim, dass Morrison wie auch O'Hehir auf die heutige innenpolitische Situation in den USA rekurrieren. Aber gerade mit Blick auf "The Hunger Games" scheint es problematisch, in aktuell polemisch zugespitzten Oppositionen wie "Big Government" versus "Tea Party" zu denken. Denn mit Katniss Everdeen hat die Geschichte eine Protagonistin, die eben kein Wunderkind, sondern Geschöpf der sozialen, ökonomischen und moralischen Dauerkrise ihrer Welt ist.

Je mehr sich Katniss von den vermeintlich naturgegebenen Verhältnissen emanzipiert, desto bedrohlicher wird sie ja für die Herrschenden. Zugleich sublimiert sie ihren starken Individualismus und versöhnt ihn so mit dem Prinzip solidarischen Handelns. Damit steht sie in einer amerikanischen Denktradition, die Selbstbestimmung und Gemeinwohl als untrennbar begreift, und für die das Streben nach Glück kein Alleingang ist.

Daraus lässt sich vielleicht keine Revolution machen. Aber eine spannende Erzählung, die ihr Publikum nicht für dumm verkauft, auf jeden Fall.