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17. November 2014, 16:33 Uhr

Geschlechtersatire "Höhere Gewalt"

Ein Film, der die Scheidungsrate in die Höhe treibt

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Wenn Sie sich von Ihrem Partner trennen wollen, dann gehen Sie am besten in die schwedische Satire "Höhere Gewalt": Einen böseren Film über die Widersprüchlichkeiten moderner Geschlechter- und Familienbilder gibt es 2014 nicht.

Schreien könnte helfen, schlägt Mats seinem Kumpel Tomas vor. Ihm habe das mehr gebracht als zwei Jahre Therapie. Da sie gemeinsam auf einer einsamen, schneebedeckten Bergspitze stehen, nimmt Tomas den Vorschlag zögerlich an. Der erste Schrei gerät noch verhalten, der zweite schon lauter und drängender. Es nützt nichts: Tomas ist in diesem Skiurlaub die größte Blamage seines Lebens widerfahren. Als eine Lawine das Restaurant, in dem er mit seiner Frau und den zwei Kindern zu Mittag aß, zu erfassen drohte, warf er sich nicht schützend vor seine Familie: Er schnappte sich iPhone und Handschuhe und rannte weg.

Seitdem schauen ihn Frau und Kinder mit einer Mischung aus Bestürzung und Verachtung an. Um das wiedergutzumachen, braucht es wirklich mehr als Schreie.

Einen Film, der die Scheidungsrate in die Höhe treibt, habe er machen wollen, sagt der schwedische Autor und Regisseur Ruben Östlund über "Höhere Gewalt". Diesen Anspruch dürfte Östlund erfüllt haben: Einen intelligenteren Film über die Widersprüche zeitgenössischer Geschlechter- und Familienbilder hat es in diesem Jahr noch nicht gegeben. Und einen böseren auch nicht.

Oberflächlich perfekt wie die makellos dichte Schneedecke in den französischen Alpen sind auch Tomas (Johannes Kuhnke) und seine Familie anzuschauen. Tomas' Muskeln lassen erkennen, dass er trotz seines anspruchsvollen und zeitintensiven Jobs noch Zeit für Sport findet. Seiner Frau Ebba (Lisa Loven Kongsli) sieht man weder das Dasein als Mutter noch ihre fast 40 Jahre an. Und die Kinder sind so wohlgeraten, dass auch der Fotograf auf der Skipiste ins Schwärmen kommt, was für ein tolles Motiv die vier zusammen hergeben.

Doch wenn in der majestätischen Alpenlandschaft - brillant fotografiert von Fredrik Wenzel - immer wieder die wuchtigen Schüsse der Kanonen erklingen, die kontrollierte Lawinen auslösen sollen, dann macht Ruben Östlund klar: Ohne massive Eingriffe ist das Bild von der perfekten Idylle - sei sie menschlich oder natürlich - nicht aufrechtzuerhalten.

Höhere Gewalt - oder einfache Arroganz?

Zunächst versucht Ebba, ihr Unverständnis über Tomas' Verhalten zu verbergen. Beim Abendessen im Luxushotel mit ebenso attraktiven Urlaubsbekanntschaften erzählt sie noch zögerlich von den schockierenden Momenten im Angesicht der Lawine. Erst einen Tag später, als der struppige Mats (Kristofer Hivju) und seine junge Freundin Fanny (Fanni Metelius) zu Besuch kommen, brechen sich bei Ebba die Emotionen Bahn, und Tomas muss sich der schmerzhaften Frage stellen: War das, was ihn auf der Restaurantterrasse trieb, reiner Überlebensinstinkt? Kann er also die Einwirkung der titelgebenden höheren Gewalt geltend machen? Oder war die Flucht doch Ausdruck seiner arroganten, ichbezogenen Persönlichkeit?

Mit dem Unerwarteten konfrontiert sein - das ist auch das Erzählprinzip von Ruben Östlund. Der Vorfall auf der Restaurantterrasse und seine Folgen sind zwar von innerer Logik getragen, doch Östlund kostet es aus, Irritation einzustreuen: Er schneidet Szenen abrupt gegeneinander, nimmt plötzliche Perspektivwechsel vor und lässt seine Figuren überraschend handeln. So bringt er nicht nur eine eigentümliche Spannung in den verhältnismäßig simplen Plot: Gerade mit seiner perfekten Kontrolle über die Geschichte sorgt Östlund für ein stetes Gefühl von Verunsicherung.

Genauso gelingt es ihm, üppige Panoramen zu zeigen, aber in jedem ein Element der Lächerlichkeit und Unangemessenheit zu platzieren - und meist ist dieses Element der Mensch. Wahrlich, Östlund meint es nicht gut mit den Menschen. Damit ist er von allen zeitgenössischen Regisseuren wohl Lars von Trier am nächsten. Anders als der dänische Großmeister sieht Östlund aber das größere tragische Potenzial nicht bei Frauen, sondern bei Männern. Wie er Tomas gegen die Widersprüchlichkeiten des sanften Patriarchen anrennen lässt, der für Frau und Kinder da ist, aber auch seine eigenen Bedürfnisse nicht vernachlässigt, ist schlicht gnadenlos.

Am Ende gönnt er ihm eine Möglichkeit, seinen Schmerz und seine Frustration zu kanalisieren. Doch diese Lösung ist für Figuren wie Zuschauer emotional so erschütternd, dass sich die Szenen unauslöschlich ins Gedächtnis brennen. Hätte Schreien doch nur geholfen.

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