Neuer Batman-Film Fledermann mit Bleiflügeln

Dunkel, düster, "The Dark Knight" - Christopher Nolans neuer Batman-Film ist eine tiefschwarze Hommage. Das Spektakel ist fantastisch fotografiert, brillant gespielt und hat leider ein Problem: Der Fledermann hat bei allem optischen Bombast viel zu viel moralischen Ballast.

Kein anderer Film hat einen so riesigen, verheißungsvollen Schatten auf dieses Kinojahr geworfen. Begleitet von wöchentlichen Rekordmeldungen der US-Kinokassen verdunkelt "The Dark Knight" nun bald auch die Leinwände der deutschen Multiplexe - und lehrt die Konkurrenz das Fürchten. Andere potentielle Blockbuster kommen nur mit gebührendem Abstand in die Kinos. Zu heftig die Sorge, in der Aufregung um das zerebrale Spektakel schlicht übersehen zu werden. Und tatsächlich löst der zum gesamtkulturellen Phänomen hochgejazzte Nachfolger von "Batman Begins" (2005) viele Versprechen ein.

Die zweite Interpretation des DC-Comicklassikers von Regisseur und Co-Autor Christopher Nolan kommt mit einer selten gesehenen Wucht und viel Willen zur raumgreifenden Dramatik daher. Dieser Anspruch auf Größe in sämtlichen Belangen beeindruckt über weite Strecken, raubt in manchen Momenten sogar den Atem - doch er kann auch ermüden.

Betont ernste Miene zum noch tragischeren Spiel

Aufwändiger, düsterer und komplexer als je zuvor im Kino ist Batmans neue Sinnsuche im grandios gestalteten Gotham City geraten. Aber auch in Teilen überfrachtet, bisweilen fast prätentiös. Und im Ganzen sehr, sehr lang.

Dabei sind nicht alle 152 bildgewaltigen Minuten überzeugend gefüllt, auch wenn der Film in jeder stilisierten Sequenz deren besondere Bedeutung behauptet. Wie man mit formaler Eleganz und kühnem Erzählgestus eher simple Wahr- und Weisheiten veredelt, das weiß Nolan schließlich seit seinem retrograden Amnesiethriller "Memento" (2000).

Er versteht es, ein charismatisches Schauspielerensemble in Szene zu setzen. Die nominellen Helden müssen meist betont ernste Miene zum noch tragischeren Spiel machen.

Christian Bale lässt seine Figur Batman grimmig über eine verkommene Welt wachen und gönnt auch dessen Alter Ego Bruce Wayne nur die nötigsten Milliardärspäßchen. An seiner Seite trägt Gary Oldman in der Rolle des Polizisten Gordon einen Integrität signalisierenden Schnauzbart und viel zu viel Verantwortung. Allenfalls Aaron Eckhart darf anfangs als unbestechlicher Staatsanwalt und Sonnyboy Harvey Dent ein wenig Optimismus verbreiten - aber das vorgezeichnete Schicksal dieses Hoffnungsträgers dürfte wohl jedem nur halbwegs mit Comics sozialisiertem Menschen bekannt sein.

Freies Radikal in einer explosiven Versuchsanordnung

Ungleich befreiter kann da natürlich der Joker auftrumpfen: Zum furiosen Auftakt zerlegt Batmans prominenteste Nemesis gleich eine Bank und en passant auch noch seine ahnungslose Bande von Aushilfsclowns. Als freies Radikal in einer ohnehin explosiven Versuchsanordnung schwadroniert und massakriert sich der gespielte Witz eines Superschurken fortan durch die gebeutelte Metropole Gotham.

In fast jeder Publikation des Planeten posthum zum schillernden Anti-Star des Films erkoren, bestätigt der im Januar verstorbene Heath Ledger tatsächlich alle Erwartungen: Sein Joker ist unerhört bedrohlich und bedrückend, ein verführerischer Sonderling und anarchistischer Advokat des Chaos. Trotz ihrer nihilistisch-beschwingten Punkattitüde erlangt die Figur dank Ledger eine Transzendenz, die sie dem konventionellen Kriminalplot entrückt.

Der Joker, sowieso alleiniger Herr seiner multiplen Persönlichkeiten und Biografien, macht seinen eigenen Film.

Batman, Dent und Joker - Ich, Über-Ich und Es

Viel ist schon jetzt über die ideellen und handfesten Konfrontationen zwischen Batman und Joker in "The Dark Knight" geschrieben worden. Vom Dualismus der beiden Antagonisten lässt sich ebenso flott reden wie von ihrer fatalen Symbiose. Zeitgenössische Angst vor entgrenzten Terrorszenarien findet in Analysen gleichberechtigt Platz neben dem kleinen Freud für den Hausgebrauch - mit Batman, Dent und Joker als Vertretern von Ich, Über-Ich und Es.

Ohne Frage, dies sind alles legitime und womöglich auch gewollte Schlussfolgerungen.

Christopher Nolan, sein Bruder Jonathan und Davis S. Goyer haben allerdings reichlich Anleihen aus maßgeblichen Comics des Batman-Kanons genommen, zum Beispiel Frank Millers epochales "The Dark Knight Returns" (1986) und Alan Moores "The Killing Joke" (1988). Was sie als Geschichte präsentieren, ist nicht sensationell neu oder gar revolutionär. So ist die existentialistische Haltung des zweifelnden Helden und seiner Gegner längst Teil des modernisierten Batman-Universums.

Das alles wäre überhaupt kein Problem - wenn der episch ausgebreitete Gewissens- und Gesellschaftskonflikt bei Nolan etwas weniger hüftsteif und deklamatorisch daherkäme.

Insbesondere auf den letzten Metern verliert sich der Film in einer moralischen Debatte, deren Ergebnis in Sachen Schuld und Sühne nicht überrascht. Das ist umso bedauerlicher, als vorher noch eine der kraftvollsten Actionszenen der vergangenen Jahre zu bestaunen ist, die irrwitzig viel aus einem rasenden Lastzug macht und ganz ohne Musikuntermalung auskommt.

Es ist einer der besten Comicmomente in einem Film, der unbedingt erwachsen sein will und deshalb in mancher Hinsicht erstaunlich kindisch wirkt. Und der auch nichts mit Frauen anzufangen weiß - wie der ungelenke Umgang mit Rachel Dawes beweist, dem love interest von Batman und Dent.

Die wie immer großartige Maggie Gyllenhaal meistert eine eigentlich nicht vorhandene Figur, die letztlich nur Chiffre für die unerfüllten Sehnsüchte der getriebenen Männer in Masken ist. Das eröffnet eine psychologische Lesart, die keinem der Beteiligten passen dürfte.

Vergeblich wünscht man sich von Nolans dunklem Ritter daher die comiceigene Leichtigkeit, mit der zum Beispiel in den beiden ersten "X-Men"- und "Spider-Man"-Verfilmungen große Gefühle, Fragen und Taten verhandelt wurden.

Doch das wird weder Batman noch uns vergönnt. Phantastisch fotografiert, brillant gespielt, aber bleischwer erzählt, ist "The Dark Knight" im Guten wie im Schlechten am Boden unserer Realität - mitsamt optischem Bombast und moralischem Ballast.