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Malick-Film "The Tree Of Life": Der große Naive des Autorenkinos

Foto: Ian Gavan/ Getty Images

Neuer Terrence-Malick-Film Großartiger Größenwahn

Wo komme ich her? Wer bin ich? Was geschieht nach dem Tod? Der neue Film des Regie-Eigenbrötlers Terrence Malick beschäftigt sich mit den großen Fragen der Menschheit - und ist mit großen Stars besetzt. "The Tree Of Life" ist wundersames, mitreißendes und bildgewaltiges Kino.

Wenn einer Pressevorführung in Cannes vehemente Buhrufe folgen, ist das erstmal ein gutes Zeichen: Immerhin gibt es eine Kontroverse. Nichts ist schlimmer als ein Film, der den Kritikern nur ein Schulterzucken abringt. Affirmation oder Gleichgültigkeit wären nichts weniger als eine Beleidigung gewesen für Terrence Malick, den großen Naiven des US-Autorenkinos, der nach sechs Jahren Arbeit nun endlich seinen meisterlich gelungenen fünften Film "The Tree Of Life" der Öffentlichkeit präsentierte. Am Montagvormittag, nach dem Presse-Screening im großen Festivalpalais, hielten sich Applaus und Buhrufe die Waage.

Warum so viel Ablehnung? Malicks etwas über zwei Stunden langer Film beschäftigt sich mit nichts Geringerem als einigen der ältesten Fragen der Menschheit: Wo komme ich her? Wie wurde ich zu dem, was ich bin? Und wohin gehe ich, wenn ich sterbe? So viel Größenwahn, noch dazu gepaart mit urgewaltigen Filmsequenzen von der Entstehung des Universums, der Erde und der ersten Arten im Wasser und zu Lande (inklusive Dinsosaurier!), einer poetischen Komposition aus klassischer Musik und farbprallen Bildern, wie man sie zuletzt in Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" gesehen hat - all das kann die auf realistische Sozialdramen geeichten Festivalbesucher am frühen Morgen schon mal verstören. Wer angesichts der prominenten Besetzung mit Brad Pitt und Sean Penn auf ein gemütlich-erbauliches Familien-Epos gehofft hatte, hatte die Rechnung ohne den Eigenbrötler Malick gemacht.

Man muss sich einlassen können auf diese erneute Suche des 67-jährigen Regisseurs nach dem Koordinatensystem der menschlichen Seele, die er bereits 1973 mit "Badlands" begann und mit "Days Of Heaven" (deutscher Titel "In der Glut des Südens"), "The Thin Red Line" ("Der schmale Grat") und "The New World" fortführte. Sechs Jahre dauerte die Arbeit an "The Tree Of Life", ein Studiowechsel und zahlreiche andere Komplikationen sorgten dafür, dass Malicks seit Jahrzehnten geplanter Ur-Stoff zu einem der mit größter Spannung erwarteten Festivalfilme wurde. Bereits im vergangenen Jahr sollte er in Cannes laufen, dann in Venedig und Berlin, nun ist er letztlich doch an die Croisette gekommen, mitten hinein in einen Wettbewerb, der sich bisher vielfach um Kinderdramen drehte.

So ist vielleicht der einzige Verknüpfungspunkt zwischen "The Tree Of Life" und den anderen Filmen des Festivals, dass darin zunächst ebenfalls die Geschichte eines Heranwachsenden erzählt wird. Der junge Jack wird in eine so klassische Fünfziger-Jahre-Familie hineingeboren, dass es sich der konservative Kitsch-Maler Norman Rockwell nicht besser hätte ausmalen können: Die langen Reihen der Häuser in einer texanischen Kleinstadt, der strenge, ständig ermahnende Vater (grandios: Brad Pitt) mit Bürstenschnitt und Strickjacke, die engelsgleiche Mutter (ätherisch: Jessica Chastain) im feinen Blumenkleid, die kurvigen Autos auf der breiten Straße, die Schaukel im Vorgarten.

Malick filmt die Kindheit konsequent aus der Perspektive des Kindes: Wir erleben die Wärme und eminente Wichtigkeit der Mutter in den ersten Lebensjahren, die Verstörung, als die neu geborenen Geschwister Ansprüche auf den Thron des Erstgeborenen erheben, schließlich die Dominanz des Vaters. Neben den kosmischen Exkursionen finden sich hier die stärksten Momente des Films: Wie Jack (beeindruckend und mit glühendem Blick gespielt von Hunter McCracken) zuerst ein Abbild seines Vaters werden will und das repressive Verhalten des Patriarchen an seinen Brüdern ausprobiert. Als er selbst zum Mann zu werden beginnt und erste erotische Phantasien über die Nachbarsfrau in ihm reifen, gerät er in Konflikte, beginnt, das Vorbild zu hassen - und muss schließlich aus der Schnittmenge zwischen mütterlicher Weichheit und väterlicher Härte seine eigene Person schöpfen.

Vielleicht größenwahnsinnig, aber nicht vermessen

Immer wieder schwenkt die von Emmanuel Lubezki ("The New World") virtous geführte Kamera in die riesigen alten Bäume im Vorgarten, spürt vom massiven Stamm hinauf in die jüngsten Verästelungen, darüber zwielichtig der Himmel, wo Gott über allem wacht, oder eben auch nicht. Wir alle, so deutet der Film an, sind Ausläufer der uralten Geschichte der Erde, dem Walten der Naturkräfte, dem Friss-oder-stirb-Darwinismus, den Jacks Vater seinem ältesten Sohn mit manipulativer Macht eintrichtert. Im Gegensatz dazu steht die göttliche Gnade und Güte, verkörpert von Jacks Mutter, die in einer Szene tatsächlich anmutig und feengleich unter einem Baum schwebt.

Es sind die großen Mysterien, die Malick hier zum ersten Mal ohne das Hilfsmittel eines historischen Hintergrunds angreift: Wie kann Gott in einer brutalen, den Naturkräften ausgelieferten Welt existieren? Zu Beginn des Films wird dieses Thema mit einem Zitat aus dem Buch Hiob vorgegeben. Und als einer von Jacks Brüdern unter nicht näher genannten Umständen bereits mit 19 Jahren stirbt, springt der Film in die Gegenwart, zu einem erwachsenen Jack (Sean Penn in seltener Zurückhaltung), der zwar etwas aus seinem Leben gemacht hat, wie es der Vater ihm eingepflanzt hat, aber dennoch den Verlust des Bruders, vielleicht auch die Härte seiner Erziehung, nie verkraftet hat.

Mit einem gewagten, fast surrealem Schritt führt Malick alle seine Personen aus allen Zeitebenen schließlich an den elysischen Wassern einer jenseitigen Landschaft wieder tröstlich zusammen - alle aus einem, alle miteinander, alles ein großes Weitergeben und Prägen, ein endloses Entwickeln und Werden, aus dem jeder das für sich Beste machen muss. Denn Malick mag größenwahnsinnig sein, in seinem Anspruch, eine Erklärung für das Geworfensein des Menschen zu finden, aber so vermessen, tatsächlich eine Antwort zu geben, ist er nicht. Die muss jeder, der diesen wundersamen, mitreißenden und bildgewaltigen Film gesehen hat, selbst für sich finden.

Oder aber man entscheidet sich dafür, sich gar nicht erst einzulassen auf so viel Naivität in diesem Festival der zynischen Blicke auf die Welt und ihre Läufe. Dann findet man die aus dem Off gesäuselten Sinnfragen vielleicht prätentiös, die Inszenierung des Urknalls eitel, das Ganze ein schön gefilmtes, aber letztlich vergebliches, verrätseltes Unterfangen eines verschrobenen Filmemachers, der sich längst in seinen existenziellen Fragen verloren hat. Dann bleibt einem immer noch das laute Buhrufen. Es muss halt Gut und Böse geben im Leben.

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