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Neuer Wes-Anderson-Film Diese Pelze gehen unter die Haut

Tierisches Vergnügen mit Tiefgang: Wes Anderson hat mit "Der fantastische Mr. Fox" erstmals einen Animationsfilm gedreht. Seinem großen Thema aber bleibt der Regisseur auch mit diesem herrlich ironischen Meisterwerk treu - den komplizierten Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen.

Es ist nur konsequent, dass Kinoästhet Wes Anderson mit "Der fantastische Mr. Fox" einen Stop-Motion-Animationsfilm präsentiert. Schließlich bringt die Möglichkeit, eine Miniaturwelt komplett neu zu erschaffen und liebevoll auszustatten, den Gestaltungswillen des Regisseurs zur vollen Entfaltung. Und eine charmante Hüftsteife war ja bereits Andersons menschlichen Leinwandhelden gemein, weshalb das staksige Puppenspiel hier völlig natürlich wirkt.

Die literarische Vorlage "Fantastic Mr. Fox" von Roald Dahl haben Anderson und Co-Autor Noah Baumbach ("Greenberg") zum animalischen Ensemblestück gewendet, das sich nahtlos ins bisherige Werk des Filmemachers fügt. Denn auch im Grünen geht es Anderson um Fallstricke des Familienlebens, Segnungen und Zwänge unserer Zivilisation und das wechselhafte Glück der Träumer.

Ein solcher, von rastloser Ambition angetriebener Luftikus ist Mr. Fox. Obwohl der Zeitungskolumnist mit Gattin Felicity und Sohn Ash eigentlich ein heimeliges Zuhause im Fuchsbau hat, strebt er nach Höherem. Etwa nach einer schicken Baumwohnung, die jedoch in gefährlicher Nähe dreier Großfarmen liegt.

Im neuen Eigenheim erwacht denn auch schnell der lange unterdrückte Jagdinstinkt in Mr. Fox. Zusammen mit Hausmeister Kylie, einem ängstlichen Opossum, geht er auf nächtliche Beutezüge durch die Höfe und zieht sich den Zorn der drei Bauern Bean, Boggis und Bunce zu.

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"Der fanastische Mr. Fox": Ausgefuchste Familienanalyse

Foto: 20th Century Fox

Des Räubers Freude an Hühnern, Gänsen und Apfelwein dauert nicht lang, denn die beklauten Agrarfürsten erklären den Tieren im Wald den Krieg. Nicht genug damit, ignoriert Mr. Fox vor lauter Abenteuerlust die emotionalen Nöte seiner Nächsten. Gerade der sensible Ash sehnt sich nach der Anerkennung seines Vaters, leidet er doch angesichts seines vielfach begabten Cousins Kristofferson an Minderwertigkeitskomplexen. So muss die Schicksalsgemeinschaft auf ihrer Flucht vor den Häschern auch noch eine Menge hausgemachter Konflikte lösen.

Intellekt vs. Instinkt

Es menschelt gehörig in Andersons Tierleben. Dabei wandelt sein fein herausgeputzter Zoo ständig auf dem schmalen Grat zwischen Intellekt und Instinkt. Sicher, der Dachs kann als gewiefter Anwalt auftreten und die Füchsin eine passionierte Landschaftsmalerin sein, aber ursprüngliche Verhaltensmuster lassen sich nie ganz domestizieren.

Dass kultiviertes Äußeres immer auch eine dunkle, triebgesteuerte Natur bändigt, ist ohnehin ein beständiges Thema in Andersons Filmen. Auch in "Rushmore", "The Royal Tenenbaums" oder "The Darjeeling Limited" mussten sich stilsichere Feingeister irgendwann ihren unterdrückten Gefühlen stellen, wollten sie nicht in Einsamkeit erstarren.

Wie dort werden auch hier wieder akribisch ausgewählte Kostüme und Requisiten zu Wesensmerkmalen von Figuren, die trotz skurrilster Eigenarten eine anrührende Selbstverständlichkeit auszeichnet. Ebensowenig verzichtet "Der fantastische Mr. Fox" auf die gewohnt bezaubernde Songauswahl oder die obligatorische Tanzszene (Disco-Fox!).

Was sich allerdings nur in der englischen Originalversion erschließt, ist die großartige Sprechbesetzung: George Clooney und Meryl Streep als Ehepaar Fox sorgen zusammen mit Stammdarstellern wie Jason Schwartzman, Bill Murray und Owen Wilson für den vertrauten Tonfall eines Wes-Anderson-Films. (In der deutschen Fassung schlagen sich Christian Berkel und Andrea Sawatzki redlich.)

Pelztiere zwischen Psychologie und Pop

Doch bei aller augenzwinkernden Wald-und-Wiesen-Psychologie und pelzigen Popkulturbeflissenheit verliert Anderson nie jene Motive aus den Augen, die seine Filme stets vor Eitelkeit bewahrt haben. Dazu zählt auch diesmal das schwierige Verhältnis zwischen kindischen Vaterfiguren und viel zu früh gealterten Kindern. Der windige Patriach Royal Tenenbaum ("The Royal Tenenbaums"), der egozentrische Tiefseetaucher Steve Zizou ("The Life Aquatic") oder eben der flamboyante Mr. Fox: Sie alle stehen für eine überlebensgroße und entfremdete Elterngeneration, gegen die junge Außenseiter wie Ash aufbegehren.

Deshalb geht es in dieser Fabel auch ganz ernsthaft um Versöhnung zwischen Vater und Sohn und die Suche nach einem Ausweg für die Liebe. Dass dabei die Bedürfnisse des Herzens unmittelbarer formuliert werden als in Andersons Realfilmen, entbehrt nicht einer - wohl bewussten - Ironie. Der schlaue Fuchs lernt seine Lebenslektionen eben schneller als der gemeine Zweibeiner.

Darum ist "Der fantastische Mr. Fox" viel mehr als nur eine detailverliebte Eskapade: Indem er uns ein tierisches Vergnügen beschert, findet dieser Film zu überraschenden Einsichten in grundlegende Bedingungen - des Menschseins.

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