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Deutsches Kino auf dem Filmfest: Alles neu, fast alles anders

Foto: Filmfest München

Neues deutsches Kino Bitte schnell ein anderes Leben!

Auf dem Filmfest München präsentiert sich das deutsche Kino in mitreißend radikaler Aufbruchstimmung. Da wird selbst eine spontane geschlechtsangleichende OP zu einer echten Option, um sein Leben zu ändern.

Als Frau sich einfach mal einen Penis machen lassen, Drogen nehmen, bis alles vergessen ist, aufs Land ziehen. Die Sehnsucht nach Flucht und radikaler Veränderung steht bei deutschen Filmschaffenden aktuell hoch im Kurs. Manche der beim Filmfest München gezeigten Filme führen allerdings auch vor, wie vergeblich die Hoffnung ist, etwas in gewachsenen Strukturen zu bewegen.

Hannah Herzsprung und Tobias Moretti in "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm"

Hannah Herzsprung und Tobias Moretti in "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm"

Foto: Filmfest München

Mit einem dafür sinnbildlichen Tiefschlag aus der Mottenkiste deutscher Behäbigkeit hat das große Sommerfestival eröffnet, einem dieser Kompromisse, der auf niemanden ein gutes Licht wirft. Der vom SWR produzierte "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm" handelt vom gescheiterten Vorhaben Bertolt Brechts, seine Dreigroschenoper zu verfilmen. Ein Metafilm mit Lars Eidinger und Tobias Moretti, inszeniert von einem langjährigen SWR-Redakteur und sehr sichtbar ein aufgemotztes Fernsehspiel, das sich Kinogelder erschlichen hat. Vor allem ist es ein Affront gegenüber Menschen, die eigenständig denken. Der Film bombardiert die Zuschauer mit schönen antikapitalistischen Bonmots von Brecht, liefert aber nebenbei die Bestätigung dafür, dass Kapitalismuskritik heute längst Konsumobjekt ist. Wie wenig muss man von Bewegtbildern verstehen, um es im Jahr 2018 ernsthaft als Verfremdungseffekt zu verkaufen, wenn ein Schauspieler gegen die Kamera läuft und scheinbar die Linse bricht? Glassplitter in den Augen der Zuschauer, weil ohnehin alles kalkulierter Effekt ist.

Janaina Liesenfeld in "Yung"

Janaina Liesenfeld in "Yung"

Foto: Filmfest München

Welch Wohltat ist es dagegen, wenn es in Filmen wie "Yung" von Henning Gronkowski und "Alles ist gut" von Eva Trobisch tatsächlich einmal darum geht, was vor der Kamera passiert, wenn die Regisseurin oder der Regisseur ihren Akteuren Luft zum Spielen geben. "Yung" macht das im Modus von Momentaufnahmen und Interviews, es geht um Drogen und Sex, um Party und Selbsterkundung von vier Mädchen, die gerade schon oder gerade noch nicht volljährig sind. Dank Improvisation und mobiler Kamera, die sehr intim mit den Protagonistinnen wird, stehen die Körper im Vordergrund. Wie weit sich die vom Rausch benebelten Augen noch öffnen lassen, was die Haut vom Exzess verrät, welche Verführung gerade gespielt und welche gewollt ist. Gronkowski, der einige Jahre bei Klaus Lemke vor der Kamera stand, interessiert sich nicht für Moral, aber für diesen zarten Moment des Erwachsenwerdens, in dem alles möglich und Transgressionen geboten scheinen.

Aenne Schwarz und Andreas Böhler in "Alles ist gut"

Aenne Schwarz und Andreas Böhler in "Alles ist gut"

Foto: Filmfest München

Auch "Alles ist gut" wird noch viel von sich reden machen. Eva Trobischs Abschlussfilm an der Münchner Filmhochschule setzt einen Vorfall an den Anfang, und zwar eine Vergewaltigung, und entwickelt aus dem versteckten Nachbeben Stoff für ein starkes Drama. Schon zu Beginn der Geschichte steht der Wunsch nach Veränderung im Raum, die Protagonistin will mit ihrem Freund aufs Land ziehen, doch dann kommt kurzfristig ein Jobangebot dazwischen, und plötzlich ist der Vergewaltiger Kollege. Trobisch setzt auf minimalistisches Schauspiel, das Aenne Schwarz, Andreas Döhler und Hans Löw in ständig leicht veränderten Modulationen darbieten. Weil Trobisch ihnen und der Geschichte Eindeutigkeiten verwehrt, entwickelt sich ein Netz aus gegenläufigen Absichten, das Widersprüche einfängt und aushält. Gerade im Kontext hitziger Debatten über sexualisierte Gewalt ist das sehr produktiv.

Von links: Kai Scheve, Hanno Koffler, Lilith Stangenberg, Jördis Triebel und Florian Stetter in "Idioten der Familie"

Von links: Kai Scheve, Hanno Koffler, Lilith Stangenberg, Jördis Triebel und Florian Stetter in "Idioten der Familie"

Foto: Filmfest München

Die Intensität und die Beklemmung, die "Alles ist gut" und "Yung" ausmachen, verbindet sie besonders mit Michael Kliers "Idioten der Familie", einer der schönen Überraschungen des Programms. Klier erzählt von gutbürgerlichen, ziemlich zerstrittenen Geschwistern, die damit ringen, ob sie ihre geistig behinderte Schwester in ein Pflegeheim stecken sollen. Der Regisseur meistert die verschiedenen Stimmungslagen, wechselt wiederholt von schwer auszuhaltender Ruhe zu kurz aufflammender Aufregung im Disput und ermöglicht seinem hervorragenden Ensemble um Lilith Stangenberg und Florian Stetter ein Schauspiel auf der ganzen Klaviatur.

Martina Schöne-Radunki (links) und Stella Hilb in "Kim hat einen Penis"

Martina Schöne-Radunki (links) und Stella Hilb in "Kim hat einen Penis"

Foto: Filmfest München

Den gewagtesten Lebenseinschnitt präsentiert die Komödie "Kim hat einen Penis". Philipp Eichholtz beginnt seinen Film mit der spontanen geschlechtsangleichenden Operation seiner impulsiven Protagonistin - was skurrilerweise erst als Witz funktioniert und dann überwiegend dramatische Folgen hat. Im Mittelpunkt von Eichholtz' filmischer Parallelwelt, in der man sich testweise die Genitalien operieren lassen kann, stehen Menschen Anfang 30, die sich überlegen, wie das mit der Hetero-Paarbeziehung und dem vielleicht doch anstehenden Kinderkriegen so ist. Den einen fällt die Decke auf den Kopf, die anderen sehen das gemütlicher - und Kim hält in der Sache einen Penis für eine gute Idee. Eichholtz setzt auf Reduktion und inszeniert fast jede Regung im Verhältnis zu den Beziehungsdynamiken. Das lässt den Film sehr konzentriert, aber auch etwas eindimensional und unnötig spießig erscheinen.

Eric Klotzsch und Lana Cooper in "Liebesfilm"

Eric Klotzsch und Lana Cooper in "Liebesfilm"

Foto: Filmfest München

Ein träger Mann und eine dynamischere Frau in ihren 30ern, das ist auch die Konstellation, die "Liebesfilm" aufruft, um dann aber in seinen vielen erfinderischen Details dem Spielerischen den Vorrang vorm Programmatischen zu geben. Das Regie- und Autorenduo Robert Bohrer und Emma Rosa Simon hat ein ebenso emphatisches wie lustvolles Verhältnis zu seinen zwei Hauptfiguren, dass es auf den Fortlauf der Handlung weniger ankommt als auf Stimmung und Bewegung. Nach und nach kommen Eric Klotzsch und Lana Cooper als Hauptdarsteller expressiv in Fahrt, und ihre tolle Anspannung überträgt sich auf alles andere - wie sie ernsthaft herumblödeln und mit Spaß herumernsteln, ist ein beglückender Kick. Den Drive von "Liebesfilm" wünscht man sich im deutschen Kino öfter.

Lola Randl in "Von Bienen und Blumen"

Lola Randl in "Von Bienen und Blumen"

Foto: Filmfest München

Lola Randl hat für die auf dem Filmfest so spürbare Sehnsucht nach einem neuen Leben so etwas wie den Metafilm zur Stunde gedreht. "Von Bienen und Blumen" zeigt als humoristische Selbsterforschung eine Gruppe Menschen, die von Berlin nach Brandenburg gezogen sind, um ein ursprünglicheres, freieres Leben zu führen. Die einen wollen es polyamourös, die anderen mit möglichst wenig Technik. Randl selbst ist mittendrin und guckt wie die Feldforscherin aus dem Kinderfernsehen auf sich und ihr Umfeld: mit großen Augen und noch größerem Herz. Doch obwohl sie prinzipiell alle und jeden mag, sichert sie sich gegen naheliegende Kritik ironisch ab. So stellt sie unversehens die Abstrusität ihres Glaubens an den radikalen Neuanfang und ein Leben in großer Freiheit in den Mittelpunkt. Schade eigentlich, offenbart doch das deutsche Kino auf dem Filmfest gerade das Potenzial neuer Wege.