Favorit für den Berlinale-Bären Im Nachtbus zur Selbstermächtigung

Was bleibt von #MeToo und mehr weiblichen Perspektiven im Wettbewerb der Berlinale? Vor allem ein Film: das präzise Teenager-Abtreibungsdrama "Never Rarely Sometimes Always" von Eliza Hittman.
Sidney Flanigan als Autumn in "Never Rarely Sometimes Always": Grimmige Entschlossenheit

Sidney Flanigan als Autumn in "Never Rarely Sometimes Always": Grimmige Entschlossenheit

Foto: -/ dpa

Natürlich können auch männliche Regisseure interessante Filme über Frauen drehen. Sie tun es ja seit Jahrzehnten, manchmal erfolgreich, manchmal auch nicht. Das Gegenteil zu behaupten, wäre dumm. Das aber als Argument zu benutzen, warum man zu seinem Filmfestival immer noch mehr Regisseure als Regisseurinnen einlädt, so wie Venedig-Programmchef Alberto Barbera im vergangenen Jahr, ist ziemlich ignorant.

Die neue Berlinale-Leitung, die zumindest halb weiblich ist, hat allein in den Wettbewerb des 70. Festivaljahrgangs fünf Beiträge von Regisseurinnen eingeladen. Fünf von 18, das ist noch lange keine Gender-Parität, wie es in der von allen großen Filmfestivals unterstützten Petition "50/50 in 2020" angestrebt wurde, aber es ist immerhin etwas.

Natürlich drehen Frauen nicht nur Filme über Frauen. US-Regisseurin Kelly Reichardt zum Beispiel seziert in ihrer Western-Miniatur "First Cow" eine frühkapitalistische, spätfeudalistische Pionier-Kultur im Oregon des 19. Jahrhunderts, in der nur Männer agieren - einer der herausragenden Wettbewerbsfilme in diesem Jahr. Und natürlich stimmt das Klischee, dass, wenn Frauen Filme über Frauen drehen, es automatisch interessant wird, auch nicht - wie man an dem leider langweiligen Body-Horrorfilm "The Intruder" von der argentinischen Filmemacherin Natalia Meta sehen konnte.

Regisseur Christian Petzold hingegen widmet sich in "Undine" erneut mit Hingabe einer komplexen Frauenfigur, neigt aber auch zu ihrer romantischen Verklärung. Auch der südkoreanische Filmemacher Hong Sangsoo gibt in "The Woman Who Ran" vor, sich für das emanzipatorische Innenleben seiner über Lebensentwürfe diskutierenden Frauenfiguren zu interessieren. Männer kommen in seinem beiläufig erzählten Film nur als egozentrische Randfiguren vor, aber letztlich geht es in den Gesprächen der Frauen dann eben doch nur um sie.

Die Loslösung von toxisch-narzisstischen Männerfantasien im Arthouse-Kino ist langwierig

Gar keinen Hehl aus ihrer maskulinen Perspektive machen Arthouse-Urgesteine wie Philippe Garrel ("Le sel des larmes") und Abel Ferrara ("Siberia"), deren Berlinale-Wettbewerbsfilme wie in alten Zeiten rein ums männliche Subjekt kreisen. Frauen dienen bei ihnen nur als Projektionsflächen für Lust und Frust - oder werden gleich zu Objekten von Erniedrigung, Entblößung und Folter degradiert wie in dem experimentellen "Dau"-Fragment des russischen Filmemachers Ilya Khrzhanovskiy und seiner Regie-Partnerin Jekaterina Oertel.

Die Loslösung von solchen toxisch-narzisstischen Männerfantasien im globalen Arthouse-Kino ist ein langwieriger Prozess, der erst allmählich in die Gänge kommt. Umso erfreulicher, dass es einen Film im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale gibt, der eine dezidierte und zwingend weibliche Perspektive einnimmt und ein wohltuendes Gegennarrativ führt: das präzise erzählte Abtreibungsdrama "Never Rarely Sometimes Always" von US-Regisseurin Eliza Hittman.

Zwar hatte der Film seine Weltpremiere bereits im Januar beim Sundance-Filmfestival, dennoch ragt er mit seiner thematischen Dringlichkeit, seiner formalen Intensität und zwei tollen Hauptdarstellerinnen derart aus diesem Berlinale-Programm heraus, dass er als Favorit für die Verleihung des Goldenen Bären und der weiteren Preise des Festivals am Samstag gelten muss.

Das sind die besten Filme der Berlinale

Foto: Homegreen Films/ Berlinale

Ein Mann, der minutenlang einfach nur sitzt, während draußen an sein Fenster der Regen prasselt. Ein anderer Mann, der akribisch Gemüse und Fisch wäscht, dann daraus ein Gericht zubereitet: Kang, dem stets traurig-melancholisch schauenden Protagonisten des taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-Liang sieht man oft zu, als betrachte man eine Naturdoku: Er wird auf seine Physis und seine Kreatürlichkeit zurückgeworfen. Handgeformtes Kino nennt Tsai seine eindrückliche Art zu filmen. So ist es auch in "Rizi” ("Days”, Wettbewerb), der den unter schlimmen Nacken und Schulterverspannungen leidenden Kang in Bangkok mit dem jungen, kochenden Reinlichkeitsfanatiker zusammenführt. Die Wege dieser beiden einsamen Männer kreuzen sich in einem Hotelzimmer zu einer zwar bezahlten, aber dennoch sehr zärtlichen Massage-Session. Der Schmerz des einen löst sich in der hingebungsvollen Dienstleistung des anderen auf - ein wundervoller, existenziell tröstender Kino-Moment, der komplett ohne Dialoge auskommt und doch alles über das Bedürfnis nach menschlicher Nähe erzählt. Andreas Borcholte

Die New Yorker Filmemacherin gehört zu den Stars des neueren amerikanischen Independent-Kinos und drehte zuletzt mit "Beach Rats" einen Film über einen jungen Mann, der mit seiner verdeckt ausgelebten Homosexualität in Konflikt gerät. "Never Rarely Sometimes Always" erzählt nun von der 17-jährigen Autumn (Sidney Flanigan), die in einer kleinstädtischen Arbeiterklassen-Umgebung in Pennsylvania aufwächst. Als sie ungewollt schwanger wird, beschließt sie instinktiv, ihrer Familie nichts davon zu erzählen. Das Verhältnis zu ihrem machohaften Vater scheint ohnehin gestört, der Film legt nahe, dass das Kind von ihm sein könnte, löst aber nie auf, was wirklich geschehen ist.

Der Besuch in einer lokalen Beratungsklinik führt zunächst in eine moralisch repressive Sackgasse: Nicht nur belügt die Ärztin ihre Patientin über die tatsächlich schon fortgeschrittenere Schwangerschaftszeit und suggeriert ihr, sie hätte noch viel Zeit, sich Gedanken zu machen, sie spielt Autumn auch gleich noch ein eindeutig propagandistisches Anti-Abtreibungsvideo vor. Dazu kommt: Für Abtreibungen benötigt man in Pennsylvania die Einwilligung eines Elternteils.

Frauenfeindliche, widerständige Umwelt

Autumn trifft eine zunächst einsame Entscheidung. Sie beschließt, auf eigene Faust ins liberalere New York zu fahren, um die Abtreibung dort vornehmen zu lassen. Begleitet wird sie von ihrer ebenfalls noch minderjährigen Cousine Skylar (Talia Ryder). Fragen stellt das Mädchen nicht, als sie ihre Verwandte kotzend auf der Toilette vorfindet: Es ist klar, was passiert ist, und es ist ebenso klar, was nun geschehen muss.

Gerade der Verzicht auf erklärende Dialoge macht Hittmans Film so eindringlich. Es reicht, eine frauenfeindliche, widerständige Umwelt zu zeigen, um zu verstehen, warum sich Autumn zu drastischen Maßnahmen gezwungen sieht: Bei einer Schulaufführung, wo das introvertierte Goth-Girl eine feministische Ballade singt, wird sie von Gleichaltrigen aus dem Publikum als Schlampe beschimpft, Skylar wird im Bus sofort von einem Typen angemacht.

Regisseurin Hittman, M., mit Darstellerinnen Talia Ryder, Sidney Flanigan auf der Berlinale: Essentieller Wettbewerbsbeitrag

Regisseurin Hittman, M., mit Darstellerinnen Talia Ryder, Sidney Flanigan auf der Berlinale: Essentieller Wettbewerbsbeitrag

Foto: Christoph Soeder/ dpa

Zwei junge Mädchen vom Land, allein ohne Geld und Unterkunft in der Unbehaustheit des riesigen New Yorker Busbahnhofs nahe dem Times Square: ein Albtraum. Ausbeutung und Missbrauch scheinen hinter jeder mit kühlem Neon ausgeleuchteten Ecke zu lauern. Autumn und Skylar bilden eine stumme Übereinkunft, eine tapfere Allianz für das Recht am eigenen Körper. Dass sie sich dafür diesem Stress, der Gefahr, ja sogar der Illegalität aussetzen müssen, ist erschütternd - und ein Skandal, der in der Realität abseits des Kinos  viele junge Frauen betrifft.

Als sie gefragt wird, ob sie gewaltsam zum Sex gezwungen wurde, bricht ihre Fassade zusammen

"Never Rarely Sometimes Always", das ist die Fragestellung einer psychologischen Beratung in der New Yorker Abtreibungsklinik, bei der Autumns Defensivmechanismen schließlich versagen. Als sie gefragt wird, ob sie schon - niemals, selten, manchmal oder immer - gewaltsam zum Sex gezwungen wurde, bricht ihre bis dahin cool und gefasst wirkende Fassade zusammen. Der Riesenkoffer, den die beiden Mädchen mit sich schleppen, wird zum Symbol: Er ist die Bürde aus Scham und unterdrückter Verletzung, die Frauen in dieser Gesellschaft mit sich herumtragen müssen.

Das sind, gerade vor dem Hintergrund der andauernden Debatte um #MeToo-Skandale und Gleichberechtigung, eindringliche Bilder in einem eigentlich kleinen und unauffälligen Film, gedreht von einer haltungsstarken, ästhetisch selbstsicheren Regisseurin.

Man stellt sich vor, dass es diese Art von politischem und künstlerisch inspirierendem Arthouse-Kino ist, die Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian für die Zukunft ihrer Berlinale vorschwebt. Hittmans essentiell wirkenden Film in den Wettbewerb zu nehmen, obwohl er bereits woanders lief, das ist eine mutige Entscheidung für ein A-Festival - und ein Statement, das hoffentlich auch die Jury zu würdigen weiß.

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