Film über Nick Cave Ein Kannibale packt aus

Im Auto mit Kylie Minogue, im Zwiegespräch mit dem Psychiater: Rock-Dämon Nick Cave schenkte sich zur Lebensmitte das Selbstporträt "20.000 Days on Earth" - und entführt die Zuschauer in seine absurde Welt voller Monster und Helden.

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Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung, heißt es. Aber gilt das auch für Nick Cave? Selbst für den Rockstar bimmelt der Vintage-Reisewecker am frühen Morgen, oder zumindest will Cave uns das in der ersten Szene seines zwischen Fiktion und Dokumentation oszillierenden Selbstporträts "20.000 Days on Earth" weismachen. Zerknittert schleppt er sich ins Bad, aus dem Off monologisiert er: "Am Ende des 20. Jahrhunderts hörte ich auf, ein Mensch zu sein". Seine Stimme sonor, abgefuckt, sich selbst und alles andere verachtend: "Das ist nichts Schlimmes, es ist eben so. Ich wache auf, ich schreibe, ich esse, ich schreibe, ich sehe fern. Dies ist mein 20.000. Tag auf Erden."

Vor zwei Jahren, als die inzwischen beim Sundance-Filmfestival preisgekrönten britischen Doku-Filmer Iain Forsyth und Jane Pollard mit dem Dreh begannen, wurde Cave gerade 55 Jahre alt und begann mit den Arbeiten an seinem jüngsten Album "Push the Sky Away". Der Film begleitet den Australier an einem normalen Tag in seiner Wahlheimat Brighton, wobei schnell klar wird, dass Zeiten und Orte im besinnlichen, aber nie behäbigen Narrativ kaum eine Rolle spielen. Ebenso wenig wie die Wahrheit.

Wer kennt schon seine eigene Geschichte, fragt Cave an einer Stelle. "Sie ergibt gewiss keinen Sinn, wenn wir mitten in ihr leben. Aus ihr wird nur eine Geschichte, wenn wir sie erzählen und wieder erzählen. Erst schaffen wir die Handlung unseres Lebens, dann bewahren wir die Geschichte davor, sich in der Dunkelheit aufzulösen."

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"20.000 Days on Earth": Im Bett mit Nick Cave
Wer sich von "20.000 Days on Earth" also ein erhellendes Porträt des Musikers Cave erhofft hatte, das dessen mit Exzessen und Brüchen markierte Biografie faktisch auswertet - von den brachialen Anfängen mit The Birthday Party über die Jahre des Drogenwahns im Berliner Exil bis zur Ankunft des soignierten, immer noch dämonischen Gentleman-Chansonniers -, wird enttäuscht und stößt vielmehr auf eine weitere, grandiose Selbstinszenierung. Ob er vor der Fahrt mit dem schwarzen Jaguar zum nächsten Termin noch schnell ein schwarzes Sakko gegen das nächste tauscht, ob er beim Psychiater über seinen abwesenden Vater nachdenkt oder mit Freund und Kollege Warren Ellis in dessen Strandhaus Aalragout isst - stets behält Cave die Kontrolle über Gesagtes und Gezeigtes.

Pollard und Forsyth, die mit Nick Cave und den Bad Seeds schon an Videos und Kurzfilmen gearbeitet haben und ihr konzeptionelles Werk in der renommierten Tate Gallery ausstellen durften, wählen für ihr Porträt einen ähnlichen Ansatz wie Nicolas Roeg in seinen Musikerfilmen "Performance" (über Mick Jagger) und "The Man who Fell to Earth" (über David Bowie): Cave spinnt am eigenen Mythos weiter, statt journalistisch analysiert zu werden. Was nicht heißt, dass es dabei nicht zu tiefen Einblicken und Selbstentlarvungen kommt.

"Scarface" gucken mit den Zwillingen

"Meistens fühle ich mich wie ein Kannibale", sagt Cave über sein Leben mit Mitte 50, "wie einer aus einem Cartoon mit dicken Lippen, alberner Frisur und einem Knochen durch die Nase, immer auf der Suche nach Opfern, um sie im Topf zu kochen." Seine Frau Susie, sie ist nur einmal kurz zu sehen, könne davon ein Lied singen: "Sie ist meistens diejenige, die gekocht wird", so Cave: Denn zwischen den seit 1999 verheirateten Eheleuten gebe es ein Einverständnis, "einen Pakt, demzufolge jeder geheime und geheiligte Moment, den es zwischen Mann und Frau gibt, kannibalisiert wird, zermahlen und am anderen Ende in Form eines Liedes ausgespuckt, aufgebläht und verzerrt. Und monströs".

Auch seine beiden halbwüchsigen Söhne, die Zwillinge Arthur und Earl, kommen in den Erzähler-Fleischwolf. In einer theatralisch inszenierten Sequenz sitzen sie, wie Daddy in schwarze Anzüge gekleidet, mit dem Pizza mampfenden Cave auf dem Sofa und gucken Brian DePalmas Drogen- und Gewaltorgie "Scarface".

Momente wie diese machen "20.000 Days on Earth" zu einem großen Vergnügen. Warren Ellis erzählt beim Aal Döntjes über einen gemeinsamen, traumatischen Auftritt mit Nina Simone, und während Cave im Jaguar durch das zwielichtige, wolkenverhangene Seebad kurvt, unterhält er sich mit wechselnden Beifahrern, die wie Geister aus der Vergangenheit zu ihm sprechen: Duettpartnerin Kylie Minogue, die gesteht, dass sie zuerst Angst vor Cave hatte, Ex-Bad-Seed Blixa Bargeld, der erklärt, warum er damals die Band verließ.

Mit - fiktionalen - Archivaren kramt Cave in alten Fotografien und erinnert sich an seine Berliner Mansarde, in der man nicht aufrecht stehen konnte - und an den Nachbarn im Dachgeschoss, der seine ganze Wohnung mit Weihnachtsdeko geschmückt hatte. Dazwischen seelenvolle Studio-Performances von neuen Songs, intensive Liveauftritte in London und Sydney.

So formt sich ein Bild von der Welt, aus der Cave seine abgründigen, grüblerischen Lieder wie den mäandernden, alles umarmenden, nichts erklärenden "Higgs Boson Blues" schöpft. "Ich erschaffe eine Welt, eine Welt voller Monster und Helden", erzählt Cave. "Es ist eine absurde, verrückte, brutale Welt, in der Menschen vor Wut rasen und Gott tatsächlich existiert. Je mehr ich schreibe, desto ausgefeilter und detaillierter wird diese Welt, und all die Figuren, die darin leben, sterben oder zerrinnen, sind lediglich krumme Versionen meiner selbst."

Teil dieser Welt möchte man nicht unbedingt sein, aber man lässt sich gerne von diesem "großtuerischen Bastard" (Cave über Cave) davon erzählen.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
darkgaschi 18.10.2014
1.
wir sollten Gott für diesen Bastard sehr dankbar sein!
chuckal 19.10.2014
2. Lebensmitte?
mit 55? interessant.
Gerhard Steller 19.10.2014
3. Hochdeutsch
Ich weiss nicht, was das (rheinisch klingende) Wort "Döntjes" bedeutet - und will es, ehrlich gesagt, auch nicht wissen. Was ich aber wohl weiss, ist dass man von einem überregionalen journalistischen Medium dialektfreies Deutsch erwarten darf.
Plaste-Blogger 19.10.2014
4.
Toller Typ, tolle Inszenierung. Hier noch eine Rezension aus dem Plaste-Blog. http://www.plaste-blog.de/2014/10/16/20-000-days-on-earth/
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