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"Nico, 1988": Ein letztes Jahr unter Dämonen

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Musik-Ikone Nico Und hatte eine Sehnsucht

Als Model und Velvet-Underground-Sängerin war die Deutsche Christa Päffgen alias Nico Weltstar. Was Rampenlicht und Heroin aus ihr machten, erzählt der beeindruckende Spielfilm "Nico, 1988".

"Bin ich hässlich?", fragt Nico, die ehemals blonden Haare liegen schwarz und strähnig um ein augenberingtes Gesicht, beim Fixen im Backstageraum ihren Manager. "Ja" antwortet der. "Gut", sagt Nico. "Als ich hübsch war, war ich auch nicht glücklich."

Glücklich, so erzählt es das Biopic der italienischen Regisseurin Susanna Nicchiarelli, glücklich war diese Frau vielleicht nie. Eventuell gab es eine kurze, leuchtende Phase, als die unter dem Namen Christa Päffgen in Köln geborene Musikerin von Andy Warhol als It-Girl und Sängerin an Velvet Underground vermittelt, und damit zu einer Ikone der "Factory"-Bohème stilisiert wurde. Doch in Nicchiarellis Film flackert diese Zeit gerade mal in ein paar delirierenden Rückblenden auf.

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"Nico, 1988": Ein letztes Jahr unter Dämonen

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Die Regisseurin ist genauso desinteressiert an dem Trip zum Ruhm wie Nico selbst. Denn die befindet sich längst auf einem anderen: Bis kurz vor ihrem Tod war das ehemalige Model heroinabhängig. Nicchiarelli konzentriert sich in ihrem sensiblen Porträt auf diese vom Drogenmissbrauch gezeichneten, letzten Jahre.

Sie zeigt die Musikerin beim Touren durch das politisch unfreie Osteuropa, das Nico und ihrer ebenso desaströs drogenaffinen Band vor allem wegen der Nachschubprobleme zu schaffen macht; beim Versuch, Journalisten abzuwehren, die wieder nur über Velvet Underground und nicht über Nicos eigene Musik sprechen wollen; beim schlaflosen Nachtwandeln in einer WG, in der man während der Tour übernachten muss. Und auf der Bühne.

Familientreffen in der Entzugsklinik

Dort, so inszeniert es Nicchiarelli, lebt die Frau, die längst wieder Christa genannt werden will, plötzlich auf. Ihre Grabesstimme brilliert, energetisch schmettert sie ihre finsteren Texte. Dazu klagt das indische Harmonium, das sie seit Anfang der Siebzigerjahre als ihr Instrument entdeckt hatte und mit Verve spielte.

Trotz der vielen Konzertszenen und einer detailgetreu abgebildeten, von weitaus mehr Tiefs als Hochs geprägten Musikkarriere steht etwas anderes unaufdringlich im Zentrum: Die schwierige Beziehung zwischen Nico und ihrem Sohn Ari (Sandor Funtek), der von seinem leiblichen Vater Alain Delon nie anerkannt wurde, und - wie seine Mutter - von einer einnehmenden Schönheit geschlagen war. Eine Schönheit, die beiden, so scheint es, zur Last fiel. Die sie verfluchten und letztlich mit Hilfe von Drogen zu zerstören suchten.

Diese destruktive Liebe scheint die psychische Grundlage für Nicos Depressionen gebildet zu haben: Wieso schaffte sie es nicht, ihren Sohn zu schützen? Um diese Frage lässt Nicchiarelli ihre Geschichte kreisen. Die Bilder, die sie dafür findet, sind realistisch und bitter - die schönsten Menschen scheinen die kaputtesten Seelen zu haben. Und wenn Nico ihren Sohn in der Entzugsklinik besucht, und beide ineinander verschlungen auf der Bank vor dem Gebäude sitzen, ist ihre familiäre Nähe so spürbar wie tückisch.


"Nico, 1988"
Italien, Belgien 2017
Regie und Drehbuch:
Susanna Nicchiarelli
Darsteller: Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca
Verleih: Film Kino Text
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 93 Minuten
Kinostart: 18. Juli 2018


In Trine Dyrholm hat die Regisseurin eine perfekte Besetzung gefunden: Selbstlos und uneitel stellt die Dänin als Nico ihren Körper zur Schau, sitzt bleich, breitbeinig und mit sichtbaren Einstichnarben auf dem schmuddeligen Sofa, und singt und spricht so tief, dass einem schon beim Zuhören kalt wird.

Auch die Reste eines einst fraglosen Model-Selbstbewusstseins vermag Dryholm zu verkörpern - es blitzt auf in der Art und Weise, wie Nico es hinnimmt, noch immer von vielen, vielen Männern kritiklos bewundert und überhöht zu werden. Wie sie selbstverständlich die Freunde wechselt, zur Überraschung langjähriger Weggefährten wie ihrem ergebenen Manager (John Gordon Sinclair).

Von Nadeln durchlöchert

"Nico, 1988" hat die Regisseurin ihren Film genannt - in diesem Jahr ist die Künstlerin nach einem Fahrradunfall auf Ibiza gestorben, ein paar Monate vor ihrem 50. Geburtstag. Der Film ist eine angemessen dunkle Hommage geworden. Er fächert den Zusammenhang zwischen Ruhm und Selbstbewusstsein auf und deutet die vielleicht nie ganz erklärbaren Gründe für Depressionen nur an.

So nah an jemanden heranzugehen, dessen Schutzhaut buchstäblich von Nadeln durchlöchert ist, birgt immer die Gefahr einer Zurschaustellung. Doch Nicchiarelli weidet sich nicht an der Qual ihrer Protagonistin, sondern gibt Nicos Musik zur Interpretation frei, wie es auch die Künstlerin selbst tut, etwa im Text zu ihrer auf dem letzten Album erschienen Cover-Version des "Lieds vom einsamen Mädchen": "Und hatte eine Sehnsucht / Und wusste nicht wonach / Weil sie einsam war / und so blond ihr Haar".

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