Nina Hoss in "Das Vorspiel" Die tickende Zeitbombe

Nina Hoss hat schon viele Frauen voller Widersprüche gespielt. In Ina Weisses verstörendem Film "Das Vorspiel" fügt sie ihrem Repertoire eine faszinierende Variante hinzu - die einer obsessiven Lehrerin.
Nina Hoss als geheimnisvolle Geigenlehrerin Anna in "Das Vorspiel"

Nina Hoss als geheimnisvolle Geigenlehrerin Anna in "Das Vorspiel"

Foto: Port au Prince Pictures GmbH

Glaubt man den zahlreichen Darstellungen in Kino und Literatur von Karrieren in der klassischen Musik, sind diese einzig geprägt von Qualen, Düsternis, Unterdrückung und gnadenloser Strenge - vor allem aber von gescheiteren Frauenfiguren, die ihr eigenes Versagen zu kompensieren versuchen, indem sie ihren obsessiven Ehrgeiz auf ihre Kinder oder Schüler übertragen. Ein älteres Beispiel dafür ist Michael Hanekes "Die Klavierspielerin" mit Isabelle Huppert als künstlerisch wie sexuell verkümmerte Lehrerin. Ein jüngeres ist "Lara" mit Corinna Harfouch.

In "Das Vorspiel" nutzt Ina Weisse das Motiv des gescheiterten, weiblichen Geigentalents für ein dicht gewobenes Porträt einer Frau, die sich keinerlei Emotionen und Leidenschaft zugesteht, diese aber von all den ihr nah stehenden Menschen einfordert. Die Ambivalenz dieser Figur überträgt sich bedrückend real aufs Publikum, das zwischen Abscheu und Faszination schwankt. Die Widersprüchlichkeit, das Sich-Nicht-Entscheiden-Können, die Härte und Empathielosigkeit - das alles ist nicht unbedingt verständlich, aber immer in der Figur nachvollziehbar.

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"Das Vorspiel" von Ina Weisse

Foto: Port au Prince Pictures GmbH

Das liegt zuallererst an der großartigen Nina Hoss. Sie gilt als die Kühle, Distanzierte, Unnahbare, Kontrollierte. Im "Vorspiel" entwickelt sie die Art des reduzierten Spiels noch ein Stück weiter. Von wenigen Ausnahmen abgesehen zeigt sie keine großen Gefühlsausbrüche. Während sie äußerlich wie starr die Fassung bewahrt, reichen Nuancen ihrer Körperhaltung und ihrer Mimik aus, um ihre Figur Anna als tickende Zeitbombe erkennen zu geben. Schmerzhaft nah geht Judith Kaufmann immer wieder mit ihrer Kamera an dieses Gesicht heran, in das so viel Verzweiflung, Unsicherheit, Obsession eingeschrieben ist, Freude dagegen nur selten.

Dabei zeichnet Weisse ihre Protagonistin anfänglich als wohlwollende, fast sanfte Frau. Sie ist es, die nach dem Vorspiel für die Aufnahme am Konservatorium in Opposition zu ihren Kollegen dem schüchternen Alexander (Ilja Monti) eine Chance geben will. Ihre eigene Karriere scheiterte an ihrer Bühnenangst. Wenig später sitzt sie mit ihrer Familie in der gemütlichen Altbauwohnung beim Geburtstagskaffee. Die Stimmung ist angespannt vor allem wegen ihres herrischen Vaters (Thomas Thieme), doch zwischen ihr und ihrem französischen Ehemann Philippe (Simon Abkarian) besteht eine Nähe, die auf eine ebenso liebe- wie respektvolle Partnerschaft schließen lässt. Jedenfalls zunächst.

Fast komödiantische Züge trägt schon die nächste Szene: Anna und Philippe treffen sich zum Mittagessen, drei Mal wechseln sie auf Wunsch von Anna den Tisch, zwei Mal ändert sie ihre Bestellung, bis sie schließlich lustlos in ihrer Pasta stochert und Philippe stillschweigend seinen Teller mit ihr tauscht. Er weiß um Annas Unentschlossenheit und begegnet ihr mit Gelassenheit. Doch die Beziehung der beiden ist nicht spielerisch, sondern wie alle anderen Annas auch ein brüchiges Geflecht. Während Philippe seinen eigenen kleinen Rückzugsort in seiner Werkstatt für Saiteninstrumente hat, den auch bald der zehnjährige Sohn Jonas (Serafin Mishiev) nutzt, irrt Anna entfremdet durch das winterliche, graue Berlin, in das nüchtern bemöbelte Konservatorium, in dem sie ihren Schüler Alexander bis zur körperlichen Erschöpfung traktiert.

Filminfo "Das Vorspiel"

Deutschland, Frankreich 2019
Regie: Ina Weisse
Buch: Daphne Charizani, Ina Weisse
Darstellende: Nina Hoss, Simon Abkardian, Jens Albinus, Serafin Mishiev
Produktion: Port au Prince, Idéale Audience, Lupa Film
Verleih: Port au Prince
Freigegeben: ab 12 Jahren
Länge: 90 Minuten
Start: 23. Januar 2020

Überhaupt ist Anna seltsam bindungslos: Ihr talentierter Sohn Jonas begehrt gegen die ehrgeizige Mutter auch in Konkurrenz zu deren Schüler auf; den Mann, dem sie erklärt, ihn zu lieben, betrügt sie; ihr Liebhaber und Kollege Christian (Jens Albinus) scheint zwar Zufluchtsort, doch warum sie diese Affäre hat, bleibt im Unklaren.

Weisse, die wie schon bei ihrem erfolgreichen Regiedebüt "Der Architekt" (2008) das Drehbuch zusammen mit Daphne Charizani verfasst hat, legt Anna als verzogenes und zugleich tief verletztes Kind an, das sich nimmt, was es will, ohne jede Distanz. Es geht um Machtgefüge und Dominanz, im Kollegenkreis, gegenüber ihren Männern, ihrem Schüler. Als sie ihren tyrannischen Vater in seinem düsteren Haus besucht, trifft sie ihn auf der Toilette an. Erst soll sie ihm helfen, aufzustehen, dann herrscht er sie an, das Bad zu verlassen. Innerhalb weniger Sekunden wechselt die Demütigung vom Vater auf die Tochter. Ein anderes Mal sitzt ihr Mann auf der Toilette, sie kniet sich vor ihn, küsst ihn liebevoll und will sich seiner Liebe versichern - er lässt sie abblitzen.

Weisse lässt Leerstellen, deutet an, erzählt keine der Geschichten aus - im Gegensatz zu Jan-Ole Gersters "Lara", bei dem jede Szene eine Erklärung war. So unentschlossen und verloren Anna durch ihr Leben wandelt, oftmals angetrieben von den dunklen Kompositionen Bachs oder anderer Klassiker, so mäandert auch der Plot. Nina Hoss gibt all dem dennoch eine Struktur, füllt die Leerstellen. Am Ende steht ein unerwartetes, ein drastisches Moment, das Anna noch weniger greifbar, aber in ihrer Widersprüchlichkeit umso konsequenter erscheinen lässt. Wo Harfourchs "Lara" nur eine unausstehliche Unsympathin ist, gibt Hoss ihrer Figur eine Zerrissenheit, die berührt.

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