"No!"-Star Gael García Bernal "Eine Mikrowelle - das war Magie!"

Bitte? Ein Werber stürzt einen Despoten? Aber ja! In "No!" spielt Gael García Bernal einen Reklameprofi, der die Diktatur von Pinochet in Chile beendet. Im Interview spricht der Filmstar über die politische und psychologische Macht von Werbung, die ihn auch schon verführte. Und seine Mutter.

AFP

SPIEGEL ONLINE: Herr García Bernal, Chiles Diktator Augusto Pinochet stürzte 1988, weil er wegen einer knallbunten Werbekampagne gegen ihn ein Referendum verlor. Sie waren damals zehn Jahre alt und lebten in Mexiko. Kannten Sie die Geschichte überhaupt, als Sie die Rolle für "No!" angeboten bekamen?

García Bernal: Nein, kaum. Und mir war, wie vielen anderen auch, nie bewusst, welche Bedeutung diese Kampagne hatte! Außerdem war Mexiko 1988 mit einem politischen Skandal beschäftigt, der sich mir als Kind stattdessen einprägte. Meine nächste politische Erinnerung ist der Fall der Berliner Mauer.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen den Werber, der hinter der Anti-Pinochet-Kampagne steckt. Ihre Figur wirkt am Anfang recht skrupellos und entdeckt erst später die Moral. Was löst die Veränderung aus?

García Bernal: Er weiß eben, dass er zu den Guten gehört. Ich denke, wenn unser Film von einem US-Studio produziert worden wäre, hätte man einen Flashback verlangt, in dem meine Figur und ihr Handeln genauer erklärt werden, zum Beispiel mit Eltern, die irgendetwas Dramatisches prophezeien. Aber das mussten wir nicht. Und ich finde es so viel besser, denn die Frage beantworten alle Kinobesucher selbst - jeder hat eigene Gründe, wie er zur Demokratie steht.

SPIEGEL ONLINE: Das Verhältnis zur Demokratie zu überprüfen - ist das ein Grundanliegen des Films?

García Bernal: Die Geschichte fordert zur genauen Selbstüberprüfung heraus. Und René Saavedra, so der Name meiner Figur, reagiert entsprechend: Demokratie ist nicht schwarz und weiß, sondern grau. Er macht mit, obwohl er anfangs nicht wirklich überzeugt ist. Das ist mir bei der letzten Wahl in Mexiko auch passiert: Ich habe jemanden gewählt, von dem ich nicht hundertprozentig überzeugt war, ich war also eigentlich nicht konsequent. Demokratie ist oft uneindeutig.

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SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig sind Kind und Ex-Frau für Ihre Figur?

García Bernal: Sehr wichtig. Außer der emotionalen Tiefe spiegelt das auch den Zustand, dass 1988 Scheidungen in Chile de jure noch verboten waren. Und ich mag an meinem Charakter sehr, dass sein größtes Ziel eigentlich die Zusammenführung der Familie ist. Genau das erreicht er aber nicht. Alles andere klappt, er hilft sogar mit, das Land zu verändern, das Regime zu stürzen.

SPIEGEL ONLINE: René Saavedra gab es aber nicht in Wirklichkeit.

García Bernal: Nein, er basiert auf dem Leben von mehreren Menschen, die bei der Kampagne mitgearbeitet haben. Der Drehbuchautor hat ein Theaterstück adaptiert, er konnte die Dramaturgie so besser zuspitzen.

SPIEGEL ONLINE: Die vielen Originalausschnitte lassen den Film dennoch sehr dokumentarisch wirken.

García Bernal: Ja, vor allem die Entscheidung, den ganzen Look dem Achtziger-Jahre-Material anzupassen! Das macht alles sehr homogen und überzeugend.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte denken, dass nach dem Erfolg der Kampagne alle Chilenen in Werbeagenturen arbeiten wollten.

García Bernal: So war es nicht, und dafür gibt es zwei Gründe: Ich glaube, dass die Demokratie dort nach wie vor eher verhalten voranschreitet. Und in einer Demokratie entstehen eher selten Helden oder Märtyrer. Als Ausnahmen fallen mir nur Allende ein, der ein Märtyrer war - und die Menschen in Nordafrika, die während des Arabischen Frühlings als Helden gestorben sind.

SPIEGEL ONLINE: Und der andere Grund?

García Bernal: Die mangelnde Vergangenheitsbewältigung in Chile: Pinochet wurde als Präsident abgesetzt, blieb aber noch lange Chef der Streitkräfte. Danach wurde er Senator auf Lebenszeit, hielt sich in einem Londoner Krankenhaus auf und musste nie vor Gericht erscheinen, weil seine Anwälte ein paar Gesetzeslücken gefunden hatten. Das ist noch immer eine offene Wunde in Chile, eine Schuld, die nie beglichen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Die Kampagne war also letztlich nicht erfolgreich genug, um in der kollektiven Erinnerung zu bleiben?

García Bernal: Genau. Eigentlich müssten alle lateinamerikanischen Schulbücher davon erzählen, schließlich war es einer der wichtigsten demokratischen Vorgänge. Pinochet trat zurück, ohne dass ein Tropfen Blut vergossen wurde, und 97 Prozent aller Menschen haben damals abgestimmt. Aber in den Schulbüchern werden lieber Kriegsgeschichten erzählt.

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SPIEGEL ONLINE: Wieso verfing die Kampagne denn damals so gut?

García Bernal: Na ja, in Chile gab es in den Achtzigern zum Beispiel nur zwei staatliche Sender. Und diese neuartigen Werbespots waren ein riesiger Unterschied zum Restprogramm: farbenfroh, hoffnungsvoll, glücklich... das waren wirklich andere Zeiten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie stark uns all die neuen Geräte beeindruckt haben, die ähnlich beworben wurden, etwa die Mikrowelle. Sie beendet die Tyrannei der Küche, sie befreit die Frauen! Das haben wir geglaubt! Meine Mutter hat auch sofort eine gekauft.

SPIEGEL ONLINE: Darum sitzt René im Film also so andächtig vor einer.

García Bernal: Das war Magie! Woher kommt die unfühlbare Hitze?! Auch den Leuten einen Sport wie Aerobic nach Hause zu bringen - haben wir alles nachgemacht. Wir waren viel leichtgläubiger als jetzt. Aber auch wenn die Kampagne ein wenig albern wirkte, traf sie einen wunden Punkt: Die Menschen forderten ihr Glück ein. Das stand bei den Machern dahinter: Lasst uns all das zeigen, wofür Pinochet nicht steht! Humor, Jugend, Freude, Farben, entspannt sein...

SPIEGEL ONLINE: Hätte sich das Regime nicht einfach einen freudvollen Gegen-Claim ausdenken können?

García Bernal: Nein, Pinochet war ein schrecklicher Mensch, langweilig, nicht allzu intelligent, eigentlich eine Marionette der Institutionen. Sein einziger Claim war: Uns geht es besser als vorher. Aber das Thema Glück, so universell es ist, hat auch immer viel mit privatem Glück zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende des Films geht René nachdenklich davon, als ob er nicht zufrieden ist.

García Bernal: Ja, es gab schnell einen Kater nach der Party. Die große Frage blieb: Und was mache ich jetzt? Wer bin ich? Ich habe mich jahrelang über meine Gegner identifiziert, jetzt sind sie plötzlich weg! Was nun?

Das Interview führte Jenni Zylka



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kultur-manic 07.03.2013
1. Revolution muss sexy sein
Toller Film - muss man gesehen haben! Nicht nur ein bewegender Film über den friedlichen Sturz des chilenischen Diktators Pinochet, sondern auch eine tiefe Verneigung vor der Werbeästhetik der 1980er-Jahre. Hier eine weitere Meinung: http://www.kultur-port.de/index.php/kunst-kultur-blog/film/6594-film-no-die-revolution-muss-sexy-sein.html
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