Singverbot in Iran "Um gegen ein Tabu zu kämpfen, muss man Geduld und Mut haben"

Frauen dürfen in Iran kein Solo singen. Die humorvolle Doku "No Land's Song" zeigt, wie es eine Musikerin mit den Sittenwächtern aufnimmt. Regisseur Ayat Najafi berichtet von den gefährlichen Dreharbeiten.
Singverbot in Iran: "Um gegen ein Tabu zu kämpfen, muss man Geduld und Mut haben"

Singverbot in Iran: "Um gegen ein Tabu zu kämpfen, muss man Geduld und Mut haben"

Foto: Basis-Film
Zur Person
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Ayat Najafi, Jahrgang 1976, wurde in Teheran geboren. Er studierte dort Bühnenbild und wirkte bei Theaterproduktionen als Regisseur, Autor, Schauspieler und Bühnenbildner mit. Seit 2000 konzentriert er sich auf Regie. 2008 drehte er seinen ersten langen Dokumentarfilm, "Football Under Cover" über iranische Fußballspielerinnen, der mehrere Preise gewann. Am 10. März läuft sein zweiter langer Dokumentarfilm, "No Land's Song" im Kino an. Darin begleitet Najafi seine Schwester, die Komponistin und Musikerin Sara Najafi, bei ihrem Kampf mit den Behörden, ein Konzert mit Solo-Sängerinnen in Teheran zu organisieren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Najafi, in Ihrem neuen Dokumentarfilm begleiten Sie das fast dreijährige Ringen Ihrer Schwester mit den iranischen Behörden. Sie wollte ein Konzert mit Solo-Sängerinnen aufzuführen - was in Iran verboten ist. Wie muss ich mir die Dreharbeiten für Ihren Film vorstellen?

Najafi: Während meines ersten Dokumentarfilms, "Football Under Cover", war ich sicher, dass ich keine Genehmigung bekommen würde. Ich dachte mir, wenn ich nach einer frage, dann bringe ich das ganze Projekt in Gefahr und kann auch nicht mehr versteckt filmen. Dieses Mal habe ich es genauso gehalten. Man sieht aber in dem Film, dass ich gar nicht so versteckt gearbeitet habe: Wir haben auf offener Straße gefilmt. Der Vorteil ist, dass ich Iraner bin und das Land kenne. Ich habe mich mit der Kamera und meinem Filmteam so bewegt, dass wir keine Aufmerksamkeit auf uns ziehen. 2015 war der bekannte Regisseur Jafar Panahi in Teheran in einem Taxi mit drei Kameras unterwegs. Das war völlig verboten, aber er hat es geschafft. Es ist möglich, in Iran zu arbeiten, man muss nur wissen, wie.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Tricks haben Sie sich unsichtbar gemacht?

Najafi: Das kann ich nicht verraten, denn dann kann ich es ja nicht noch mal machen! Ich sage nur so viel, ich benutze sehr kleine Kameras. Und es ist wichtig, wie man sich bewegt und wo man filmt. Wir waren auch immer vorbereitet und hatten einen Plan B und C, falls jemand fragt, was wir machen. Und heutzutage ist es einfach, Filmmaterial unbemerkt außer Landes zu bringen auf kleinen Speicherkarten.

Der Ton lief sogar mit, als Sara Najafi im Kulturministerium vor immer neuen Bürokraten ihr Anliegen vorbringt. Das Aufnahmegerät hatte sie dabei unter ihrem Schleier versteckt. So hält der Film Szenen fest, die in ihrer Absurdität unglaublich komisch sind. Der freundlich-bestimmten Antragstellerin entgegnet der genervte Bürokrat: "Gibt es auf irgendetwas in diesem Land eine klare Antwort? Für vieles gibt es keinen Grund!"

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bilder kontrastieren das Doppelleben in Iran, das normale und das offizielle. Auch Frauen ohne Kopftuch sind zu sehen. Müssen Ihre Protagonistinnen mit Konsequenzen rechnen?

Najafi: In Irans Filmszene gibt es seit den Neunzigerjahren eine Bewegung, das normale Leben zu zeigen. Manche sind in Schwierigkeiten gekommen, andere nicht. Meine Protagonistinnen in "Football Under Cover" haben zum Glück nie Probleme bekommen. Aber ob das diesmal genauso ist kann ich nicht beantworten. Das kann nur der Sicherheitsapparat. Ich hoffe nicht, dass es Probleme gibt. Aber wenn ich mich hinter den Gefahren verstecke, kann ich nichts verändern. Ich glaube, dass Iran Veränderungen braucht und dass sie nur von uns, von den Menschen, kommen können. Wir müssen mehr Mut haben.

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"No Land's Song": "Zerstört das Haus der Tyrannei"

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Sara Najafi erinnert in dem Film an Qamar, eine berühmte iranische Sängerin, die 1924 für Aufsehen sorgte, als sie in Teheran bei ihrem Auftritt vor Männern ihr Kopftuch abnahm. Fast hundert Jahre später darf Najafi nicht einmal ein Konzert mit einer vollverschleierten Solo-Sängerin organisieren, wenn Männer im Publikum sind. Sie lässt sich dies von einem Klerikalen erklären. Die Kamera hält ihr fassungsloses Gesicht fest, während der Religiöse ihr mithilfe einer Käse-Metapher erläutert, dass Frauenstimmen sexuell erregend sind. Warum sei dann mehrstimmiger Frauengesang erlaubt? - "Wenn drei Frauen zusammen singen, neutralisieren sie sich gegenseitig."

SPIEGEL ONLINE: Ihre Schwester sagt in dem Film, ihre Waffe sei die Musik. Ihre Waffe ist der Dokumentarfilm?

Najafi: Genau. Die iranische Regierung kennt meine politische Haltung - das ist ja nicht mein erster Film. Wenn ich nach Iran gehe, wissen sie, dass ich einen Film drehen werde. Aber bisher tolerieren sie das. Wir werden sehen, wie lange.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben in Berlin. Haben Sie Angst, das nächste Mal nicht mehr nach Iran einreisen zu dürfen?

Najafi: Seit den letzten Dreharbeiten war ich nicht in Iran. Deswegen weiß ich nicht, ob ich Probleme bekommen werde. Offiziell habe ich keine, aber Iran ist ein inoffizielles Land.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Sie Ihren Film in einem iranischen Kino sehen werden können?

Najafi: Nein. Dafür hätte ich viele Kompromisse eingehen müssen. Ich möchte die Menschen in Iran zeigen, wie sie sind und nicht, wie die Regierung will, dass sie aussehen. Man konnte auf der Berlinale tolle iranische Filme sehen, die genauso in Iran gezeigt wurden. Das ist auch eine Kunst. Aber für mich wäre das nichts. Ich gehe lieber den Kompromiss ein, dass mein Film nicht legal in Iran gezeigt werden kann, auch wenn das schade ist. Die Iraner werden ihn illegal zu Hause ansehen und diskutieren. Meine Filme sollen etwas anstoßen.

Die iranische Komponistin lässt sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Sie läd Musiker aus Frankreich dazu ein - aus künstlerischen und aus strategischen Gründen. Es ist unwahrscheinlich, dass die Sicherheitskräfte den Konzertsaal stürmen, wenn ausländische Musiker auf der Bühne stehen und der französische Botschafter im Publikum sitzt. Am Ende gelingt ihnen das Unvorstellbare: Auf einer Teheraner Bühne stimmen Frauen iranische Revolutionslieder an, die sich einst gegen den Schah richteten: "Geht Risiken ein! Zerstört das Haus der Tyrannei!" Die Tunesierin Emel Mathlouti, die Stimme der arabischen Revolution, singt solo ihr Protestlied "Mein Wort ist frei."

SPIEGEL ONLINE: Ihre Schwester sagt in dem Film, dass sie hofft, dass Sängerinnen in Iran es in Zukunft leichter haben werden. Hat sich denn etwas verändert?

Najafi: Bisher leider nicht. Aber der Kampf geht weiter. Mit "Football Under Cover" war es so, dass wir den Film damals in Iran nicht zeigen durften. Doch die Sportlerinnen haben weitergekämpft für ihr Recht, Fußball zu spielen. Mittlerweile überträgt das iranische Fernsehen die Spiele des Frauenteams! Die iranischen Fußballspielerinnen haben es immer noch nicht leicht, aber sie haben es etwas leichter. Um gegen ein Tabu zu kämpfen, muss man Geduld und Mut haben. Wenn irgendwann in ferner Zukunft die Frauen in Iran frei singen dürfen, werde ich stolz sein, Teil dieses Kampfes gewesen zu sein.

Am 9. März wird "No Land's Song" in der Berliner Volksbühne gezeigt. Weitere Filmtermine finden sich hier . Die Sängerinnen werden am 21. März in Hannover und am 22. März in Berlin noch einmal gemeinsam auftreten.

Im Video: Der Trailer zu "No Land's Song"