"Nocturnal Animals" von Tom Ford Rache, aber romantisch muss sie sein

Ein Mann rechnet mithilfe eines Romans mit seiner Ex-Frau ab - sie ist unfähig zu lieben und muss dafür bestraft werden. Tom Fords "Nocturnal Animals" will ein raffinierter Thriller um Liebe, Kunst - und eben Rache sein.
"Nocturnal Animals" von Tom Ford: Rache, aber romantisch muss sie sein

"Nocturnal Animals" von Tom Ford: Rache, aber romantisch muss sie sein

Foto: ddp images/ INTERTOPICS/ LMKMEDIA

Das sei schon okay, meint Susan (Amy Adams), nachdem ihr Lebensgefährte in die Küche gekommen ist und etwas gestresst ein Beutelchen mit Zucker über die edel schimmernde Arbeitsplatte verschüttet hat. Sie wischt den Zucker mit der Hand zu einem Haufen zusammen, blickt zu ihrem Mann, möchte ihm was erzählen. Der aber hat jetzt keine Zeit und muss schleunigst nach New York zurück - vorgeblich aus geschäftlichen Gründen.

In dieser Szene, der vielleicht einzigen im Film, in der Susan so etwas wie eine spontane Regung zeigt, wenn sie den Zuckerunfall für nicht so schlimm befindet, geht es aber nur scheinbar um die innere Dynamik dieser Partnerschaft. Vielmehr ist bemerkenswert, dass es ausnahmsweise in Ordnung ist, wenn mal ein bisschen Zucker die durchdesignte Welt verschmutzt.

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"Nocturnal Animals": Rot auf rot, weiß auf weiß

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Tom Ford, der Haute-Couture-Designer aus Texas, der seit seinem Debüt "A Single Man" (2009) auch Filmregisseur ist, geht in dieser Szene gewaltig an seine Grenzen. Zwei Dinge lässt er zu, vor denen er sich sonst zu fürchten scheint: die unkontrollierbare Bewegung des Zuckers und die Subjektivität seiner Protagonistin. Beide wirken wie Gifte auf Ford'schem Boden, sind Bakterien, die in die astreine Haut eindringen könnten, die diesen Film überzieht - eine absolute Schutzhaut, eine Haut, die nur noch ein Außen ist, die selbst nichts fühlen kann, die abschirmt und nichts preisgibt, die optisch flirtet, aber für das Haptische zu prüde ist. Berührt werden soll "Nocturnal Animals", Fords Adaption eines Romans von Austin Wright, nicht - wie ein Kunstwerk im Museum.

Sheriff mit mörderischem Blick

Früher war Susan mit Edward (Jake Gyllenhaal) verheiratet. Die Beziehung hat nicht so richtig funktioniert, denn Susan ist hochgradig unromantisch. Edward hatte sie dagegen Romantik vorgeworfen: weil der noch an eine Karriere als Schriftsteller glaubte, als es seine Ehefrau längst nicht mehr tat. Jetzt, rund 20 Jahre später, hat Edward einen Roman geschrieben, "Nocturnal Animals" heißt der und ist Susan gewidmet. Sie soll auch die Erste sein, die ihn liest.

In diesem Roman geht es um ein Ehepaar, das zusammen mit seiner Teenagertochter durch ein nächtliches Niemandsland fährt. Eine perverse Jungsbande überfällt sie, Frau und Tochter werden entführt und vergewaltigt, der Papa wird zurückgelassen und sucht Hilfe bei der Polizei, bei einem nuschelnden und hustenden Sheriff (Michael Shannon), dessen stechender Blick Mörderisches ausdrücken muss.

"Nocturnal Animals" teilt sich in diese drei Ebenen: Während Tony, der Held des Buches (ebenfalls gespielt von Jake Gyllenhaal), in der texanischen Wüste leidet, liest Susan auf dem Bett oder in der Wanne liegend. Und immer wieder imaginiert sie die alten Tage, das erste Date mit Edward, als sie noch einen Mittelscheitel trug und alles noch offen zu sein schien. Drei Ebenen, die allesamt auf sie zurückgehen, die sich aus ihrer Perspektive heraus entwerfen und die ebendort in einem Zusammenhang stehen beziehungsweise stehen sollen.

Schön wie ein Wasserkocher

Dass das nicht so recht funktioniert, dass diese Ebenen, so sehr sie auch miteinander zu tun haben wollen, nicht wirklich ineinandergreifen, liegt wohl daran, dass dieser Film seine Protagonistin gar nicht leiden kann. Während Edward mit seinem Debütroman nun wohl große Kunst geschaffen hat, arbeitet Susan sehr erfolgreich, aber hochfrustriert als Galeristin. Sie habe eben ein Händchen für den ganzen Kunstmarktschmarrn, den Junk, wie es einmal aus ihrem eigenen, dunkelrot umrandeten Munde heißt.

Der Stoff für eine interessantere Verleimung verschiedener Erzählebenen hätte wohl Subjektivität geheißen - und die kann Ford nicht gebrauchen. In "A Single Man" war das ähnlich, aber es gab wenigstens noch wilde, mit sportlichem Eifer hin- und hergeworfene Blicke; hier gibt es auch das nicht mehr. Die Blicke sind traurig und treffen sich nicht. Was sich hier trifft, das ist die weiße Bluse vor der weißen Wand, die roten Haare vor der roten Wand. Das ist schön, aber ein etwas teurerer Wasserkocher ist auch schön.


"Nocturnal Animals"

USA 2016
Regie: Tom Ford
Drehbuch: Tom Ford, Austin Wright
Darsteller: Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon, Aaron Taylor-Johnson, Isla Fisher, Ellie Bamber, Armie Hammer
Produktion: Universal Pictures, Focus Features
Verleih: Universal Pictures Germany
Länge: 116 Minuten
FSK: 16 Jahre
Start: 22. Dezember 2016


Das Desinteresse an Susans Subjektivität wird ganz besonders dann zum Problem, wenn am Ende ein Herz zu vernehmen ist, das in zwei Körpern zugleich schlagen soll, in Susan in der Wanne und in Tony in der Wüste. Doch der Herzschlag wird immer schwächer, er gibt zu verstehen, dass nun alles zu spät ist. Es soll eine urromantische Geste sein - und sie soll Susan, die plötzlich doch wieder etwas für Edward empfindet, eins auswischen.

"Nocturnal Animals" handelt nämlich aus, welche seiner Figuren zur romantischen Liebe fähig ist, und kommt dabei zu dem Schluss, dass die Frau liebesunfähig ist und dass sie dafür belehrt und bestraft werden muss. Das "Zu spät" ihrer neu-alten Liebe läuft deshalb nicht auf das melodramatische Moment der sich verpassenden Liebenden hinaus, sondern auf eine vollends bekloppte Sanktionierungsfantasie gegenüber der weiblichen Hauptfigur.

Im Video: Der Trailer zu "Nocturnal Animals"

An Susan interessiert Ford eigentlich nur das, was er ausstellen und in diesem Sinne stillstellen kann. Und das ist zudem eine ungeheuer schläfrige Vorstellung vom Kino. Im tiefsten Herzen ist "Nocturnal Animals", der mal ein Thriller werden wollte, aber genauso gut eine Fotokampagne hätte werden können, in seiner Undynamik kinofeindlich. Fords träger Regiestil hält das Kino auf Abstand, und das ist weniger ästhetisches Selbstverständnis als phobische Beziehung. Susan mag Berührungsängste haben, ihren Mann küsst sie beispielsweise nicht direkt auf den Mund. Aber Tom Ford selbst hat diese Ängste noch viel mehr.

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