Ausnahmeregisseur Carlos Reygadas Überreizte Männlichkeit

Mit der eigenen Frau erkundet der Mexikaner Carlos Reygadas in "Nuestro Tiempo" die Grenzen von Freiheit und Selbstentfaltung in einer Beziehung. Eine brillante Erweiterung seines ohnehin schon sinnlich-rauschhaften Kinos.

Filmfest Venedig

Von Esther Buss


Die Spiele der Kinder sind unschuldig, ihre Geschlechterkämpfe nicht mehr als Jux und Tollerei. In der wundervollen Eingangssequenz von "Nuestro Tiempo" mischt sich die Kamera unter junge und sehr junge Menschen, die sich an einem weitläufigen schlackigen Gewässer vergnügen. Brauner Schlamm klatscht auf Kinderkörper, klebt in Gesichtern und Haaren, irgendwann überfallen die Jungs das Schlauchboot, in dem die Mädchen abhängen und quatschen ("Mein Lieblingsfach ist Sexualkunde und Englisch").

Bei den Teenagern, die an einer anderen Stelle des Stausees Bier trinken, sind die Verhältnisse schon komplizierter. Begehren, Sehnsucht und sanfte Zurückweisung liegen in den Blicken, aber auch Angebote, die sich noch nicht recht zu artikulieren wissen; als ein Paar sich zum Sex zurückzieht, zeichnet sich im Gesicht eines Dritten ein schmerzhafter Stich ab.

Zuletzt, als kurze dramaturgische Brücke zum eigentlichen Geschehen: der harmlose Flirt zweier Ranchangestellter, der keinen Raum hat, mehr zu werden - die Chefin ruft auf die Koppel.

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"Nuestro Tiempo": Das Leben ist ein Bullenhof

Die Ouvertüre zu "Nuestro Tiempo" beschreibt fast so etwas wie eine Evolutionskette, die sich angefangen vom naturnahen Zustand immer weiter ausdifferenziert. An ihrem vorläufigen Ende steht die offene Beziehung des Ehepaars Juan und Ester, die in den nächsten 175 Minuten im Zentrum stehen wird. Ihre Liebe soll den höchsten Ansprüchen - Freiheit, Selbstentfaltung, Aufrichtigkeit - gerecht werden. Sie wird außerdem als eine besprechbare Sache gehandelt, über die man idealerweise "zivilisiert" und "geregelt" kommuniziert.

"Nuestro Tiempo" ist der inzwischen fünfte Film des mexikanischen Auteur Carlos Reygadas. Die "Ein-Mann-dritte Welle des mexikanischen Kinos" nannte ihn die britische Zeitschrift "Sight & Sound" mal, um sein Alleinstellungsmerkmal gegenüber publikumsfreundlichen Filmemachern wie Alfonso Cuarón und Alejandro González Iñárritu zu betonen. Den Anfang seines Werks, dem das Berliner Arsenal ab diesem Freitag eine Retrospektive widmet, bei der Reygadas auch zu Gast sein wird*, bildete eine Reihe von existenziellen Dramen ("Jápon", "Battle in Heaven", Stellet Licht"), die auf ungewöhnliche Weise sensuelles Erleben, Körperlichkeit und transzendente Erfahrung miteinander symbiotisierten.

Mit inquisitorischer Penetranz

Mit seinem neuen Film erkundet Reygadas, ähnlich wie im Vorgängerwerk "Post Tenebras Lux" (2012), die Rollendynamiken in einer Familie und Paarbeziehung. "Nuestro Tiempo" scheint indes noch enger an der eigenen Lebenswirklichkeit angelehnt zu sein - auch wenn Reygadas den Begriff "Autofiktion" nur ungern auf den Film angewendet sieht.

Semi-autobiografische Lesarten lassen sich trotzdem nicht wegdenken. Reygdas selbst verkörpert die Rolle von Juan, seine Frau Natalia López (Editorin der letzten beiden Filme) spielt Ester, ergänzt wird die Familie durch die gemeinsamen Kinder. Schauplatz ist eine Ranch im Norden Mexikos, wo das Ehepaar Kampfstiere züchtet. Als Breitwandfilm mit Cowboys, Pferden und Bullen hat "Nuestro Tiempo" eine fast schon exotische Nähe zum intellektuellen Milieu: Juan wird als ein erfolgreicher Dichter vorgestellt, die minimalistische Rancharchitektur zeugt von geschmackvollem Understatement.

In diesem privilegierten Setting seziert Reygdas mit streckenweise strapaziöser Konsequenz die Erschütterungen, die das Paar erfasst, als Ester ein Verhältnis mit dem US-Amerikaner Phil eingeht. Vorgeblich entzündet sich der Konflikt an der regelwidrigen Intransparenz der Affäre - Juan sieht die Pflicht zur "spontanen" Erzählung verletzt. Dabei hat er im betont beherrschten Hinterherfragen schon längst die Rolle eines Verhörführers angenommen, der seiner Frau mit inquisitorischer Penetranz zusetzt.


"Nuestro tiempo"
MX, FR, DE, DK, SE 2018

Buch und Regie: Carlos Reygadas
Darsteller: Natalia López, Phil Burgers, Carlos Reygadas
Produktion: Bord Cadre Films, Detalle Films, Eficine et al.
Verleih: Grandfilm
Länge: 173 Minuten
Start: 27. Juni 2019


In einem Akt vermeintlicher Großzügigkeit holt er den "Einreiter" bald zum Arbeiten auf die Ranch und ermuntert ihn zur Fortsetzung des Verhältnisses; voraus geht eine ziemlich schräge schulterklopfende Email-Korrespondenz, die über die geteilte Frau spricht und verhandelt als hätte sie selbst nichts zu sagen. Dass Juans Toleranz vor allem Ausdruck eines Besitzanspruchs ist, zeigt sich auch in der Einfädelung eines "Ausgleichsficks" mit einem alten Freund. An dieser Stelle schrumpft der Western, der in den bildgewaltigen Naturaufnahmen des Kameramanns Diego García immer wieder zum erhabenen Schillern kommt, auf die Begrenzungen eines Türschlitzes zusammen, durch den Juan die Szene wie durch ein Peephole beobachtet.

Reygadas hat sich in seinem experimentierfreudigen Werk schon einmal einer Dreiecksbeziehung gewidmet. Doch wo der in einer mennonitischen Gemeinde angesiedelte "Stellet Licht" (2007) das Drama in ruhigen, kontemplativen Tableaux und ohne viel Worte entfaltete, legt "Nuestro Tiempo" in aller Selbstentblößung sämtliche Unsicherheiten, Peinlichkeiten und neurotischen Obsessionen offen, die die Kluft von schönem Ideal und Realität - Juans überreizte Männlichkeit - so produziert. Dem zuzusehen ist nicht immer angenehm.

Im Motorraum der Liebe

Was das unbedingt Tolle an "Nuestro Tiempo" ist: Anders als Juan beißt sich Reygadas nicht in einer Perspektive fest. Während der Kontrollzwang des Ehemanns Druck macht und einschnürt, öffnet sich der Film für alle Elemente der Wirklichkeit - Mensch, Tier, Dingwelt - und entfaltet dabei einen beeindruckenden Reichtum an Bildideen und Erzählweisen.

Nicht nur steht neben den komplizierten, sich verheddernden Beziehungsgesprächen das alltagsrealistische Geplapper der Kinder. Einmal sitzt man mit der von der Liebe berauschten Ester im Auto, als sich der Kamerablick plötzlich in das Innenleben des Wagen verlagert und in der vibrierenden Mechanik des Motors ein irgendwie glückliches Bild findet.

Ein anderes Mal taucht der Film in das Erleben bei einem Konzertbesuch ab, wobei sich das Interesse gleichmäßig auf Esters liebestrunkene SMS-Kommunikation, den Schweiß des Dirigenten und das furiose Paukenspiel einer Musikerin verteilt. Und mitten im Film berichtet eine kindliche Erzählstimme unvermutet aus der Innenwelt von Juan und fasst seine chaotischen Gedanken in klare Worte.

Im Video: Der Trailer zu "Nuestro Tiempo"

Grandfilm

Die Teilhabe an den verschiedensten Erfahrungswelten zeugt von einer Großzügigkeit, die in dieser Form selten im Kino ist. Als Film lebt "Nuestro Tiempo" selbst eine offene - und dabei glückliche - Beziehung.


*Das Programm zur Werkschau Carlos Reygadas im Arsenal Berlin finden Siehier. Zur Vorpremiere von "Nuestro Tiempo" ist Reygadas am 21. Juni zu Gast im Arsenal, ebenso zur Vorführung von "Post Tenebras Lux" am 22. Juni.



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Cinephilipp 21.06.2019
1. Hervorragender Artikel
Hallo und Glueckwunsch zu diesem Artikel. Es ist ganz selten, derart sensible, klare und treffende Zeilen zu einem so wunderbaren, radikalen, persoenlichen Werk wie dem von Carlos Reygadas in der deutschen Presse zu finden. Ich konnte den Film auf der letzten Viennale sehen und war aehnlich begeistert. Einerseits bin ich gluecklich, dass diese tief lateinamerikanische Kino in Deutschland gezeigt wird, genauso wichtig ist fuer mich aber, dass es eine schriftliche Reflektion, ein filmisches Denken in Textform dazu gibt. Und in diesem Sinne ist das ein kluger, sensibler, toller Beitrag. Glueckwunsch und weiter so, Herr Buss und Spiegel Online. Alles Gute mit Gruessen von einem Exildeutschen aus Lateinamerika
RuedigerGrothues 27.06.2019
2. Zustimmung, aber...
Zitat von CinephilippHallo und Glueckwunsch zu diesem Artikel. Es ist ganz selten, derart sensible, klare und treffende Zeilen zu einem so wunderbaren, radikalen, persoenlichen Werk wie dem von Carlos Reygadas in der deutschen Presse zu finden. Ich konnte den Film auf der letzten Viennale sehen und war aehnlich begeistert. Einerseits bin ich gluecklich, dass diese tief lateinamerikanische Kino in Deutschland gezeigt wird, genauso wichtig ist fuer mich aber, dass es eine schriftliche Reflektion, ein filmisches Denken in Textform dazu gibt. Und in diesem Sinne ist das ein kluger, sensibler, toller Beitrag. Glueckwunsch und weiter so, Herr Buss und Spiegel Online. Alles Gute mit Gruessen von einem Exildeutschen aus Lateinamerika
...eines sollte fairerweise richtiggestellt werden: Der Beitrag stammt nicht von Herrn (Buß?), sondern von Esther Buss.
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