Deutscher Debütfilm "O Beautiful Night" Der Tod ist auch keine Lösung

Der Tod knabbert Würstchen, und dem Juri geht's bald an den Kragen: In seinem Debütfilm "O Beautiful Night" inszeniert Regiedebütant Xaver Böhm eine wilde Nacht an der Seite von Gevatter Exitus.

Jieun Yi/ KomplizenFilm

Auf dem siffigen Kneipenteppich stirbt es sich nicht schön; in der kalten Unterführung noch weniger. Zu Hause - zwischen Dreckwäsche und angefutterten Pizzarändern - entschläft man auch nicht ideal. Und verabschiedet man sich beim russischen Roulette, macht man sich nur lächerlich. Insgesamt ist das Sterben eine eher nachteilige Sache.

Das hätte vielleicht sogar Schopenhauer zugegeben, der nun auch das lebendige, mit Gefühlen und Willen ausgestattete Diesseits nicht unbedingt über den Klee lobte. Den Schopenhauer'schen Pessimismus, die Überzeugung, dass das Weltprinzip irrational und nervig ist, und dass jedes Glück nur als Fata Morgana über dem Boden einer staubtrockenen Langeweile erscheint, kann man sich in Xaver Böhms Debütfilm "O Beautiful Night", der auf der diesjährigen Berlinale Premiere feierte, nun ganz schön vor Augen führen lassen.

Ein Jammertal ist die Welt! Und so sieht sie aus: nachtschattig, trabantenstädtisch und dürftig elektrifiziert. Die Straßen und Plätze sind menschenleer, die Automatencafés und Bordelle schlecht besucht, das Thekenpersonal phlegmatisch, faul und giftig.

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"O Beautiful Night": Schöne Nacht, letzte Nacht

Wenn hier überhaupt irgendwas sympathisch ist, dann ist es der Tod (klar, man muss sich eine Weile an ihn gewöhnen, bis man ihn mag). Der Tod wiederum erscheint wie folgt: männlich, hager, schütteres, nach hinten gekämmtes Haar, kränkliche Züge, aufdringlicher Habitus, gefärbtes Deutsch. Wir sehen ihn das erste Mal an einem Daddelautomaten in einer Spelunke mit dem frech-verlogenen Namen Paradiso lehnen. Dort wartet er, ein Wiener Würstchen knabbernd, auf den Juri.

Träumer ihrer eigenen Geschichte

Der Juri wiederum hatte ein paar Bilder zuvor schon die Totenglöckchen klingeln hören, als ihm im halbwachen Albtraum ein ottfriedpreußleresker Rabe am circa 30-jährigen Herz herumpickte und ihn zur Flucht in die Nacht provozierte.

Dem Juri geht es gar nicht gut nach seinem Traum. Einen Schnaps hätte er jetzt gern, den gibt's im Paradiso aber nicht. Stattdessen ein Kennenlernen mit Gevatter Exitus. Und weil man ja noch was erleben soll, bevor man geht, gönnt der Tod dem Juri noch eine letzte Nacht: einen nicht wirklich surrealen, aber doch einigermaßen irrealen Schlafwandel von Kaschemme zu Kaschemme, von der Peepshow in der Schopenhauerstraße ins Opiumhinterzimmer eines Pflanzenladens, von einem Tisch mit Russischem-Roulette-Kameraden zur wahren Liebe.


"O Beautiful Night"
Deutschland 2019

Regie: Xaver Böhm
Buch: Ariana Berndl, Xaver Böhm
Darsteller: Noah Saavedra, Marko Mandic, Vanessa Loibl
Produktion: Komplizen Film, Das Kleine Fernsehspiel (ZDF), ARTE
Verleih: NFP Marketing & Distribution
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 89 Minuten
Start: 20. Juni 2019


Das Jammertal der Lebenden ist bei Böhm im Grunde schon mausetot. Man erkennt das daran, dass nichts lebendiger ist als der Tod selbst. Marko Mandic spielt den Würgeengel mit einer hübschen Mischung aus mafiösem Bossgehabe und kumpeliger Touchiness. Dabei stört es auch nicht, dass das übrige Personal des Films, allen voran Juri (Noah Saavedra) und seine letzte Liebe, die Nietzsche lesende und Peepshow tanzende Nina (Vanessa Loibl), kaum mehr sind als die passiven Träumer ihrer eigenen Geschichte. Es ist sogar völlig folgerichtig: Wer stirbt, ist schließlich nicht der lebendigste Charakter.

Im Video: Der Trailer zu "O Beautiful Night"

Jieun Yi/ KomplizenFilm

Dass der Regisseur am Ende dieser rabenschwarzen, ziemlich angekränkelten, aber stylisch gefilmten Abschiedstour vom Leben doch noch vom Optimismus träumt, dass sich auf die Nacht noch mal ein Tag ankündigt, mag den Abspann klassisch vorbereiten. Verzeihlich ist es aber auch. Denn was hier an Energie erzeugt wird, ist letztlich nichts anderes als der Wille zu leben.

Gelangweilt von Karriere, Körper und Sex

Im Spiegel des jungen deutschen Films zeigt "O Beautiful Night" deshalb eine schöne Grundsatzrichtung. Schopenhauer'sche Passionsgeschichten haben Konjunktur bei deutschen Kinodebütanten. Hier jammern nicht selten von Karriere, Körper und Sex gelangweilte 30-Jährige ihrem Tod entgegen - auch wenn das Sterben in der Regel nur eine latente Rolle spielt. Suizidale Charaktere gibt es zuhauf im jungen deutschen Kino. Solche, die todestriebgesteuert an Drogen schnüffeln, noch mehr.

Bei Xaver Böhm ist das anders und vor allem weniger sterbensschwer: Die Welt mag ein Jammertal sein, aber der Tod ist letztlich auch keine Lösung. Das ist natürlich stinkbanal. Aber man muss dem Schopenhauer, da ist der junge deutsche Film gelegentlich etwas zu eifrig bei der Sache, ja auch nicht immer gleich doppelt so viel Pessimismus abkaufen, wie er anzubieten hat.



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