"O Brother, Where Art Thou?" Kopfgeldjagende Sirenen und andere Absonderlichkeiten

Geisterbahn durch die Antike: In dem neuen Film der Gebrüder Coen gibt George Clooney den Ulysses auf dem Mississippi.

Von Manfred Müller


Pomadisierter George Clooney (r.): Der beste Clark Gable, den es je gab
AP

Pomadisierter George Clooney (r.): Der beste Clark Gable, den es je gab

Ein junger Schwarzer steht an einer gottverlassenen Wegkreuzung und wartet auf eine Mitfahrgelegenheit. In der Nacht hat er hier dem Teufel seine Seele gegen das Versprechen verkauft, ein erfolgreicher Musiker zu werden. Für den Preis wäre vermutlich auch noch ein Taxi drin gewesen. Aber der Junge ist auch so zufrieden mit dem Deal. Seine Seele habe er bislang eh nicht gebraucht, erzählt er drei entlaufenen Sträflingen, die ihn nach Stunden unter der sengenden Sonne aufgabeln. Und der Zuschauer ahnt erleichtert, dass sich in dieser absonderlichen Komödie letztlich alles zum Guten wenden wird.

Der neue Film der Brüder Ethan und Joel Coen spielt am Mississippi, in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Aber eigentlich hat der altgriechische Fantasy-Bestsellerautor Homer mit seiner "Odyssee" die Vorlage geliefert. Der antike Rahmen markiert den Fahrweg einer Geisterbahn, auf der die Coens mit dem Zuschauer Schlitten fahren.

Hier ist nichts, wie es ein gesunder Verstand erwartet, und exzentrisch wäre eine vornehme Umschreibung für die absonderliche Gemütslage der Menschen, die uns hier vorgeführt werden. Ein Bibelverkäufer ist von zyklopischer Boshaftigkeit, ein honoriger Gouverneurskandidat ein heimlicher Ku-Klux-Klan-Scherge, ein gestandener Mann scheint plötzlich in einen Frosch verwandelt, und drei singende Sirenen bei einer rituellen Waschung im Fluss erweisen sich als dreiste Kopfgeldjäger.

"O Brother, Where Art Thou?": Eine Hymne auf den Süden
UIP

"O Brother, Where Art Thou?": Eine Hymne auf den Süden

Das alles sind Stationen auf der Flucht des Everett Ulysses McGill, gespielt von George Clooney, und seiner beiden Spießgesellen Pete und Delmar (John Turturro und Tom Blake Nelson), die sich von ihrer Sträflingsbrigade absentiert haben. Fußfesseln zwingen die drei zum gemeinsamen Vorgehen, und Ulysses hat den Kollegen gleiche Anteile an einem angeblichen Goldschatz versprechen müssen, damit sie sich ihm anvertrauen. Dabei will er eigentlich nur zurück zu seiner Frau, gespielt von Holly Hunter, die gerade im Begriff ist, einen hochnäsigen Lackaffen zu heiraten. Aber das wäre schon das Ende vom Lied, in dem die Coens eine vielstrophige Hymne auf das Pandämonium des Süden anstimmen.

Der für deutsche Zungen leicht anstößige Titel spielt auf Preston Sturges "Sullivans Reisen" an, eine Gesellschaftssatire aus den frühen Vierzigern, in der ein Komödienregisseur die Südstaaten bereist, um den Stoff für ein Sozialdrama zu finden. Auch sonst sparen die Coens nicht mit Referenzen an Film-, Kultur- und Zeitgeschichte. John Turturro ist unberechenbar wie Warren Oates in Peckinpahs "The Wild Bunch", Tim Blake Nelson so verlaust wie Festus Haggen aus "Rauchende Colts", und der pomadisierte George Clooney als Ulysses ist wohl der beste Clark Gable, den es je gab.

"O Brother, Where Art Thou?" ist eine Butterfahrt über den Mississippi, an der Demarkationslinie zwischen göttlichem Erbarmen und teuflischer Intrige entlang, wo keine noch so abenteuerliche Drehbuchwendung unseren Glauben an die Filmautoren erschüttert. Eine Reise auch durch die eigentümliche Musik zwischen Gospel und Blues. Vielleicht ist der ganze Spaß intellektuell abgehoben, die Brüder Coen sind nicht die Farrellys oder die Wayans, sophisticated zwar, aber doch drastisch derb und einfach komisch.

"O Brother, Where Art Thou?". USA 2000. Regie: Joel Coen; Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen; Darsteller: George Clooney, John Turturro, Tim Blake Nelson, John Goodman, Holly Hunter. Verleih: UIP; Länge: 106 Minuten. Start: 19.10.00.



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