"Ocean's Eleven" Cool, cooler, Soderbergh!

Trotz George Clooney, Brad Pitt und Julia Roberts ­ bei "Ocean's Eleven" ist allein der Film der Star. Mit seinem Remake des Sechziger-Jahre-Ganovenstücks mit Frank Sinatra und Dean Martin erhebt Steven Soderbergh das Mainstream-Kino Hollywoods zur Kunstform.

Von Oliver Hüttmann


Soderberghs Star-Aufgebot: George Clooney, Brad Pitt, Matt Damon, Elliott Gould, Don Cheadle (v.l.)
Warner Bros.

Soderberghs Star-Aufgebot: George Clooney, Brad Pitt, Matt Damon, Elliott Gould, Don Cheadle (v.l.)

Steven Soderbergh war schon einmal Hollywoods Darling, damals, 1989, nach "Sex, Lügen und Video". Die Goldene Palme von Cannes und eine Oscar-Nominierung für das Drehbuch hatte sein intimes, formell freches Spielfilmdebüt erhalten. Alle erwarteten große Dinge von ihm. Doch dann hat er es sich vermasselt mit der selbstgefälligen, seelenlosen Brillanz seiner schwarz-weißen Kunstanstrengung "Kafka". Die Studiobosse schrieben ihn als Sonderling ab, und Soderbergh drehte in den Neunzigern schmal bemessene Schmuckstücke statt hoch budgetierte Meisterwerke. Soderbergh fühlte sich missachtet wie einst Orson Welles, der stets über die Krämer und Kleingeister des Kinos geschimpft hatte - aber dieser Vergleich ist nun doch zu vermessen. Eher wäre er fast geendet wie Allen Baron, der sich 1961 nach seiner stilvollen Killerballade "Blast Of Silence" verzettelte und nur noch als Drehbuchlektor unterkam.

Macht Kunst aus Mainstream-Kino: Regisseur Soderbergh
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Macht Kunst aus Mainstream-Kino: Regisseur Soderbergh

Aus der Schmollecke seiner Künstlerklause gerettet hat Soderbergh dann Danny DeVito, dessen Firma Jersey Films die Erfolge "Out Of Sight" (1998) und "Erin Brockovich" (2000) produzierte. Und obwohl er dazwischen mit "The Limey" noch einmal in erzählerische und optische Manierismen auswich, hat sich bei ihm letztlich wohl doch noch die Erkenntnis durchgesetzt, dass man sein Talent nicht nur an Mittelmaß, sondern auch an die eigene Exzentrik verschwenden kann. So wurde schließlich wahr, was immer wieder Hollywoods Mythos nährt: "Erin Brockovich" und sein essayistischer Drogenthriller "Traffic" wurden Kassenerfolge und Soderbergh mit beiden Filmen im selben Jahr für den Regie-Oscar nominiert. Das hatte bisher nur George Cukor 1938 geschafft. Aber Soderbergh gewann ihn dann auch.

Als nächstes Projekt hat er nun mit "Ocean's Eleven" ein Remake gewählt, an dem er wie vor zehn Jahren wieder hätte scheitern können, und zwar schlicht, weil die Legende zu groß ist. Zwar ist das Original von Lewis Milestone über einen dreisten Casino-Raub in Las Vegas filmisch nicht unbedingt bemerkenswert und kaum noch jemandem im Gedächtnis geblieben. Aber dieses Ganovenstück, in Deutschland bekannt als "Frankie und seine Spießgesellen", vereinte 1960 ein einziges Mal das so genannte Rat Pack aus Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis Jr. und Peter Lawford vor der Kamera. Allein am Nimbus dieser Herrenriege wird vielfach nun Soderberghs Neuverfilmung gemessen. Da werden Elogen auf ihr Charisma verfasst, wird über Coolness referiert und den Stil, in dem Frankieboy eine Zigarette und Dino das Whiskyglas hält. Und man ahnt, dass dem heute kaum etwas entgegenzusetzen ist.

Unaufgeregte Schönheit: Julia Roberts
Warner Bros.

Unaufgeregte Schönheit: Julia Roberts

Soderbergh hat immerhin George Clooney und Brad Pitt. Das ist schon sehr viel, denn jene sind sicher die derzeit lässigsten Typen von Hollywood ­ neben Bruce Willis und Billy Bob Thornton, die Barry Levinson gerade in seiner modernen Interpretation von "Zwei Banditen" besetzt hatte. Dennoch besitzt der schöne Clooney mehr einen weltlichen Charme wie Cary Grant statt die letztlich undefinierbare Aura des eher unansehnlichen Sinatras, dessen Rolle als Danny Ocean er hier übernimmt. Der ebenso schöne Pitt wiederum spielt mit augenzwinkernder Ruhe so ganz anders als Martin mit seiner schmalzigen Geschwätzigkeit. Sinatra und Martin waren immer auch Schmerzensmänner, sehnsüchtige Zyniker. Clooney und Pitt sind nur Profis.

Soderbergh weiß das - und verfährt daher genau umgekehrt wie Lewis Milestone. Er setzt nicht nur auf die Coolness der Stars, sondern hat den Film selbst - als Monument der Coolness - zum Star erhoben: Er ist eine ganz und gar entspannte, elegante, erlesene Vollendung filmtechnischer Möglichkeiten. Soderbergh nutzt extreme Zoomaufnahmen und Zeitlupe, spielt mit pfiffigen Schnitten und Parallelmontagen und jongliert immer wieder mit einer asynchronen Struktur und narrativen Aufsplitterungen, indem er Rückblenden und verschiedene Zeitebenen einbaut, Bilder und Dialoge überlappen lässt. Das Kunststück dabei ist, dass er damit weder die Story vernachlässigt noch den Zuschauer überfordert, sondern der Formelhaftigkeit eines schon oft ähnlich angelegten Überfall-Plots entgeht. Soderbergh hält die Fäden in der Hand wie Danny Ocean beim größten Coup seines Lebens.

Profis statt Schmerzensmänner: Rat-Pack-Nachfolger Pitt, Clooney
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Profis statt Schmerzensmänner: Rat-Pack-Nachfolger Pitt, Clooney

In aller Ausführlichkeit wird gezeigt, wie Ocean kurz nach seiner Entlassung aus dem Knast sein Team zusammenstellt und einen Überfall auf den Sicherheitstresor dreier Casinos vorbereitet. Don Cheadle ("Traffic") nimmt dabei als Sprengstoffexperte den Part von Sammy Davis Jr. ein, Matt Damon komplettiert als Taschendieb und Peter-Lawford-Ersatz die Viererbande. Hinzu kommen noch ein Überwachungsspezialist, ein asiatischer Akrobat, ein alter Trickbetrüger (Carl Reiner), ein Kraftmensch, ein Elektronikfreak und zwei Brüder als Fahrer und Verkleidungskönner. Kino-Veteran Elliott Gould spielt - kaum wiederzuerkennen - einen herrlich tuntigen Ex-Casinobesitzer, der den Raub finanziert. Er wurde aus dem Geschäft gedrängt vom Unternehmer Terence Benedict, mit frostiger Unnachgiebigkeit perfekt dargestellt von Andy Garcia, dem die anvisierten Objekte gehören. Gould und Garcia übertrumpfen beinahe sogar Clooney und Pitt.

Erst nach etwa der Hälfte des Filmes tritt dann Julia Roberts als Oceans Ex-Frau Tess auf, die mittlerweile mit Benedict liiert ist. Glamourös und gefasst wirkt sie, so wie überhaupt der ganze Film in unaufgeregter Schönheit glänzt. Kurze Emotionsausbrüche verebben in den schicken Salons und Bars der Hotels, kein Problem bringt Ocean und seine Elf aus der Ruhe. Die Dialoge sind trocken und klirren manchmal wie Eiswürfel im Glas. Zwei, drei Drinks nur werden getrunken, was weniger eine Lebensart symbolisiert, sondern vielmehr dem Filmstil dient, wenn Soderbergh über zwei Whiskygläser von einer Szene zur nächsten überleitet. Geraucht wird im heutigen Hollywood-Film natürlich auch nicht mehr. Dafür darf Pitt dann bei jedem Auftritt etwas essen, Chips, Shrimps oder Bonbons ­ und am Ende einen leisen Rülpser machen.

Stilistische Augenweide: "Ocean's Eleven" (Darsteller Roberts, Clooney) fließt elegant dahin
Warner Bros.

Stilistische Augenweide: "Ocean's Eleven" (Darsteller Roberts, Clooney) fließt elegant dahin

Soderberghs "Ocean's Eleven" ist also eine Augenweide, ein Triumph an Präzision, Gelassenheit und Eigensinn über das Diktat des Mittelmaßes und der Schemata vieler Hollywood-Filme. Er groovt so flüssig dahin, wie sein kongenialer Soundtrack aus Jazz und Lounge-Elektronika, den der Brite David Holmes mit vielen Zitat-Versatzstücken geschmackvoll zusammenbastelte. Mit dem Original hat das nichts mehr gemeinsam. Dafür zitiert Soderbergh subtil viele Klassiker des Genres - von "Der Clou" über "Topkapi" und "Die gefürchteten Vier" bis "Getaway". Eine Danksagung sollte er übrigens auch Quentin Tarantino schicken, dem eigentlichen Meister des Coolen, ohne dessen "Pulp Fiction" schon Soderberghs "Out Of Sight" in seiner letztlichen Form kaum entstanden wäre. Tarantino war auch mal Hollywoods Darling. Nun scheinen ihm die Ideen ausgegangen zu sein, und Soderbergh ist statt seiner das, was Hollywood schon damals aus ihm machen wollte: ein Blockbuster-Regisseur, der aus dem Mainstream wieder eine Kunstform macht.

"Ocean's Eleven" (Ocean's Eleven). USA 2001. Regie: Steven Soderbergh; Drehbuch: Ted Griffin; Darsteller: George Clooney, Brad Pitt, Julia Roberts, Matt Damon, Andy Garcia, Don Cheadle, Elliott Gould. Produktion: NPV Entertainment/Jerry Weintraub Productions; Verleih: Warner Bros.; Länge: 116 Minuten; Start: 10. Januar 2001.



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