Odyssee im Weltraum Blick zurück nach Übermorgen

Raumfahrt für jedermann, eiffelturmgroße Kernkraftwerke und weltumspannende Rohrpostsysteme? Meistens kommt alles ganz anders, als Utopisten es sich ausgemalt haben - manchmal aber auch nicht. Teil fünf der SPIEGEL-ONLINE-Serie über erfüllte und unerfüllte Visionen.

Von Hans-Arthur Marsiske


Prophezeite Satelliten-Netze: "2001"-Autor Arthur C. Clarke
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Prophezeite Satelliten-Netze: "2001"-Autor Arthur C. Clarke

Nun schreiben wir also das Jahr 2001. Wir haben Virtuelle Realität, Internet, Mobiltelefone - aber die Odyssee im Weltraum findet weiterhin nur im Kino statt. Seit Beendigung des Apollo-Programms hat kein Mensch mehr den erdnahen Orbit verlassen. Niemand hat seitdem die Erdkugel mit eigenen Augen gesehen, keine Frau konnte bisher diesen Anblick genießen. Die kosmischen Utopien brauchen für ihre Realisierung offenbar erheblich länger, als ursprünglich gedacht.

Das hatten sich die Raumfahrtingenieure in den fünfziger und sechziger Jahren noch ganz anders vorgestellt. Von einer bemannten Mission zum Mars im Jahr 1984 oder 1986 war da die Rede. Bei einer Veranstaltung zur Erinnerung an den amerikanischen Raketenpionier Robert Goddard im Jahr 1966 verstieg sich der Nasa-Mitarbeiter Eugene Konecci gar zu der Prognose: "In vierzig Jahren wird es auf dem Mars 'Städte' unter riesigen Plastikkuppeln geben, in denen irdische Bedingungen aufrecht erhalten werden. Dann ist auch die 'Raumfahrt für jedermann' möglich." Es dürfte länger als noch einmal 40 Jahre dauern.

Utopie-Illustration aus dem DDR-Buch "Weltall - Erde - Mensch": Technischer Größenwahn

Utopie-Illustration aus dem DDR-Buch "Weltall - Erde - Mensch": Technischer Größenwahn

Ähnlich ernüchternd entwickelte sich die Nutzung der Kernenergie, von der man sich damals noch die Lösung aller Energieprobleme der Menschheit erhoffte. In dem Buch "Weltall - Erde - Mensch", das jungen DDR-Bürgern zur Jugendweihe überreicht wurde, wird in der Ausgabe von 1966 das "Kraftwerk von übermorgen" folgendermaßen beschrieben: "Sicher wird es die Höhe des Eiffelturmes erreichen. Die Kühlwassermengen, die es verschlingen wird, werden unsere Binnenseen als lächerliche Pfützen erscheinen lassen; seine Trinkschalen werden die Meere sein. Gezündet wird es vielleicht durch zwei Ladungen festen Wasserstoffs, die durch Vakuumkanäle von etwa 100 km Länge in den 'Reaktorraum" befördert werden, mit Geschwindigkeiten, die zehnmal größer sind als die der künstlichen Erdtrabanten." So etwas nennen wir heute technischen Größenwahn.

Aber nicht immer liegen Ideen und Prognosen für die Zukunft so daneben. "2001"-Co-Drehbuchautor Arthur C. Clarke schlug 1945 in der Zeitschrift "Wireless World" vor, drei Satelliten im geostationären Orbit in knapp 36.000 Kilometern Höhe zu platzieren und sie als Relaisstationen für ein weltumspannendes Kommunikationssystem zu nutzen. Den durchschlagenden Erfolg, den diese Idee später auch in kommerzieller Hinsicht hatte, kommentierte Clarke in einem Artikel mit dem Titel: "Wie ich in meiner Freizeit eine Milliarde Dollar verlor und Telstar erfand."

Blick zurück nach übermorgen: Bellamy-Buch "Looking Backward 2000 - 1887"

Blick zurück nach übermorgen: Bellamy-Buch "Looking Backward 2000 - 1887"

Selbst über größere zeitliche Distanzen reichende Visionen können gelegentlich zutreffen. So inspirierte die Magie der Jahreszahl 2000 schon im 19. Jahrhundert Autoren, über die Zukunft zu spekulieren. Der amerikanische Schriftsteller Edward Bellamy etwa erzählt in seinem 1888 erschienenen, utopischen Roman "Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887" von einem Bostoner Bürger, der nach 113-jährigem Schlaf in einem Amerika erwacht, das von planvoll gestalteten Städten, Vollbeschäftigung, materiellem Wohlstand, allgemeiner Gesundheit und sozialer Harmonie gekennzeichnet ist. Bellamy stellte sich vor, dass die Güterverteilung in der Zukunft durch ein Rohrpostsystem erfolgen würde, an das alle Warenmagazine in den Städten und Dörfern angeschlossen wären.

Während er mit dieser Prognose offensichtlich irrte, zeigte er sich bei der Idee vom zukünftigen Zahlungsmittel treffsicherer. "Heute gilt in Europa eine amerikanische Kreditkarte geradeso wie ehemals amerikanisches Gold", schrieb er. "Ein Amerikaner, der Berlin besucht, präsentiert dort seine Kreditkarte im Büro des Bundesrats und empfängt für ihren ganzen oder teilweisen Betrag eine deutsche Kreditkarte." Ganz so kompliziert ist es nicht, aber im Prinzip überraschend gut vorhergesehen.

Auch der deutsche Schneidergeselle Wilhelm Weitling, Verfasser der ersten kommunistischen Programmschrift der deutschen Arbeiterbewegung, projizierte seine revolutionären Hoffnungen gelegentlich auf das Jahr 2000. "Ehe das zweite Tausend nach Christi sich füllt", schrieb er im März 1851, "ja vielleicht ehe 100 Jahre vergehen, lehren wir eine unter allen Völkern und in allen Schulen eingeführte Universalsprache. Der bisherige Gang der Erfindungen in der Vervollkommnung der Verkehrs- und Mitteilungsmittel macht die Anbahnung dieser Reform durchaus notwendig." Man könnte Kommunikationsstandards wie http oder ftp als so eine Art Universalsprache ansehen, aber das wäre vielleicht etwas zu viel an Interpretation. In einem anderen Punkt jedoch erwies sich Weitling als ungemein hellsichtig.

Buchillustration "Weltall - Erde - Mensch": Die kosmischen Utopien brauchen länger als gedacht

Buchillustration "Weltall - Erde - Mensch": Die kosmischen Utopien brauchen länger als gedacht

Im Jahr 1854 musste er sich das Scheitern seiner Versuche eingestehen, in einer kleinen Kolonie im US-Bundesstaat Iowa kommunistische Prinzipien zu verwirklichen. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass selbst ein kommunistisch regierter Staat dazu nicht in der Lage wäre. Durch den Zwang zum Aufbau einer militärischen Verteidigung und den Handel mit dem kapitalistischen Ausland, so Weitling, wäre ein solcher Staat zu Kompromissen gezwungen.

In einem Gedankenspiel stellte Weitling sich ein sozialistisches Deutschland vor. Damals verließen jedes Jahr Hunderttausende Deutsche ihr Heimatland. Weitling rechnete vor, was für einen Aderlass an gut ausgebildeten Arbeitskräften das bedeutete, und vermutete, dass eine sozialistische oder kommunistische Regierung genötigt wäre, eine solche Auswanderungswelle "einzuschränken und ihr verhältnismäßig entsprechende Lasten aufzulegen". Seine Schlussfolgerung: "Die bedeutenden Kosten stehender Heere, einer Flotte, der Bau und die Erhaltung von Festungen, eine Armee von Grenzjägern und Mautbeamten blieben doch hier auf Seite eines isoliert dastehenden, sozialistischen Staates, sowie die dadurch leichter erregte und genährte Unzufriedenheit des Volkes. Nebenher noch die Gefahren eines solchen Zustandes für die jungen Freiheiten und Institutionen des Landes und die stete Aussicht nach Innen und nach Außen mit den angedeuteten ökonomischen Reformen einen Friedensbruch herbeizuführen."

Im Rückblick klingen diese Worte geradezu prophetisch. Weitling dürfte der erste Kommunist gewesen sein, der den Bau der Berliner Mauer und die damit verbunden Probleme vorausgeahnt hat. Damit hat er zugleich einen der wohl überzeugendsten Belege dafür geliefert, wie realistisch utopisches Denken manchmal sein kann.



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