Odyssee im Weltraum Die dunkle Seite der Intelligenz

Beifallsorkan zum Berlinale-Abschluss für die restaurierte Fassung von Stanley Kubricks Geniestreich "2001 - Odyssee im Weltraum". Am Donnerstag kommt das revolutionäre Werk erneut in die Kinos. Was blieb von Kubricks Zukunfts-Fiktion? Auftakt einer SPIEGEL-ONLINE-Serie über erfüllte und unerfüllte Visionen.

Von Marc Hairapetian


"2001 - Odyssee im Weltraum": Blick auf die eigene Wiedergeburt
Internationale Filmfestspiele Berlin

"2001 - Odyssee im Weltraum": Blick auf die eigene Wiedergeburt

Das hatte es wohl bei einer Berlinale-Pressevorführung zuvor noch nie gegeben: Ständig neu einsetzender Applaus im Filmabspann für die Namenseinblendungen der einzelnen Stabmitglieder. So geschehen Sonntagmittag bei der Erstaufführung der restaurierten Fassung von Stanley Kubricks Meisterwerk "2001 - Odyssee im Weltraum". Ansonsten eher hartgesottene Journalisten spendeten sogar den längst verstorbenen Komponisten Johann Strauß, Richard Strauss und Aram Khatchaturian Beifall. Am Abend wiederholte sich der Begeisterungsorkan im Berlinale-Palast: Die offizielle Abschlussveranstaltung der 51. Internationalen Filmfestspiele geriet zum postumen Triumph für das unvergessene Regiegenie Kubrick (1928 - 1999). Seine im Kino anwesende Witwe Christiane war über den Enthusiasmus des illustren Publikums sichtlich gerührt.

"Journey Beyond The Stars"

"Willst du den definitiven Science-Fiction-Film mit mir machen?", fragte Kubrick im Frühjahr 1965 den auf Sri Lanka lebenden britischen Schriftsteller Arthur C. Clarke. Und ob dieser wollte. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und einer äußerst fruchtbaren Zusammenarbeit, die nicht nur (trick-)technisch die Kinematografie revolutionieren sollte. Clarkes 1953 erschienene Kurzgeschichte "The Sentinel" nahm Kubrick zum Anlass, in gemeinsamer Meditation ein Breitwand-Essay über das Verhältnis des Menschen zum Universum zu entwerfen. Der ursprüngliche Werktitel lautete "Journey Beyond The Stars".

Raumschiff "Discovery": Zentrifuge von 12 Metern Durchmesser
Internationale Filmfestspiele Berlin

Raumschiff "Discovery": Zentrifuge von 12 Metern Durchmesser

Die Lektüre von Homers "Irrfahrten des Odysseus" inspirierte Kubrick schließlich zum endgültigen Namen. Als Starttermin wurde von der Verleihfirma MGM das Jahr 1966 angegeben. Es kam zu einem erbitterten Kopf-an-Kopf-Rennen mit der 20th Century Fox, die ihre satirische Utopie "Planet der Affen" unbedingt vor "2001" herausbringen wollte und dies auch schaffte. Die Weltpremiere von Kubricks Space Opera war dann tatsächlich erst am 2. April 1968 in Washington. Nach der einen Tag später stattfindenden, insgesamt eher enttäuschend verlaufenden New Yorker Uraufführung straffte Kubrick den laut zeitgenössischer Kritik "zehn Millionen Dollar teuren Undergroundstreifen" um 17 Minuten. Binnen kürzester Zeit sollte der knapp zweieinhalbstündige Film bei der Flower-Power-Generation Kultstatus erreichen

33 Jahre später, im magischen Kubrick-Jahr also, war die meistgestellte Fanfrage im Vorfeld der Berlinale: Kriegen wir die ungeschnittene Version zu sehen? Seit gestern lautet die Antwort "Nein". "Dies wäre nicht in Stanleys Sinn", erklärt Nachlassverwalter Jan Harlan, der "außer Konkurrenz" mit der dreiteiligen Dokumentation "A Life in Pictures" für Furore sorgte. "Er hat '2001' so in die Welt geschickt, und es wäre ungebührlich, etwas zu verändern." Die längere Spieldauer von 156 Minuten entsteht "lediglich" durch das Einfügen der ursprünglichen Ouvertüre bzw. Pausenmusik des Avantgarde-Komponisten György Ligeti. Und so behält der philosophischste aller SF-Filme ein weiteres Geheimnis.

Der berühmteste Schnitt der Kinogeschichte

Visionär Kubrick: "Eventuell wird man zu reiner Energie"
AP

Visionär Kubrick: "Eventuell wird man zu reiner Energie"

In der mysteriösen Geschichte geht es um Quantensprünge in der Entwicklung der Menschheit. Ein in grauer Vorzeit plötzlich auftauchender schwarzer Monolith befähigt die ihn betastenden Vorläufer des Homo sapiens zum bewussten Denken. Im berühmtesten Schnitt der Kinogeschichte schleudert der Anführer der Affenherde seinen als Waffe gebrauchten Knochen in den grauen Himmel, denn die allen Fortschritt ausmachende dunkle Seite der Intelligenz geht scheinbar stets mit Gewaltanwendung einher. In der Zeitlupen-Drehung wird er zu einem Raumschiff, das im ¾ Takt von "An der schönen blauen Donau" elegant durchs Weltall gleitet.

Im Jahr 2001 taucht dann der seltsame Steinquader wieder auf dem Mond auf. Er sendet ein Signal zum Jupiter aus, und das Expeditionsschiff "Discovery" samt dem sensiblen, aber rachsüchtigen Bordcomputer HAL 9000 versucht, sein Rätsel zu ergründen. Am Ende blickt der letzte Überlebende, um Jahrzehnte gealterte Astronaut Dave Bowman (Keir Dullea) nach einer Reise durch einen psychedelischen Lichttunnel auf seine eigene Wiedergeburt.

"Nonverbales Ereignis

Dieser an sich zutiefst romantische Gedanke, die Suche nach dem Ursprung des Ganzen (nennen wir es ruhig "Gott") und die verblüffend authentisch wirkende Machart lassen "2001" noch im Jahr 2001 so authentisch wirken. Trotz des kongenialen Einsatzes klassischer Melodien, die der "Musiker unter den Filmemachern" als emotionales und intellektuelles Stilmittel einsetzte, ist das Zukunftsepos vor allem eine überwältigende Demonstration der Stille im All: Bei Außenarbeiten der Astronauten hört man nur das Atmen in ihren Raumanzügen, da sich Schallwellen im Weltraum nicht fortpflanzen. Kubricks akribischer Perfektionismus ging so weit, dass er Nasa-Experten für die Konstruktion der Flugmodelle engagierte. Die Vickers Engineering Group baute ihm eine Zentrifuge von 12 Metern Durchmesser, die in den britischen Borehamwood-Studios das Kernstück der "Discovery" bildete. Durch ihre Eigendrehung sorgte die große Trommel in ihrem Innern für künstliche Schwerkraft an Bord.

Sensibel und rachsüchtig: Intelligenter Bordcomputer HAL 9000 (M.)
MGM

Sensibel und rachsüchtig: Intelligenter Bordcomputer HAL 9000 (M.)

Und noch ein Verdienst gebührt "2001": Außerirdische werden hier nicht als blutrünstige Aliens gezeigt, sondern kommunizieren mit den Erdlingen als materielose Intelligenzen. "Wenn die hochentwickelte Wissenschaft die Sterblichkeit überwunden hat, wird man halb Tier, halb Maschine, dann ganz Maschine", sagte Kubrick 1968 der "New York Times" in einem seiner seltenen Interviews. "Eventuell wird man zu reiner Energie. Reiner Geist ist vielleicht die ultimative Form der Intelligenz. Und alle Mythologie - die sicherlich die Sehnsüchte der Massenpsychologie ausdrückt - richtet sich auf diesen Endzustand aus." Ansonsten verweigerte er eindeutige Erklärungen, beschränkte sich darauf, die extrem feinkörnige 70mm-Super-Panavision-Produktion als "nonverbales Ereignis" zu bezeichnen und ließ den Zuschauern ihre eigenen Interpretationen. Diese werden sicherlich mannigfaltig sein, wenn "2001" in optimaler Bild- und Tonqualität am 22. Februar in den deutschen Kinos neu startet.



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