"Ohne Phantasie keine Zukunft" SPIEGEL-Interview mit dem amerikanischen Science-Fiction-Autor Ray Bradbury

Ray Bradbury, 57, schrieb Science-Fiction-Erzählungen, von denen einige Preise für die beste amerikanische Shortstory erhielten. Der in Los Angeles lebende Autor berät das Jet Propulsion Lab in Pasadena; sein Roman "Fahrenheit 451", Utopie eines Terror-Staats und dessen Überwindung, wurde von Truffaut verfilmt.

SPIEGEL:

Gibt es eine neue Science-Fiction-Welle in Amerika, die durch die Erfolge von "Krieg der Sterne" und "Unheimliche Begegnung" ausgelöst wurde?

Bradbury: Diese Welle gibt es schon seit dreißig Jahren. Mag sein, daß die Menschen sie jetzt ein bißchen ernster nehmen. Die Kinder sind interessiert - und den Lehrern wird das Interesse von ihren Schülern beigebracht.

SPIEGEL: Aber dabei handelt es sich doch um Zukunftsphantasien.

Bradbury: Science Fiction hat überhaupt nicht das geringste mit der Zukunft zu tun, sie handelt nur von heute. Und das, womit man sich heute beschäftigt, das ändert das Morgen. Man kann die Zukunft nicht haben, wenn man nicht an ihr aktiv mit seiner Phantasie in der heutigen Welt arbeitet.

SPIEGEL: Wie beeinflußt Ihrer Meinung nach die Science Fiction unsere gegenwärtige Welt?

Bradbury: Indem sie die Kinder motiviert, so daß sie während ihres Erwachsenwerdens den Wunsch, die Welt zu verändern, verspüren. Denn von nichts anderem handelt SF: Als ich zehn, elf Jahre alt war, habe ich den Mars durch die Bücher von Edgar Rice Burroughs und John Carter kennengelernt. Ich habe über den Mars auch in anderen Romanen etwas gelesen, ich habe, als ich 15 war, bei H. G. Wells etwas über die Raumfahrt gelesen. Und ich beschloß, erwachsen zu werden und an dieser Welt mitzubauen.

SPIEGEL: Die heutige Raumfahrt ist also eine Folge der SF?

Bradbury: Wernher von Braun und seine Mitarbeiter in Deutschland, all die Leute in Houston und Cape Kennedy haben als Kinder H. G. Wells gelesen, haben Jules Verne gelesen und sich dazu entschlossen, das alles wahr zu machen, wenn sie erwachsen wären. Und das hat sich bei Gott gelohnt. Wernher von Braun hat Fritz Langs Film "Die Frau im Mond" in Berlin 1929 gesehen, ist aus dem Kino gekommen und hat gesagt: "Ich will eine Rakete bauen, ich will zum Mond." Und wegen dieses Films, wegen eines Stücks Science Fiction, sind wir jetzt wirklich auf dem Mond.

SPIEGEL: Das Interesse an SF hat sich also durch die beiden jüngsten Filme nicht verändert?

Bradbury: Ich glaube nicht. Das Interesse war immer da, nur war Hollywood zu dumm, es zu bemerken. Vor neun Jahren lief "2001". Warum haben die in Hollywood nichts davon gelernt? "2001" hat doch Millionen von Dollar gebracht und war damit einer der erfolgreichsten Filme bis zum "Weißen Hai", zum "Krieg der Sterne" und der "Unheimlichen Begegnung". Und alle diese vier Filme sind doch "Fantasy". Also war doch das Publikum für gute Ideen immer offen. Das Faszinierende an der "Unheimlichen Begegnung" ist, daß es alle politischen Richtungen, alle Religionen, alle Hautfarben, alle Altersgruppen einbezieht.

SPIEGEL: Und wie steht es mit "Krieg der Sterne"?

Bradbury: "Krieg der Sterne" ist die alte "Flash Gordon"-Kiste, die alte Comic-Geschichte. Das hat (Regisseur) Lucas auch zugegeben; er sagt, daß er die "Flash Gordon"-Sachen liebt, und deshalb hat er jetzt auch eine gemacht. "Krieg der Sterne" ist also wieder einmal der Weltkrieg Nummer 2, es ist jeder Krieg in der Geschichte, mit all seinen Blödheiten. Der Film macht sich über die Heldentaten lustig und bereitet uns Spaß, weil wir gern sehen, wie Menschen in die Luft gesprengt werden, ohne daß sich wirklich jemand weh dabei tut.

SPIEGEL: Präsident Carter hat behauptet, daß er Ufos gesehen hat. Was halten Sie davon?

Bradbury: Ich wünschte, ich könnte auch eins sehen. Ich habe viele Freunde, die welche gesehen haben, und ich glaube ihnen - bis zu einem gewissen Grad. Wenn sie mir bestimmte Sachen erzählen, stehen mir die Haare zu Berge. Also muß was dran sein. Wahrscheinlich stimmt da nur eine geringe Prozentzahl, beim Rest handelt es sich um Wetterballons und ähnliches. Aber ich meine: Wenn seltsame Geschöpfe auf dem Mond landen können, warum sollten dann nicht andere seltsame Geschöpfe auf der Erde landen können? Also muß man sich für alles offen halten.

SPIEGEL: Wir brauchen also Filme, die über Ufos spekulieren?

Bradbury: Wenn wir sie nicht brauchten, würden wir uns die nicht ansehen. Wenn man total von der Technik, von Technologien und Computern umstellt ist und niemand darüber schreibt oder Filme darüber macht, dann entsteht ein schrecklicher Hunger. Man sagt sich: Da fehlt doch etwas - was kann das ein? Die Artikulation dieses Bedürfnisses sieht man jetzt auf der Leinwand.

DER SPIEGEL 6/1978
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