Irreal schöne Hollywood-Hommage Träum weiter, Tarantino

Kino gegen TV, altes gegen neues Hollywood - und alle zusammen gegen die Hippies. Quentin Tarantinos "Once Upon a Time"-Variation zeigt die Umbrüche der Unterhaltungsindustrie - mit aus der Zeit gefallener Opulenz.

Sony Pictures

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Man muss sich "Once Upon a Time in Hollywood" als letzten Film seiner Art vorstellen. Ganze Straßenzüge in Los Angeles wurden dafür in Retro-Verkleidung gesteckt; in offenen Sportwagen rauschen die Figuren an blinkenden Billboards, Kinotafeln und Diner-Anzeigen vorbei. Breitwandfixiert, schauwertverschwenderisch und tiefenscharf auftrumpfend bis ins letzte vermeintlich unwichtige Werbeplakat am Hollywood Boulevard funktioniert Quentin Tarantinos Huldigung an die alte, in dieser Form längst abgewickelte Unterhaltungsindustrie Amerikas eigentlich nur auf der großen Leinwand.

Und doch beginnt dieser Cinephilentraum ausgerechnet mit einer Sequenz, die im kleinen, quadratischen Fernsehformat und in schwarz-weiß gedreht wurde: Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), Star der Westernserie "Bounty Law", doziert Mitte der Sechzigerjahre vor Westernstadtkulisse in das Mikro eines TV-Reporters über seine Arbeit als quotenverwöhnter TV-Kopfgeldjäger; neben ihm sein Stuntdouble Cliff Booth (Brad Pitt), der die gefährlichen Parts übernimmt. Es klugscheißen zwei Könige des Kastenformats.

Wie sich im Verlauf der Handlung erweist, handelt es sich bei der Fernsehen-im-Film-Szene um einen Rückblick auf die besseren Zeiten der beiden Helden. Es ist das Jahr 1969, Dalton kriegt inzwischen keine Hauptrollen beim TV mehr und muss sich in den immer gleichen Bösewicht-Nebenrollen in Kinoproduktionen durchschlagen; Booth fungiert als Tröster, Fahrer und Hausmeister, der auf dem Dach von Dalton die Antenne repariert, damit der Boss mit Frozen-Margarita-Kübeln auf dem Schoß die Fernsehkarrieren der anderen verfolgen kann.

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"Once Upon a Time in Hollywood": Hollywood, überlebensgroß

Fernsehen als Königsdisziplin, Kino als künstlerischer Abstieg, schöne Pointe. Die meisten alten Kinomeister der Gegenwart hassen ja das Fernsehen, sind aber durch den Siegeszug der Streamingdienste dazu verdammt, im kleinen, verachteten Format zu drehen. Nur der inzwischen ebenfalls alte Meister Quentin Tarantino liebt das Fernsehen (zumindest das, mit dem er aufgewachsen ist) - doch er ist der einzige, der noch weiter großes Kino machen darf.

TV-Suffkopp mit angeklebtem Fusselbart

Seine für 100 Millionen Dollar im wuchtigen Wechselspiel auf 35 mm, 16 mm und 8 mm entstandene Hollywood-Hymne feiert Fernsehen und Kino nun als sich immer wieder bekämpfende und befeuernde Kraftströme: In einer virtuos aufgebauten Szene lässt er den TV-Suffkopp Dalton bei einem Western-Dreh zu shakespearscher Schurkengröße auflaufen. Und das obwohl man den immer glattrasierten Hollywood-Oldie New-Hollywood-mäßig mit Kris-Kristofferson-Fusselbart und Neil-Young-Fransenjacke ausstaffiert hat.

Dalton ist eben Profi. Genau wie sein Sidekick Booth. Tarantino folgt den beiden, wie sie die Zeitenwende zu überstehen versuchen - auch und vor allem durch den Einsatz dessen, was nun mal ihr Kapital ist: des einen Gesicht, des anderen Körper. Aber gegen das Weiche, Fließende, Wuchernde der Stars der neuen Zeit mit ihren Haarmatten, Rauschebärten und Rüschenhemden wirken die beiden Kantholzkerle wie Fremde.

Trotzdem suchen sie Anschluss, zum Beispiel an den Regisseur Roman Polanski und die Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie), die direkt über Dalton im Cielo Drive Quartier bezogen haben. Sehnsüchtig schaut Dalton dem Prinzen und der Prinzessin des neuen Hollywood hinterher, wie sie hoch auf ihr kleines Schloss fahren.

Umbruchs-Epos als Produkt massiver Umbrüche

"Once Upon a Time in Hollywood" - den Titel hat Tarantino nicht umsonst von dem Western-Abgesang "Once Upon a Time in the West" seines Lieblingsregisseurs Sergio Leone entlehnt - ist ein Film der Umbrüche, Abstürze und Vernichtungsfeldzüge: Kino gegen Fernsehen, altes gegen neues Hollywood, und alle zusammen gegen die Hippies.

Im dunklen Hinterland von Tarantinos bunter und brutaler Märchenwelt mit ihren verführerischen Billboards und funkelnden Kinofassaden lungern die sogenannten Manson-Girls; die zweite Hälfte des Films spielt am 8. August 1969, dem Vorabend jenes Tages, in dem in der Realität jenseits von Tarantinos irreal schöner Hollywoodversion die schwangere Sharon Tate und vier ihrer Begleiter ermordet wurden.

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Tarantinos Umbruchs-Epos ist selbst ein Produkt massiver Umbrüche. Um ihn herum wurden alle großen Regie-Autoren ins Fernsehen gedrängt, und, noch zentraler, durch die infolge der Enthüllungen um den Filmproduzenten Harvey Weinstein 2017 entstandene #MeToo-Bewegung wurde die Repräsentation von Frauen in Filmen grundsätzlich überdacht. Seit "Pulp Fiction" wurden alle Tarantino-Werke von Weinstein produziert, er war auch noch im frühen Entwicklungsstadium des Filmes an "Once Upon a Time in Hollywood" involviert. (Lesen hier einen Artikel über "Den Film nach #MeToo".)

Die Manson-Girls als Hollywoodprodukte?

Möglicherweise ist es auf die #MeToo-Debatte zurückzuführen, dass Tarantino Charles Manson nur einmal kurz als vor dem Haus von Polanski und Tate herumirrenden Zausel auftreten lässt und statt auf ihn auf die weiblichen Mitglieder von Mansons Sekte fokussiert: Sie hausen auf einer ehemaligen Filmranch, und schauen dort im bekifften Dämmerzustand den ganzen Tag Fernsehserien. Sind die Manson Girls also Produkte der Konsumwelt, die Dalton und Booth mit am Laufen halten? Die Gespenster, die sie riefen? Ein solch medienkritischer Ansatz wäre dem Gewaltästheten Tarantino suspekt.

Trotzdem räumt er den "Girls" eine zwiespältige Macht ein, die ansonsten keinem männlichen Part in seiner restaurativen Hollywood-Parallelwelt zukommt. Bedrohlich rotten sie sich zusammen, im Gegensatz zu allen Filmhandlangern mit ihren fadenscheinigen Überlebensstrategien ist ihr Handeln nicht ergründbar. Klar ist: Da ist eine Macht, die Hollywood zerstören will.

Der Regisseur, so viel darf verraten werden, schwingt sich zu einer ihm eigenen Rettungsstrategie jener geliebten Welt auf, die doch eigentlich nicht mehr existiert, vielleicht so auch nie existiert hat. Und das unter Einsatz von Techniken, die sonst nur noch in Filmmuseen zu begutachten sind. Wie gesagt: Dieser Film ist der letzte seiner Art, auch Tarantino wird so einen nicht noch einmal drehen.


"Once Upon a Time in Hollywood"
USA 2019
Buch und Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Timothy Olyphant, Margaret Qualley
Produktion: Heyday Films, Bona International Film Group, Columbia Pictures, Sony Pictures Entertainment
Verleih: Sony Pictures Germany
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 161 Minuten
Start: 15. August 2019




insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Akzente 14.08.2019
1. Tarantino nur noch ein Abklatsch?
Aus meiner Sicht schon. Ich bin zwar nicht einer von denen, die ständig "Pulp Fiction" und "Jackie Brown" sehen wollen, aber was schon mit "Kill Bill" begann, ist seit Langem nur noch: Klimbim - leider.
rekcufrehtom 14.08.2019
2. @Akzente
Da liegst du natürlich völlig falsch und hast den Text auch noch missinterpretiert.
Mehrleser 14.08.2019
3.
"Trotzdem räumt er den "Girls" eine zwiespältige Macht ein, die ansonsten keinem männlichen Part in seiner restaurativen Hollywood-Parallelwelt zukommt" - aber bitte daraus keine Referenz von Tarantino an das unsägliche #metoo konstruieren. Jackie Brown, Death Proof und Kill Bill sind ja schon etwas ältere Beispiele für starke Frauenrollen in seinen Filmen. Ansonsten ist es wirklich ein Grund, nostalgisch zu werden. Möge die Zukunft Netflix auf dem Mobile-Display gehören, ich liebe 70mm-Filme auf der richtig großen Leinwand.
kortumsonne 14.08.2019
4. Klarer Fall...
morgen geh' ich ins Kino, freu' mich schon wie Bolle!
madlex 14.08.2019
5.
Ich war etwas besorgt, dass der Film so langatmig wie Hateful Eight werden könnte und war im Kino positiv überrascht wie kurzweilig die 2,5h am Ende waren.
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