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Quentin Tarantino in Cannes Er rettet sie alle

25 Jahre nach "Pulp Fiction" kehrt Quentin Tarantino mit "Once Upon a Time... in Hollywood" auf den roten Teppich in Cannes zurück. Sein Märchen über die Manson-Morde mit Brad Pitt und Leonardo DiCaprio ist großer, sinnentleerter Spaß.

Welchen Sonderstatus Quentin Tarantino in Cannes 2019 hat, zeigt sich auch daran, dass es sowohl begeisterten Applaus als auch dröhnende Buhrufe gab - noch vor der Weltpremiere von "Once Upon a Time...…in Hollywood".

Applaus kam auf, als sich die Türen zum Palais de Festival öffneten und der Einlass zur Pressevorführung begann. Zuvor war die Sorge unter Kolleginnen und Kollegen groß gewesen: Eine oder besser zwei Stunden vorher anstellen, um in den meisterwarteten Film des Festivals, womöglich des Kinojahrs zu kommen? Und dann auch noch auf den Tag genau 25 Jahre nachdem Tarantino mit "Pulp Fiction" die Goldene Palme gewonnen hatte…...

Außer kleiner Schubsereien blieb dann doch alles ruhig. Bis ein Mitarbeiter des Festivals einen Brief Tarantinos an die versammelte Presse verlas: Man solle bitte auf Spoiler verzichten, um allen anderen dasselbe Seherlebnis zuzugestehen, das man selber gleich haben würde. Die Filmkritik reagierte mit Buhrufen. Von Tarantino hätte man mehr Vertrauen erwartet.

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Premiere in Cannes: Roter Teppich für Tarantino

Foto: Gareth Cattermole/ Getty Images

159 Minuten später kann man seine Sorgen besser verstehen. "Once Upon a Time... in Hollywood" hat letztlich nur eine Pointe, und die kann man sich auch noch aus Titel, Thema und Werkzusammenhang ziemlich gut zusammenreimen.

Dass "Once" so pointenarm ist, merkt man aber die längste Zeit nicht, weil er so pointenreich daherkommt. Zwei Stunden lang bietet Tarantino grenzenlosen, sinnentleerten Spaß. Es fließen die Bilder ineinander, es geben sich die Stars (Al Pacino, Kurt Russell, Lena Dunham, Damien Lewis) die Klinke in die Hand.

Doch dann schwingt er sich auf der Zielgeraden zu einer Heldentat auf, die ganz und gar anmaßend ist - fast so anmaßend wie sein Umschreiben des Holocausts ("Inglourious Basterds") oder der Geschichte der Sklavenbefreiung ("Django Unchained"). Tarantino will sie einfach alle retten - Juden, Schwarze, Frauen.

Dass es bei "Once" zwei Männer dafür braucht, gehört zu den vielen verdrehten Ideen des Films. Leonardo DiCaprio spielt den TV-Darsteller Rick Dalton, Brad Pitt sein Stunt-Double Cliff Booth. Gemeinsam navigieren sie ein semi-erfolgreiches Leben in Hollywood, zu dem Rollen in fiktiven Serien ("Bounty Law") und Begegnungen mit echten Stars (Bruce Lee) gehören.

Immer wieder schwenkt "Once" so zwischen Pastiche und Hommage, würdigt Tarantino die Arbeiten anderer Regisseure und macht sich einen Spaß daraus, Stars und Filme zum Kanon dazu zu erfinden. Ein wunderbarer Bilderfluss schwillt so an, mit vielen sonnendurchfluteten Außenaufnahmen in den strahlenden Farben der späten Sechziger (Kamera: Robert Richardson). Das ist nicht nur nach dem grimmigen Kammerspiel "The Hateful 8" eine bemerkenswerte Abwechslung: So sehr wie hier sind die Dialoge bei Tarantino noch nie zugunsten der Bilder in den Hintergrund getreten.

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Es war einmal...: Pitt und DiCaprio im neuen Tarantino

Foto: Festival de Cannes

Das verleiht "Once" bei aller Opulenz in Inszenierung und Ausstattung auch eine Art vergnügliche Selbstgenügsamkeit. Zehn Filme werde er in seinem Leben insgesamt machen, hat Tarantino angekündigt. Dies ist sein neunter, doch was danach kommen soll, ist unklar, denn "Once" wirkt wie ein Best-of - sowohl im Sinne einer Hit-Compilation als auch eines Karrierehöhepunkts. Lustiger und gelassener hat der 56-Jährige selten vor sich hingesponnen.

Doch irgendwann schwingt er sich von der gemütlichen Metaebene runter ins historische Geschehen, verbindet die Geschichte von Rick und Cliff mit der von Sharon Tate (Margot Robbie). Die als "Family" bekannte Manson-Bande lässt Tarantino dabei weitgehend außen vor, mutmaßlich nicht aus Zurückhaltung, sondern aus Ratlosigkeit. Mit so kaltblütigen Mörderinnen wie den Manson-"Mädchen" scheint Tarantino nichts anfangen zu können, weshalb er sie - wie letztlich auch Sharon Tate - an den Rande dieses Buddy-Movies drängt.

Sollte der Weinstein-Skandal Spuren bei Tarantino hinterlassen haben - in diesem Film, seinem ersten ohne Harvey Weinstein als Produzenten, sind sie nicht zu erkennen. Denn im Zentrum machen sich die Hollywood-A-List-Macker DiCaprio und Pitt breit, ersterer als ein windelweicher Selbstzweifler, letzterer als richtig harter Knochen. Er habe seine Frau umgebracht und sei ungeschoren davongekommen, heißt es über Pitts Figur mehrfach ehrfürchtig im Film.

So entstehen in "Once" auch immer wieder sehr typische Tarantino-Momente, nicht einfach zu verurteilen, aber auch nicht leichtfertig abzutun in ihrer Ambivalenz gegenüber Frauen und Gewalt.

Buhrufe zusammen mit Applaus, das passt hier auch nach dem Film wirklich gut.

"Once Upon a Time... in Hollywood" startet am 15. August in Deutschland