Bilanz der Online-Berlinale Pech beim Vögeln, Glück im Kino

Porno, Wut und Corona-Masken: Mit Radu Judes »Bad Luck Banging« gewinnt ein Film die Berlinale, der unsere Zeit furios auf den Punkt bringt. Weniger erfreulich war das Onlineformat des Festivals.
Szenenbild aus »Bad Luck Banging or Loony Porn«, dem Berlinale-Gewinner von Radu Jude

Szenenbild aus »Bad Luck Banging or Loony Porn«, dem Berlinale-Gewinner von Radu Jude

Foto:

Ghetie Silviu / Silviu Ghetie / Micro Film / Berlinale

Mit einem Sprung ins Bett von Lehrerin Emi beginnt der rumänische Gewinnerfilm der diesjährigen Berlinale. Dass es sich bei ihr um eine Lehrerin handelt, wissen wir zunächst nicht. Wir sehen nur eine junge Frau und ihren Partner. Und dann, wie sich die beiden bei Masturbation, Blowjob und schließlich Penetration von hinten vergnügen.

Aber der Film heißt »Bad Luck Banging or Loony Porn«, in etwa »Pech beim Vögeln oder Bekloppten-Porno«, und so kippt der Spaß ganz schnell in Stress um, zumindest für Emi (Katia Pascariu): Die Videoaufzeichnung von ihrer Nummer landet auf einer »Erwachsenen«-Seite im Internet, wo sie ihre Schülerinnen und Schüler finden und sofort ihren Eltern davon erzählen.

Das ist das Pech beim Vögeln, der Bekloppten-Porno ist das, was folgt: ein Tribunal der Eltern, bei dem Triebabfuhr in Form von Hasstiraden betrieben wird. Denn zwischen Pandemie, Neofaschismus und Korruption scheint nichts besser dem gefühlten kollektiven Kontrollverlust entgegenzuwirken, als sich als Richter über Frauen und ihre Sexualität aufspielen zu können und zu entscheiden, ob Emi weiter unterrichten darf.

Sogar »Wonder Woman« tritt auf

Immer wieder wurde bei Berlinale-Gewinnern gelobt, dass sie das politischste aller großen Filmfestivals mit ihrer Relevanz und Dringlichkeit schmücken. »Bad Luck Banging or Loony Porn« bestätigt und sprengt diese Regel, er fängt Zeitgeist ein und stellt sich gegen ihn, will nicht gefallen und ist trotzdem der größte Spaß, der seit Ewigkeiten einen Goldenen Bären gewinnen konnte. Denn bei aller intellektueller Rigidität, die Regisseur Radu Jude hier beweist, dreht sein Film in den besten Momenten völlig frei. Am Ende hat sogar »Wonder Woman« den besten Auftritt des Jahres, wenn nicht ihrer gesamten Kinokarriere.

Für Radu Jude kulminiert damit eine lange Berlinale-Geschichte. Schon mit seinem Debütfilm »Aferim!«, einem Schwarz-Weiß-Western, der im Rumänien des 19. Jahrhunderts angesiedelt war, wurde der Rumäne 2015 in den Wettbewerb eingeladen und mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. Und schon damals zeigte sich, wie sehr er auf den Neorealismus, mit dem das neue rumänische Kino in den vergangenen Jahren zu Preisen und Weltruhm gekommen war, pfiff.

Stattdessen ließ er einen überraschenden Film auf den nächsten folgen, ließ eine sommerliche Holocaust-Gedenk-Komödie einem düsteren Künstlerporträt nachfolgen – und schloss daran hochkomplexe Essayfilme wie zuletzt »Tipografic majuscul« an, der 2020 in der Berlinale-Sektion Forum lief.

Allein, dass er jetzt den Goldenen Bären gewonnen hat, kommt wenig überraschend. Ab seiner Premiere im Onlineangebot, auf das die Berlinale pandemiebedingt bis auf Weiteres geschrumpft ist, war Jude einer der Favoriten auf den Hauptpreis. Nur der Deutsch-Georgier Alexandre Koberidze und die Französin Céline Sciamma (siehe Festival-Highlights) schienen echte Konkurrenz für ihn zu sein. Dass die beiden nun völlig leer ausgingen, relativiert die Treffsicherheit, die die Jury mit ihrem Goldenen Bären bewiesen hat.

Fotostrecke

Die Berlinale-Highlights 2021

Schon wieder ist Routinier Hong Sang-soo ausgezeichnet worden – nach bester Regie und bester Hauptdarstellerin diesmal für das beste Drehbuch. Die neuen Talente, auf die die Preise aufmerksam machen können, beschränken sich 2021 auf den Ungarn Dénes Nagy, dem mit »Natural Light« ein extrem souveränes Zweiter-Weltkriegs-Drama über einen ungarischen Soldaten im Einsatz in der Sowjetunion gelang.

Vielleicht war die Jury, die diesmal nur aus bisherigen Bären-Gewinnerinnen und -Gewinnern wie Ildikó Enyedi und Gianfranco Rosi bestand, auch zu sehr damit beschäftigt, die Schauspielpreise klug zu verteilen. Dass diese ab 2021 genderneutral ausgeschrieben sind, hatte im Vorfeld für einige Diskussionen gesorgt, ob damit die Repräsentation von Frauen sinken würde. Doch wie vorherzusehen war, entschied sich die Jury im Sinne einer Diskursbombenentschärfung für zwei Schauspielerinnen: die Deutsche Maren Eggert aus »Ich bin dein Mensch« für die beste Hauptrolle und die Ungarin Lilla Kizlinger aus »Rengeteg – Mindenhol látlak« für die beste Nebenrolle, beides kluge, feinnervige Leistungen, die das Preis-Spotlight verdient haben.

Die höchste Auszeichnung für das deutsche Kino, das mit vier Filmen bei einem auf 15 reduzierten Wettbewerbskontingent überdurchschnittlich stark vertreten war, war der Jurypreis für »Herr Bachmann und seine Klasse«, Maria Speths wunderbare Langzeitbeobachtung eines Lehrers, der scheinbar gar nicht anders kann, als seine Schülerinnen und Schüler auf den richtigen Weg zu bringen. Ihm gehören die am schnellsten vergehenden dreieinhalb Stunden dieser Berlinale.

Es geht noch exklusiver

Dass Dominik Graf und Daniel Brühl dagegen leer ausgingen, kann man mit etwas Groll als Strafe für zwei Filme verstehen, die die Exklusivität dieser Netz-Berlinale ins Absurde steigerten. Statt sich der bereits stark reduzierten internationalen Presse zu stellen, verweigerten sich »Nebenan« und »Fabian« dem Streaming und wurden nur ausgewählten Kritikern und Kritikerinnen vorab im Kino gezeigt – ein Fehlgriff, den man den Produktionen, aber auch dem Festival ankreiden kann. Hier hätte die Berlinale strenger verhandeln sollen und keine Ausnahmen gelten lassen dürfen.

Aber wie viel Spielraum die Festivalleitung aus Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian in diesem Jahr hatte, ist eh fraglich. Lange träumte sie von einer Offline-Berlinale, zuerst noch im angestammten Februar, dann im April, bis Kulturstaatsministerin Monika Grütters schließlich einschritt und ein Hybridformat durchsetzte. Im Juni sollen nun die Gewinnerfilme sowie die Auswahl der anderen Sektionen in Berliner Kinos laufen.

Was bis dahin als Eindruck vom Festival Bestand hat, lässt sich schwer sagen. Über 100 Filme, in fünf Tranchen aufgeteilt und jeweils nur für einen Tag freigeschaltet, fügten sich in der individuellen Nutzung einfach nicht zu einem Festivalprogramm zusammen, das Diskussionen stiftet und künstlerische Positionen über den einzelnen Film hinaus sichtbar macht. Auch auf ein Viertel ihres normalen Filmumfangs geschrumpft hat sich die Berlinale so wieder als Wildwuchs erwiesen, in dem höchstens einzelne kuratorische Akzente zu erkennen waren: Die seit 2020 bestehende Reihe »Encounters« etwa profilierte sich weiter als Sektion, in der perfektionierte Filmsprachen wie die der Zürcher-Brüder neben einem Amateurexperiment wie »The Scary of Sixty-First« von Dasha Nekrasova Platz finden und für ein Kino der Disparitäten einstehen.

Die restlichen Qualitäten muss dann das Summer Special zeigen, mit hoffentlich viel Publikum, aber in jedem Fall mit einem würdigen Goldenen Bären.