"Open Hearts" Eruptionen des Lebens

Der neueste, vielleicht letzte Dogma-Film aus Dänemark ist einer der Besten: In dem Beziehungsgrama "Open Hearts" erzählt die Regisseurin Susanne Bier ganz unprätenziös von der Zerbrechlichkeit des Lebens und der Liebe.

Von Oliver Hüttmann


"Open Hearts", Darsteller Richter, Kaas: Zerbrechliche Idylle
Arsenal / Rolf Konow

"Open Hearts", Darsteller Richter, Kaas: Zerbrechliche Idylle

Man vermutete einen Scherz, entstanden im Suff, allenfalls eine Satire, als 1995 die dänischen Regisseure Lars von Trier und Thomas Vinterberg zum 100. Geburtstag des Films im Pariser Odéon-Theater stilgerecht in antibürgerlicher Protestpose rote Flugblätter mit ihrem Dogma-Manifest verteilten. Dem Illusionskino Hollywoods wollten sie entgegenwirken, den Bildern ihre "verlorene Unschuld" zurückgeben mit einem kinematographischen Keuschheitsgelübde.

Doch es war ihnen todernst, und nach ihren Musterwerken "Das Fest" und "Idioten" wurde daraus ein Trend, dem Filmemacher aus der ganzen Welt folgten. Rund 30 Dogma-Filme gibt es bereits offiziell, so genau aber weiß das keiner, die meisten sind auch kaum beachtenswert. Die Besten drehen weiterhin die Dänen, die einen immer wieder verblüffen: Nach "Italienisch für Anfänger" und "Kira" im vergangenen Jahr nun mit "Open Hearts".

Nach dem Extremfall: Joachim (N.L. Kaas) und Cecilie (S. Richter) müssen sich arrangieren
Arsenal / Rolf Konow

Nach dem Extremfall: Joachim (N.L. Kaas) und Cecilie (S. Richter) müssen sich arrangieren

Die Regisseurin Susanne Bier erzählt von einem Schicksalsschlag, der einem Mann wortwörtlich den Boden unter den Beinen wegreißt, wodurch auch das Leben einer jungen Frau und einer Familie ins Schwanken gerät. Joachim (Nikolaj Lie Kaas) wird von einem Auto angefahren, unmittelbar nachdem er seiner Freundin Cecilie (Sonja Richter) einen Heiratantrag gemacht hatte. Ein Kuss, ein Knall, und die ganze Lebensplanung ist dahin. Als Joachim im Krankenhaus erwacht, ist er vom Hals abwärts gelähmt. Dem Schock folgt Selbstmitleid.

Joachim, der kräftige Kerl, fühlt sich nutz- und hilflos und will sich gerade deshalb nicht helfen lassen. Störrisch und sarkastisch benimmt er sich, denn demütigender als sein Los empfindet er die gut gemeinten Aufmunterungen, das Leben gehe weiter, nichts ändere sich, naja ein bisschen vielleicht. Er beleidigt die Krankenschwester und verstößt rücksichtslos Cecilie, die er nicht mal mehr sehen und sprechen will. Verstört klammert sie sich einmal sogar nackt an den reglos im Krankenbett Liegenden, um ihm ihre gebliebene Liebe zu beweisen, doch er brüllt, tobt und windet sich mit der letzten verzweifelten Energie seines lahmen Körpers.

Botschafter der Sühne: Niels (Mads Mikkelsen) verliebt sich in Cecilie
Arsenal / Rolf Konow

Botschafter der Sühne: Niels (Mads Mikkelsen) verliebt sich in Cecilie

Im selben Krankenhaus arbeitet auch der Arzt Niels (Mads Mikkelsen), dessen Frau Marie (Paprika Steen) den Unfall verursacht hat. Obwohl die Polizei sie von der Schuld freispricht, fühlt sie sich schuldig und drängt Niels, er solle sich um die seelisch immer labilere Cecilie kümmern. In Gesprächen, die immer häufiger und länger werden, spendet er ihr Trost wie ein Vermittler zwischen den desolaten Seiten, ein Botschafter der Sühne.

Schon bald frotzelt ein Kollege, Niels habe wohl eine Affäre mit dem Mädchen. Sogar seine pupertierende Tochter Stine, die gerade Liebeskummer hat, macht am Frühstückstisch unverhohlene Andeutungen. Niels weist das empört zurück, aber die Stimmung der Familie wird immer gereizter. Und dann geschieht es halt doch: Niels kann sich Cecilies Sehnsucht nach Nähe nicht entziehen. Und obwohl er fürchtet, ahnt, weiß, dass sie zu Joachim zurückkehren wird, wenn der erst seine destruktive Phase überwunden hat, verliebt er sich in Cecilie.

Unmögliche Liebe: Cecilie und Mads wissen um die Zerbrechlichkeit ihrer Romanze
Arsenal / Rolf Konow

Unmögliche Liebe: Cecilie und Mads wissen um die Zerbrechlichkeit ihrer Romanze

Jeder Moment in "Open Hearts" ist von empfindsamer Schmerzhaftigkeit und Wahrhaftigkeit. Ob das an den Dogma-Regeln liegt, muss man nicht debattieren. Womöglich wäre das auch mit der üblichen Filmtechnik gelungen. Zumal Bier sich ohnehin nicht rigide an die Vorgaben hält, indem sie mit einigen im Super-8-Format gedrehten Traumsequenzen gegen das Gegenwartsgebot verstößt. Für die Authentizität sind auch keine verwackelten, grobkörnigen Videobilder nötig. Entscheidend ist hier die Ehrlichkeit, mit der Bier ihre Charaktere zeigt und die ausnahmslos glaubwürdigen, großartigen Darsteller, die sie verkörpern.

"Open Hearts" erzählt schlicht, aber unerbittlich von jenen Sekunden, die jede Klarheit zerstören. Joachims Unfall ist nur der Ausgangspunkt und seine Querschnittlähmung ein Extremfall. Ebenso eruptiv werden Cecilie, Niels und Marie aus dem Leben gerissen, weil sich Gefühle nur schwer kontrollieren lassen und man nie weiß, wohin einen die nächste Situation führt. Daher ist "Open Hearts" kein bleischweres Krankendrama, sondern ein Film über die Zerbrechlichkeit von Liebe und Leben.

So muss auch das Ende des Films offen bleiben. "Ich liebe dich für ewig", heißt "Open Hearts" im Original. Daran gibt es keinen Zweifel. Aber jeder muss für sich neu anfangen. Immer wieder.

"Open Hearts" ("Elsker dig for evigt"). Dänemark 2002. Regie: Susanne Bier; Drehbuch: Anders Thomas Jensen; Darsteller: Mads Mikkelsen, Sonja Richter, Nikolaj Lie Kaas, Paprika Steen; Stine Bjerregaard; Länge: 113 Minuten; Verleih: Arsenal; Start: 9. Januar 2003



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