Oscar-Ausblick Blau oder Frau?

Mit der Verleihung der Golden Globes ist das Oscar-Rennen offiziell eröffnet. Eine Woche vor den Nominierungen für Hollywoods wichtigsten Filmpreis scheinen die Favoriten klar: James Cameron könnte das Feld mit "Avatar" von hinten aufräumen. Härtester Konkurrent: seine Ex-Frau.
Regisseure Cameron, Bigelow (bei den Critic's Choice Awards): Duell der Ex-Eheleute

Regisseure Cameron, Bigelow (bei den Critic's Choice Awards): Duell der Ex-Eheleute

Foto: Matt Sayles/ AP

Diesmal wird alles anders bei den Oscars. Und dennoch bleibt vielleicht alles wie gehabt. Erstmals seit 1945 wird es bei der Verleihung der 82. Academy Awards wieder zehn Nominierte in der Kategorie "Best Picture of the Year" geben, das öffnet das Feld weit für Filme, die ansonsten kaum eine Chance gehabt hätten, in den erlauchten Kreis aufgenommen zu werden. Science-Fiction-Filme wie "Star Trek" oder "District 9" zum Beispiel. Oder Komödien wie "The Hangover".

Die Academy entschied sich für die Erweiterung der Nominierten-Liste, nachdem Publikumsfavoriten wie "The Dark Knight" im vergangenen Jahr nach Meinung vieler Kritiker zu kurz gekommen waren. Populärere Filme in den Hauptkategorien bedeutet mehr Zuschauerinteresse an den Oscars, also auch endlich wieder eine bessere Einschaltquote für die seit Jahren schwächelnde Drei-Stunden-Gala.

Folgt man diesem Kalkül, dürften sich Adam Shankman und Bill Mechanic, die Produzenten der Oscar-Show, seit Sonntagabend etwas entspannt haben. Bei der Vergabe der Golden Globes durch die 83-köpfige Hollywood Foreign Press Association gewann überraschenderweise James Camerons 3-D-Spektakel "Avatar" die beiden Hauptpreise für den besten Film und die beste Regie in der Drama-Kategorie. Die Globes, das raunt man in Hollywood durch jedes Kneipenhinterzimmer, sind ein fester Indikator für die Oscars. 15-mal folgte die Academy dem besten Film der Globes in den letzten 22 Jahren.

Erdrutsch-Sieg für "Avatar"?

Für James Cameron, der in den vergangenen Wochen erneut den Rekord für den teuersten Film aller Zeiten brach und kurz davor steht, erneut auch den weltweit erfolgreichsten Film gedreht zu haben, könnte sich am 7. März also tatsächlich eine ähnliche Situation ergeben wie 1998, als er mit "Titanic" sagenhafte elf Oscars gewann. Die rund 6000 Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences müssen am kommenden Wochenende ihre Stimmzettel einreichen. Und sie sind bekannt dafür, dass sie sich gern mal vom Wirbel, der um einen einzelnen Film gemacht wird, mitreißen lassen. Ein Erdrutsch-Sieg für den visuell bahnbrechenden, auf Plot- und Darsteller-Seite aber defizitären "Avatar" wäre künstlerisch eine Enttäuschung, könnte aber den entscheidenden Quotenanstieg für die Show bedeuten.

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Golden Globes 2010: Die Gewinner

Foto: VALERIE MACON/ AFP

Aber es gibt natürlich noch ein paar Konkurrenten, die sich nach den Golden Globes umso stärker herauskristallisieren. Am gefährlichsten in der Regie und Film-Kategorie könnte Cameron seine Ex-Ehefrau Kathryn Bigelow werden. Ihr Kriegsdrama "The Hurt Locker - Tödliches Kommando" gilt vor allem unter Kritikern als Oscar-Favorit. Bei den Globes allerdings ging sie leer aus.

Auch Jason Reitman dürfte mit seinem sensibel erzählten Arbeitsmarkt-Drama "Up In The Air" gute Chancen haben, auch wenn es bei den Globes nur für den Preis für das beste Drehbuch reichte. Hauptdarsteller George Clooney sollte neben Jeff Bridges, der als alternder Country-Sänger in "Crazy Heart" auch die Globes-Jury überzeugte, die besten Chancen auf einen Darsteller-Oscar haben. Auch Morgan Freeman in Clint Eastwoods Nelson-Mandela-Drama "Invictus" ist hier unter den Favoriten.

Und natürlich auch der wunderbar tragikomische Theaterdarsteller Michael Stuhlbarg aus "A Serious Man". Die jüdische Kleinstadt-Klamotte der Regie-Brüder Joel und Ethan Coen ist ein weiterer Anwärter auf den Titel "bester Film des Jahres". Das Sozialdrama "Precious" und das starbesetzte Musical "Nine", das allerdings trotz mehrfacher Nominierung keinen Golden Globe gewann, sind ebenfalls im Rennen.

Deutsch-österreichische Favoriten

Auch Quentin Tarantino zählt 15 Jahre nach "Pulp Fiction" mal wieder zu den Favoriten für Regie und besten Film. Sein bei Kritikern und Publikum gleichermaßen beliebtes Nazijäger-Opus "Inglourious Basterds" könnte sogar noch zum Geheimtipp für den 7. März werden. Der diabolisch charmante Nebendarsteller Christoph Waltz, der auch den Golden Globe bekam, gilt als so gut wie gesetzt für den Oscar-Gewinn, ebenso wie seine amerikanische Kollegin und Sängerin Mo'Nique, die als Mutterfigur in "Precious" brillierte.

Bei den Hauptdarstellerinnen tritt die Frau mit den meisten Oscar-Nominierungen gegen sich selbst an: Meryl Streep, 15-mal nominiert, zweimal siegreich, gilt als Favoritin mit ihren Filmen "Julie & Julia" und "It's Complicated". Gefährlich werden könnten ihr zwei Konkurrentinnen: Sandra Bullock, die mit ihrer Rolle in dem Sportler-Drama "The Blind Side" als Charakterdarstellerin überzeugte und mit ihren Komödien "The Proposal" und "All About Steve" eines der erfolgreichsten Jahre ihrer Karriere feierte. Und Nachwuchstalent Carey Mulligan, die als frecher Teenager in Lone Scherfigs Schülerinnen-Drama "An Education" für Furore sorgte.

Und bei den fremdsprachigen Filmen? Zieht man den recht sicher scheinenden Oscar-Gewinn des Österreichers Christoph Waltz in Betracht, könnte es ein gutes Jahr für das deutschsprachige Kino werden, denn nach dem Festival-Triumph in Cannes und der Dominanz beim Europäischen Filmpreis gilt Michael Hanekes deutsch-österreichische Kriegsdämmerung "Das weiße Band" als Favorit für die Academy Awards. Als harte Konkurrenten dürften allerdings Pedro Almodóvar mit "Zerrissene Umarmungen" sowie der Franzose Jacques Audiard mit seinem Gefängnis-Drama "Un Prophète" antreten.

Am 2. Februar werden die Nominierungen für die Oscars 2010 bekanntgegeben, dann wird man wissen, ob James Camerons blaue, animierte Avatare einen Zeitenwechsel in Hollywood einläuten - oder ob mit Kathryn Bigelow endlich einmal eine Frau mit dem Oscar für die beste Regie geehrt wird.

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