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Fotostrecke: Guck mal, wer da stottert

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Oscar-Favorit "The King's Speech" Eure Majestät, Ihr stottert

Mit zwölf Nominierungen ist "The King's Speech" der große Favorit bei den diesjährigen Oscars - zu Recht: Der Film ist ein mitreißendes Drama über den stotternden britischen Thronfolger Albert. Der muss erst seine Stimme finden, bevor er regieren kann.

Colin Firth ist mit plakativen Rollen bekannt geworden: In "Pride and Prejudice" ist er mit einem kraftvollen Kopfsprung in einen See eingetaucht , in "Bridget Jones" hat er einen peinlichen Strickpullover mit Elchmotiv getragen. Aber erst die dezenten Rollen haben ihn wirklich berühmt gemacht. Für seinen von Trauer erdrückten Witwer in "A Single Man" wurde er 2010 für den Oscar nominiert, und mit einer ähnlich konzentrierten Rolle wird er in diesem Jahr höchstwahrscheinlich beim wichtigsten Filmpreis triumphieren.

In "The King's Speech" spielt Firth den stotternden Prinzen Albert, den unfreiwillige Pausen beim Sprechen und bewusste Zurückhaltung beim Entscheiden zum unwahrscheinlichen Helden machen. Auch er selbst sieht sich nicht als König eines Landes, das bald in den Krieg ziehen wird - und schon gar nicht als begnadeter Rhetoriker, der mit Worten regiert. Der Adlige ist glücklich verheiratet, hat zwei kleine Töchter und scheint sich danach zu sehnen, in einem kleinbürgerlichen Leben aufzugehen. Doch die Umstände lassen ihm keine Wahl. Am Ende des Films wird er als König George VI. Großbritannien in den Zweiten Weltkrieg führen.

Wie es dazu kam, erzählen Regisseur Tom Hooper und Drehbuchautor David Seidler (beide ebenfalls Oscar-nominiert) in gekonntem Crescendo: "The King's Speech" fängt als leichte Komödie an und steigert sich fast unmerklich zu einem mitreißenden Drama.

Mit Tricks in die Praxis gelockt

Um ihrem Ehemann die Angst vor öffentlichen Reden zu nehmen, entschließt sich Elizabeth (Oscar-nominiert: Helena Bonham Carter), ihn zum Sprachtherapeuten zu schicken. Nur mit Tricks kann sie ihn in die schäbige Praxis von Lionel Logue (Geoffrey Rush - ja, auch nominiert) locken, nur mit Tricks kann der den widerspenstigen Patienten halten. Er setzt ihm Kopfhörer mit dröhnender Musik auf, dazu soll er aus "Hamlet" rezitieren, während Logue seine Worte mit dem Grammophon aufnimmt. Nach wenigen Versen gibt Albert entnervt auf und bricht die Therapie schon in der ersten Sitzung ab. Erst später, daheim auf dem Sofa, hört er sich die Aufnahme an. Auf der Schallplatte ist ein souveräner Redner zu hören, den die Musik wirkungsvoll von dem abgelenkt hat, was ihn am meisten stört - seine eigene Stimme. Am nächsten Tag ist er zurück in Logues Praxis.

Nur langsam entwickelt sich echtes Vertrauen zwischen Logue und Albert, viel später wird daraus auch Freundschaft. Zwischen den beiden Männern herrschen große Temperamentsunterschiede, die Rush und Firth mit sichtlichem Vergnügen spielen. Rushs Logue verführt mehr, als dass er heilt. Sich auf seinen Therapieansatz einzulassen, heißt, sich auch auf ihn als Menschen einzulassen. Was bei manchen skurrilen Einschlägen - wie etwa dem völlig unbegründeten Glauben, ein großer Schauspieler zu sein - nicht ganz leicht fällt.

Streben nach allumfassender Versöhnlichkeit

In Kontrast zu Rushs närrischem Treiben kann Firth ganz auf Sprödheit setzen. Sein Albert sitzt steif auf jedem Sofa und in jedem Sessel, sein Körper neigt sich gegen alle Achsen im Raum. Bis er innere und äußere Harmonie findet, muss noch einiges passieren - sowohl an sprachtherapeutischen Übungen als auch weltpolitischen Großlagen.

Danny Cohens Cinematografie fängt Spiel und Streit zwischen den Männern gekonnt ein, unterstützt von einer erwartbar opulenten Ausstattung. Mit dem wiederholten Wechsel der Perspektiven von unten und oben thematisiert Cohens außerdem die Schichtunterschiede zwischen ihnen. Damit überdeckt er leidlich die große Schwachstelle des Films - nämlich sein Streben nach allumfassender Versöhnlichkeit.

Chamberlains Appeasement-Politik gegenüber Hitler wird in "The King's Speech" zum Irrglauben eines einzelnen, schwachen Politikers. Die Nazi-Sympathien von Alberts Bruder und Vorgänger auf dem Thron, König Edward VIII., nehmen sich eher wie schlechte Manieren denn faschistische Tendenzen aus. Darüber, wie Winston Churchill als unbedingter Unterstützer von George VI. gezeichnet wird, hat sich unlängst Christopher Hitchens leidenschaftlich aufgeregt .

Trotz der großen Themen ist "The King's Speech" aber zu allererst ein intimer Film. Er führt die Zuschauer in der ersten Hälfte so nahe an seine Hauptfiguren heran, dass ihre Erweiterung zu Personen der Zeitgeschichte in der zweiten Hälfte keinen Bruch bedeutet - im Gegenteil. Am Ende sieht man einem Sprachtherapie-Patienten über die Schulter, der soeben seinem Volk verkündet hat, dass man sich im Krieg mit Deutschland befindet. Vor ihm breitet sich eine Menschenmasse aus, die ihn für seine Worte feiert.

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