Oscarfavoritin Olivia Colman Diese Frau müssen Sie kennen

Ihr Gesicht kennen Sie, ihren Namen vielleicht noch nicht: Der britische TV-Star Olivia Colman erobert Hollywood. Mit ihrer Rolle als Queen Anne in "The Favourite" wird sie zur Favoritin - für den Oscar.

Ein Interview von


Zur Person
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    Olivia Colman, 1974 in Norwich geboren, wurde 2018 von einer TV-Zeitschrift zur "most powerful Person" im britischen Fernsehen gekürt. Für ihre Rollen in Serien wie "Broadchurch" und "The Night Manager" gewann sie zahlreiche Preise. Als Queen Anne im Kino-Drama "The Favourite" erhielt sie soeben ihre erste Oscar-Nominierung. Mit Regisseur Yorgos Lanthimos arbeitete sie bereits für "The Lobster" zusammen. In der dritten Staffel der Serie "The Crown" übernimmt Colman die Rolle von Queen Elizabeth II.

SPIEGEL ONLINE: Frau Colman, im vergangenen Jahr wurden Sie zur mächtigsten Persönlichkeit im britischen Fernsehen gewählt. Was bedeuten Ihnen solche Zuschreibungen?

Colman: Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet! Wenn ich wirklich die mächtigste Persönlichkeit in der Glotze wäre, dann müsste ich bestimmt nicht mehr am Wochenende arbeiten - oder über 17 Uhr hinaus. Muss ich aber. Insofern...

SPIEGEL ONLINE: Mal angenommen, Sie hätten ein einflussreiches Amt inne. Was würden Sie tun, wenn Sie Macht hätten?

Colman: Ich würde gleichberechtigtes Casting verlangen: Mann, Frau, Mann, Frau - quer durch alle Bereiche, vor allem auch hinter der Kamera. Das würde ich sehr gerne verändern, in meiner Branche, dem Fernsehen und Kino. Zum Glück verändert es sich bereits. Wenn auch langsam.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte man praktisch zu mehr Gleichberechtigung kommen?

Colman: Ich fände es interessant, wenn Drehbücher unter neutralen Namen eingesandt würden. So viele Frauen fangen als Autorinnen an, brechen dann aber ihre Karrieren ab, weil ihre Skripte abgelehnt werden, zugunsten von Männern. Ich frage mich, ob das Ergebnis nicht viel ausgeglichener wäre, wenn man eine Art Blindtest macht. Es wäre einen Versuch wert.

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Olivia Colman: Vom TV-Star zur Oscarfavoritin

SPIEGEL ONLINE: Im Film "The Favourite" (unsere Filmkritik lesen Sie hier) spielen Sie Queen Anne, demnächst zum zweiten Mal in ihrer Karriere Queen Elizabeth II. Wählen Sie Regentinnen-Rollen bewusst aus?

Colman: Nein, das tue ich eigentlich nicht, sie… tauchen einfach auf. Und bis jetzt waren diese Rollen schlicht die interessantesten. Bei "The Favourite" war es so, dass Yorgos (Lanthimos, der Regisseur), mir das Drehbuch schickte. Ich las es - und ganz ehrlich, ich wäre nicht mehr ganz richtig im Kopf gewesen, wenn ich es abgelehnt hätte, diese Rolle zu spielen. Davon abgesehen habe ich nicht ständig fünf Projekte auf dem Tisch, aus denen ich wählen kann. "The Favourite" war da, und es war genau das, was ich machen wollte.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwierig war es, sich für den Film in die von zahlreichen psychischen und körperlichen Gebrechen geplagte Queen Anne zu verwandeln?

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"The Favourite": Ananas und Gerüchte

Colman: Oh ja, Queen Anne war ein richtiges Schwergewicht. Ich habe eine Menge Pfunde zulegen müssen, um die Kostüme auszufüllen - und auch im Gesicht ihren Rundungen zu entsprechen. Was mehr Spaß gemacht hat, als das ganze Zeug hinterher wieder loszuwerden. Umso mehr freut es mich, wenn man diese Mühe auf der Leinwand sieht.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist Ihr Respekt vor einer historischen Rolle? Wussten Sie vorher Bescheid über Queen Anne und ihre prekäre Konstitution?

Colman: Nein, ich wusste rein gar nichts über sie. Ich verschaffte mir einen groben historischen Überblick, der Rest ergab sich aus dem Drehbuch, da war alles drin. Vor allem die Groteske, das klang nach viel Spaß. Hilfreich war natürlich auch, dass es kein klassisches Historiendrama ist, sondern schmutzig, grell und schon vom Ansatz her respektlos. Und dann ging es eigentlich nur darum, sich ganz und gar auf diese Figur einzulassen. Wenn es Dinge gibt, die ich in meiner bisherigen Karriere bereue, dann sind es immer nur die, bei denen ich nicht mit Leib und Seele dabei war. Nur wenn du dich wirklich komplett dem Charakter, den du spielst, übergibst, ist nichts mehr peinlich.

SPIEGEL ONLINE: Fällt es Ihnen leicht, sich derart in die Gefühlswelten Ihrer Figuren zu versenken?

Colman: Naja, wie Sie sicherlich wissen, liegen meine Gefühle ohnehin stets sehr offen.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, weil Ihr Hang zum emotionalen Ausbruch bereits legendär ist? Man sagt, Sie könnten jederzeit auf Knopfdruck losheulen - oder laut prustend loslachen.

"The Favourite" - Kinotrailer ansehen:

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Colman: Nun ja. Tatsächlich macht es mir großen Spaß, hemmungslos in Gefühlen zu baden, wenn die Rollen es anbieten. Es hat etwas Kathartisches, und es fällt mir sehr leicht. Für mich ist es viel härter, Gefühle zu verbergen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Part der ewig kontrollierten, emotional sparsamen Queen Elizabeth in "The Crown" für Sie daher vielleicht die größte Herausforderung?

Colman: Die Queen wurde von klein auf darauf trainiert, ein Fels für das ganze Land zu sein. Normalerweise fange ich sofort an zu weinen, wenn mein Charakter etwas Trauriges sagen muss, man kann also sagen, dass ich nicht unbedingt prädestiniert für diesen Part bin. Das wird hart. Mal sehen, wie's läuft. Zur Not müssen sie die ganze Zeit nur aus der Perspektive meines Hinterkopfes filmen.

Das Interview mit Olivia Colman führten wir im vergangenen September bei den Filmfestspielen in Venedig anlässlich der Uraufführung von "The Favourite".

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insgesamt 4 Beiträge
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Frida_Gold 23.01.2019
1.
Großartige Schauspielerin mit vielen Nuancen und wahnsinniger Präsenz im Bild. Ich hoffe, sie bekommt entsprechend Anerkennung.
frida1209 23.01.2019
2.
#1Dem kann ich nur voll zustimmen. Ich erinnere hier nur an "Broadchurch" und "The Nightmanager".
cetonia 23.01.2019
3. Jedes Mal...
... wenn ich sie bei Mitchell & Webb, Hot Fuzz oder Dr. Who sah, dachte ich "Wann bekommt sie endlich mal eine große Rolle?". BINGO!
argumentumabsurdum 24.01.2019
4. "Diese Frau müssen Sie kennen"...?
Muss ich? Warum? - Ich fühle mich bei so einer Imperativ - Ansprache an die Boulevardpresse erinnert, die immer meinen urteilen zu dürfen: "Was Sie jetzt über ... wissen müssen." - Ne, wenn ich möchte, dann gerne. Aber ich muss hier gar nichts!
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